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Des Teufels Steg: Seite 151
»Ich weiß. Aber für deinen Sohn brauchst du einen jungen und kräftigen Wilden Mann als Vater. Wilder Wolfgang ist schon in meinem Alter, von ihm kannst du vermutlich kein gesundes Kind bekommen.« »Und von wem dann? Wie soll denn das gehen, wenn kein Wilder auf mich aufmerksam wird?« »Zudem«, sprach Ursel leise weiter, ohne auf die Fragen von Cecilia einzugehen, »gehört dieser Wolfgang gar nicht zu uns. Er riecht nicht wie ein Mann, in dessen Adern wildes Blut fließt. Er stammt nicht von den Wilden ab.« »Bist du sicher, Mutter?« »Ja, Cecilia, ich saß lange genug auf seinem Rücken. Er riecht ganz anders.« »Was soll ich denn jetzt bloß machen?«, fragte das blonde Mädchen ihre Mutter verzweifelt. »Du sollst Geduld haben, Cecilia.« Ursel verstummte und schlief erneut ein, während ihre Tochter nach wie vor neben ihr bewegungslos saß und über eigene Probleme nachdachte. Der leichte Rausch des Zaubertranks hatte sich bei der ganzen Aufregung verflüchtigt – jedenfalls schlafen wollte Cecilia nicht mehr. Unterdessen fing es an zu dämmern. Aber sosehr sich Breitscheid noch vor Kurzem das Ereignis herbeigewünscht hatte, ging es völlig unbemerkt an ihm vorbei, denn etwas anderes nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Er beobachtete seltsame Metamorphosen, die über der Schlucht stattfanden, während er auf dem Pfad stand und dem unten in der Klamm tosenden und zischenden Wasser zuhörte. Von einer Minute auf die andere sah er über der Schlucht, an der Stelle, wo die fehlende Brücke hingehörte, ein rätselhaftes phosphoreszierendes Leuchten, das in seiner Intensität allmählich zunahm, die Umgebung allerdings kein bisschen heller machte. Es dauerte nicht lange, bis Wolfgang in der leuchtenden Kugel die Umrisse der Teufelsbrücke erkannte, so wie er sie gesehen hatte, der Torbogen in der Mitte ließ keine Zweifel übrig. Aber sie zeichnete sich nicht wie ein dunkler Fleck vor dem leuchtenden Hintergrund ab, was man vielleicht eher erwartet hätte, nein, sie strahlte noch heller als das sie umgebende Licht und erinnerte an ein Stück glühendes Eisen.
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Doch das war noch mitnichten das Ende der Vorstellung, die Brücke schien immer heißer zu werden, denn ihre Farbe änderte sich von dunkelrot über hellgelb bis zum Ton des Weißglutzustandes. In diesem Augenblick geschah noch etwas Geheimnisvolleres, als der Handelsreisende bislang beobachtet hatte. Über die ganze Brückenlänge, als hätte sich irgendwo ein unsichtbarer Spalt in der Erde geöffnet, strömte plötzlich ein schillerndes Licht nach oben. »Strömte« war auch das einzig richtige Wort, mit dem man die Erscheinung beschreiben konnte, denn die bunten Strahlen verbreiteten sich in der Gegend keineswegs mit Lichtgeschwindigkeit. Sie stiegen nach und nach immer höher in die Luft und die Regentropfen glitzerten in ihrem Licht. Es waren, wie es Breitscheid mitunter vorkam, auch nicht direkt Lichtstrahlen, die langsam gen Himmel krochen. Die rätselhafte Erscheinung hatte mehr etwas von einem Polarlicht an sich, das Wolfgang zwar nie in seinem Leben persönlich beobachtet, aber dennoch aufgrund von Bildern und Fernsehdokumentationen eine Vorstellung davon hatte. Das Merkwürdigste allerdings hatte der Weinvertreter anfangs ganz übersehen: Vom Himmel, genau über dem Teufelssteg, hing aus den Wolken eine leuchtende Zunge hinunter, ein Gebilde, das dem Polarlicht unten in nichts unterlag, vielmehr war es eine genaue Kopie davon. Beide Erscheinungen bewegten sich langsam, aber sicher aufeinander zu und nach einer Weile fanden die bunten Lichtarme zueinander, vereinten sich, wobei jede einzelne Farbe ihre Entsprechung aufspürte, zu einem Ganzen, das vom Steg bis zum Himmel reichte, und erstrahlten mit voller Kraft aller Regenbogenfarben in dem von der Morgendämmerung leicht berührten Bodetal. Nicht viel länger als eine Minute konnte Wolfgang dieses wundersame, farbenfrohe Standbild betrachten, sprachlos und in tiefe Verwunderung versetzt, ehe die Kolorierung zu verblassen begann und die Himmelsleiter bald zu einem grautönigen Gebilde mutierte. Danach ging alles sehr schnell. Der Vorgang, den Wolfgang vorhin erlebt und der schätzungsweise mehrere Minuten gedauert hatte, lief nunmehr in umgekehrter Reihenfolge ab! Alles, was über der Klamm als Trugbild erschaffen worden war, wurde Schritt für Schritt wie im Zeitraffer mit ungeheurer Geschwindigkeit rückgängig gemacht, bis wenige Sekunden später die Leuchtblase, die Breitscheid als Erstes zu Gesicht bekommen hatte, lautlos implodierte und das Licht ausging. Im letzten Augenblick erzitterte nach der Implosion noch kaum wahrnehmbar die Luft und eine unsichtbare Druckwoge breitete sich kreisförmig in alle Richtungen von der nicht mehr existenten Teufelsbrücke aus, wie eine Gravitationswelle aus fernen Welten alles auf ihrem Weg durchdringend, und kolorierte die Gegend in graue Farbtöne. Doch von der letzteren Verwandlung bekam der Handelsreisende nichts mit, denn genauso wie nachts alle Katzen grau waren, waren es in der Morgendämmerung ohnehin schon alle Bäume und Sträucher. Nichtsdestoweniger spürte Wolfgang Breitscheid instinktiv, dass sich etwas verändert hatte, er wusste nur nicht was. Kurzerhand schloss er auf die Lichtverhältnisse, denn genau in diesem Augenblick fiel ihm auf, dass inzwischen der Morgen Einzug hielt. Er stand noch eine Zeit lang am Abgrund und rätselte, ob die seltsamen Verwandlungen mit dem Teufelssteg über der Schlucht, die er zufällig gesehen hatte, wirklich passiert oder eher eine Halluzination waren, ausgelöst durch die Wirkung des Hexentranks oder gar einen bösen Streich seines unheimlichen Begleiters, der in seinem Kopf lebte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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