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Des Teufels Steg: Seite 149

»Wilder Wolfgang!« Cecilias Mutter nannte ihn auch auf diese Weise, höchstwahrscheinlich deswegen, weil ihre Tochter ihn so vorgestellt hatte, als sie gestern mit Wolfgang zusammen die Hütte der beiden Frauen betreten hatte. »Kannst du etwas von deiner Welt erzählen?«

Der Weinvertreter wirkte etwas konfus: Was sollte er den beiden berichten? Geschichtenerzählen gehörte nicht direkt zu seinen großen Stärken! Er war vielleicht imstande, das hatte er nämlich gelernt, den Kunden einen Wein aufzuschwätzen, indem er ihnen etwas vorgaukelte, was wahrscheinlich gar nicht stimmte, oder einen teuren Staubsauger anzudrehen, der woanders nur die Hälfte kostete, aber etwas richtig mit Punkt und Komma vorzutragen und zu beschreiben wie dieser Schriftsteller Knöpfle, den er neulich kennengelernt hatte, das konnte Wolfgang definitiv nicht!

Was wollt ihr den hören?«, fragte der durch Schicksalsfügungen geplagte Vertreter unsicher.

»Wohnst du in einem schönen steinernen Haus?«, lieferte unerwartet Cecilia ein Gesprächsthema. »In einem von denen, die wir in deiner Welt sehen, wenn wir Großmutter besuchen? Welches ist es?«

»Ähm …« Wolfgang wusste nicht recht, wo er anfangen sollte. »Ich lebe aber weit weg von hier, das Haus könnt ihr nicht …« Plötzlich fiel Breitscheid ein, dass er gar kein Zuhause mehr hatte, weder weit weg noch nahe gelegen. Seine letzte Zuflucht, der alte Fiesta, stand irgendwo Jahrhunderte weit entfernt am Straßenrand im Wald, völlig ruiniert und nicht mehr reparabel. Hätte er den Frauen nun davon erzählt, hätten sie ihn wohl kaum verstanden. Es hatte keinen Sinn, denn er hätte den beiden erklären müssen, was ein Auto war, und das war von vornherein zum Scheitern verurteilt – seine Begleiterinnen wussten nicht einmal, welches Datum man hatte. »… aber ich wohne jetzt in Treseburg in dem großen Hotel an der Brücke«, fand Breitscheid, wie er dachte, eine verständliche Formulierung für seinen aktuellen Wohnort.

»Was ist ein Hotel?«, fragte Cecilia wissbegierig.

Nein, Wolfgang fühlte sich in seiner Vermutung bestätigt, es war sinnlos, den Frauen über Dinge zu berichten, die sie nicht verstanden. Er hätte ganz von vorne anfangen und jeden Begriff, den er benutzte, erklären müssen. Aber das konnte er auch nicht, er hatte keine Ahnung! Hotel war Hotel und mehr konnte der Weinhändler dazu nicht sagen. Schließlich war er kein Sprachwissenschaftler. Breitscheid wusste nicht das Geringste über die Herkunft dieses Wortes und der Grund, warum es eigentlich so und nicht anders hieß, entzog sich seiner Kenntnis. Doch Cecilias wundersame Mixtur zeigte allmählig Wirkung: Der Vertreter fühlte sich unbeschwert und leicht, von Müdigkeit gab es keine Spur mehr und es war ihm inzwischen nicht nach Schlafen, sondern nach Reden, und Cecilia hatte offenbar den sehnlichsten Wunsch, ihm Fragen zu stellen und seinen Ausführungen zu folgen.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Es ist …« Wolfgang suchte nach allgemein verständlichen Wörtern. »Es ist ein Haus, wo man für Geld wohnen kann.«

»Ja, ich kenne das große Haus an der Brücke«, erwiderte das Fräulein. »Dort brennt nachts immer Licht in den Fenstern. Können wir mit Mutter dort auch für Geld wohnen?«

Das blonde Mädchen war zu allem anderen auch noch sehr praktisch veranlagt, konstatierte Breitscheid für sich gedanklich und artikulierte dann vernehmbar seine Zweifel: »Ich fürchte, nein.« Er stellte sich vor, wie er, dreckverschmiert und durchnässt bis auf die letzte Faser, an der Hotelrezeption ein Zimmer zu buchen versuchte, für zwei Frauen in mittelalterlichen Roben, von denen eine, die er huckepack tragen musste, nicht einmal stehen konnte und alle beide garantiert noch nie etwas von einem Personalausweis gehört hatten. Die Chancen, eine Unterkunft zu bekommen, waren eher gering, schätzte Wolfgang die Erfolgsaussichten ein.

»Dann ist es wohl besser, wenn ich Mutter zu Gerlinde in den Stollen bringe. Stimmt, Mutter?«, fragte Cecilia, bekam allerdings keine Antwort, allem Anschein nach war Ursel eingeschlafen. Das Mädchen schien in keiner Weise gekränkt zu sein bezüglich Wolfgangs ablehnender Haltung zu der Möglichkeit, sich im Hotel einzumieten. »Aber ich weiß nicht, ob Großmutter morgen zurück sein wird. Heute Nacht wollte sie den Unterschlupf verlassen und sich verstecken, weil böse Leute es auf uns abgesehen haben, auch in deiner Welt halten sie uns für Hexen! Kannst du, Wilder Wolfgang, nach der Mutter im Stollen sehen, solang Gerlinde nicht da ist? Ich muss nämlich zurück ins Dorf, um unsere Vorräte zu holen.«

»Hältst du es für eine gute Idee?«

»Was ist eine Idee?«, wollte Cecilia unvermittelt wissen.

»Na … Ob es nicht zu gefährlich ist?«

»Ich kenne die Schleichwege. Und ich habe keine andere Wahl. Zu Hause haben wir noch viele Kräuter, ich brauche sie, um unsere Tränke zu kochen. Sonst verhungern wir noch alle in der Grube, wenn wir sie nicht verkaufen.«

»Aber …« Breitscheid wollte dem Mädchen gerade entgegnen, dass es auch im zwanzigsten Jahrhundert durchaus Möglichkeiten gab, mit solchen Zaubertränken, wie Cecilia ihn in ihrem Beutel hatte, Geld zu verdienen, verstummte aber gleich wieder, denn er hätte dem Mädchen viele Zusammenhänge erklären müssen, die die blauäugige »Hexe« voraussichtlich nicht verstanden hätte. »Okay, ich sehe nach deiner Mutter«, sagte er nur.

»Wer heißt hier Okay?«, hörte Wolfgang sofort die Bestätigung für seine Annahme.

»Keiner. Wir sagen es nur so.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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