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Des Teufels Steg: Seite 150

»Mmh …«, gab Cecilia von sich. »Und wie verdienst du, Wilder Wolfgang, das Geld in deiner Welt?«

»Ich verkaufe Wein«, sagte Breitscheid geradewegs und vergewisserte sich anschließend: »Du weißt doch, was Wein ist, oder?«

»Ja, es ist ein Zaubertrank, den edle Leute trinken.«

Der Handelsreisende ließ das Mädchen in seinem Glauben. Vielleicht hatte das Fräulein sogar recht, überlegte er, dass zu der Zeit, in der er aktuell weilte, Wein ein Luxusartikel für die gehobene Schicht war.

»Dann«, sprach Cecilia unterdessen weiter, »stimmt also das, was ich vermutet habe: Du bist ein Wilder Mann. Wilder Wolfgang!«

»Aber ich bin doch kein … Wie kommst du überhaupt darauf?«

»Na ja, jeder, der die Kräuterkunst beherrscht und Zaubertränke zubereitet und verkauft, ist ein Wilder. Oder bist du ein Christ, der es von den Wilden gelernt hat?«

Breitscheid hatte nicht das geringste Verlangen, sich mit der jungen Frau in die Geheimnisse der Weinproduktion zu vertiefen und antwortete nur schlicht: »Weder – noch!«

»Weißt du, Wilder Wolfgang …«, fing Cecilia mit geheimnisvoller Stimme ihren nächsten Satz an. »Ich muss nicht nur wegen der Kräuter zurück ins Dorf. Dort ist mein Liebster, den ich gerne zum Mann nehmen möchte, und ich muss ihn treffen und ihm es sagen. Aber wenn wir heiraten, gibt es eine Schwierigkeit: Er kann keine Kinder zeugen. Wilde Frauen können nur von Wilden Männern ein Kind empfangen und ich will einen Sohn gebären. Du bist ein Wilder Mann! Kannst du mir ein Kind machen?«

Wolfgang spürte, dass die junge Frau ruckartig aufstand, sich unmittelbar vor ihn hinstellte und hörte dann in der Dunkelheit, wie ihr nasser Umhang raschelte, als hätte das Mädchen ihn von seinen Schultern zu Boden gleiten lassen.

»Willst du mir einen Sohn machen?«, wiederholte Cecilia ihre Frage.

Wolfgang verschlug es den Atem. Mit so einer Entwicklung hatte er nicht gerechnet. Der irritierte Weinhändler konnte sich lebhaft vorstellen, dass er jetzt eine wunderschöne junge Frau mit geschürztem Kleid und entblößtem Unterleib vor sich hätte sehen können, wenn es nicht so düster gewesen wäre. Und diese reizende Frau wollte ausgerechnet mit ihm Sex haben! Das übertraf all seine intimsten Wünsche und Träume. Und ja, er war nicht abgeneigt, musste aber gleichwohl sofort an seine Tochter Anna denken, die im gleichen Alter war. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er nämlich sie klandestin bei diesem Liebesakt beobachte und daran auf die eine oder die andere Weise teilnehme. Er musste das Ganze beenden, ehe die Sache noch ausuferte. Jetzt, sofort!

»Cecilia«, sagte er mit leiser zitternder Stimme, »ich glaube wirklich nicht, dass es eine gute Idee ist.«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Was ist daran so gefährlich?«, fragte die junge Frau naiv. Sie hatte vorhin das Wort »Idee«, das ihr Wolfgang streng genommen auch gar nicht übersetzt hatte, falsch interpretiert.

»Nichts. Ich muss nur dringend für kleine Jungs«, nahm Breitscheid die erstbeste Ausrede, die ihm einfiel, um sich zu entfernen, das überhitzte Gemüt etwas abkühlen zu lassen und den Kopf ein bisschen frei von Gedanken der gewissen Art zu bekommen.

»Welche Jungs? Wo musst du hin?«

Und ehe sich Breitscheid auf umständliche Erklärungen einließ, was eine Toilette war, auf die er musste, warf er, während er schon zum Trampelpfad schritt, kurz über die Schulter zurück: »Ich muss pieseln.«

Cecilia ließ den Saum ihrer Cotte enttäuscht sinken, hob den Umhang vom Boden auf und setzte sich zu ihrer Mutter, auf den Platz, wo sie auch vorhin gesessen hatte. Abgewiesen zu werden, war noch nie einfach, seelisch wie emotional zu verarbeiten, für keinen Menschen dieser Erde, ob christlich oder wild, sunnitisch oder schiitisch, ob man nun meditativ den Weisheiten aus Buddhas philosophischem Erbe folgte oder eher blutige Opferdarbringungen der indigenen Völker Mesoamerikas bevorzugte, – es machte keinen Unterschied. Auch nicht für Cecilia. Die junge Frau litt, still und heftig, unter dem hartnäckigen, nagenden Verdacht, dass mit ihr als Mensch im Allgemeinen und als weibliches Wesen im Einzelnen etwas nicht stimmte. Was hatte sie nicht, das andere Frauen hatten, fragte sich das Fräulein unentwegt, denn offenbar, so sah es für sie auf den ersten Blick aus, war sie nicht imstande, einen Wilden Mann mit ihren Reizen zu beeindrucken, der durch Zufall schon in ihrer Nähe gewesen war. Wie sollte es denn erst mit der Empfängnis funktionieren, wenn potentielle Liebhaber, die für ihren ungeborenen Sohn als Väter infrage kamen, sie von allein finden mussten?

»Wilder Wolfgang ist zu alt für dein Vorhaben«, hörte die unglückliche Jungfrau plötzlich die Stimme ihrer Mutter.

»Mutter!«, erschrak Cecilia. »Schläfst du nicht?«

»Nein, Tochter, ich habe euch zugehört und weiß jetzt alles über deine Bestrebungen, über die du mir nichts verraten wolltest.«

»Ja, aber das ist der einzige Weg, wie ich …«

»Es ist dein Leben«, unterbrach die gelähmte Frau Cecilia, »und du kannst es leben, wie du willst. Ich habe nichts dagegen, wenn du einen Christen heiratest und deine Kinder von einem Wilden hast.«

»Das machen doch viele von unseren Frauen!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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