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Des Teufels Steg: Seite 148
»Willst du essen, Wilder Wolfgang?«, erkundigte sich das Mädchen, während es in der Dunkelheit die Kerze zurück in den Beutel legte und dabei zufällig das in ein Tuch eingewickelte Brot ertastete. »Nein, danke«, lehnte Breitscheid höflich ab. »Hebe es lieber für deine Großmutter auf. Oder gib etwas deiner Mutter.« »Schläfst du, Mutter?«, fragte das Wilde Fräulein, denn es konnte das Gesicht der Frau, die hinter seinem Rücken direkt an der Felswand lag, ohne Laternenlicht nicht sehen. »Nein«, erklang Ursels schwache Stimme. »Dann iss ein wenig, damit du bei Kräften bleibst.« Cecilia drehte sich um, tastete eine Weile in der Dunkelheit und drückte ihrer Mutter ein kleineres Stück Brot in die Hand, nachdem sie sie gefunden hatte. »Iss.« Ursel folgte offenbar der Aufforderung ihrer Tochter, denn nach kurzer Zeit hörte man, wie sie mit halbvollem Mund sprach: »Ich würde … Ich würde aber lieber noch einen Schluck von dem Zaubertrank trinken.« »Den bekommst du…«, erwiderte Cecilia, die sich ebenfalls ein kleines Stück abgebrochen hatte und es gerade konzentriert kaute, »den bekommst du von mir, wenn du das Brot gegessen hast.« »Das habe ich schon.« Ursel schluckte hörbar die letzten Krümel hinunter, die sie noch im Mund hatte. »Es ist der Letzte«, sagte Cecilia mit Bedauern zu Wolfgang, als sie ein kleines Tonfläschchen aus ihrem Vorratsbeutel holte. Wolfgang sah nicht, was Cecilia in der Hand hielt, aber es fiel ihm nicht schwer zu erraten, dass sie das seltsame Hexenmittel meinte, das ihn vorhin in die Welt seiner Träume versetzt hatte, zumal er sich noch erinnern konnte, wie das schöne Mädchen die Reste des Suds aus dem Topf in einen kleinen Behälter umgefüllt und in ihr Säckchen gesteckt hatte, bevor sie aufgebrochen waren. Er verspürte plötzlich einen unüberwindbaren Wunsch, einen Schluck davon zu nehmen, nach Möglichkeit einen großen, aber etwas hielt ihn davon ab, seinem heißen, haltlosen Verlangen nachzugeben und Cecilia nach dem Hexentrank zu fragen, obwohl die Versuchung unheimlich groß war. Breitscheid erschrak regelrecht, als er das schon fast vergessene Gefühl bekam, das er noch aus der Zeit seiner Eskapaden als Alkoholsüchtiger kannte. Der innere Drang, den seltsamen Zustand ein weiteres Mal zu erleben, war dem krankhaften Zwang, sich immer und überall betrinken zu wollen, zum Verwechseln ähnlich. »Es ist besser«, fuhr Cecilia unterdessen fort, »wenn wir jetzt einen Schluck davon trinken. Dann können wir alle noch den halben Tag schlafen, um die Zeit zu vertreiben, ehe abends der Mond aufgeht und wir aufbrechen werden. Davor können wir noch den Rest trinken.«
(?)
»Einverstanden«, brummte Wolfgang zur Antwort. Mit einem Mal hatte er keine Bedenken mehr zu dem Thema, das ihn gerade erst vor wenigen Augenblicken beschäftigt hatte. Schließlich, nahm der Weinvertreter allen Ernstes an, konnte ihn doch ein Schluck nicht abhängig von dem »Zeug« machen. Es war eine Ausnahmesituation, in der er sich befand, und es waren alle Mittel erlaubt, um da wieder herauszukommen, und das, was Cecilia vorschlug, hörte sich für ihn an wie eine Lösung für das Problem, auch wenn nur vorübergehend. Als Erstes versorgte das Wilde Fräulein ihre Mutter mit dem Getränk, indem sie mit einer Hand ihren Kopf anhob und mit der anderen ihr das Fläschchen an die Lippen hielt. »Trink, Mutter, dann kannst du wieder einschlafen«, sagte sie dabei. Breitscheid war als Nächster an der Reihe und zögerte ein wenig, während er das Tongefäß in der Hand hielt. Er war abermals versucht, die Gunst der dunklen Stunde zu nutzen und unbemerkt vom Rest der Gruppe ein paar Schluck mehr aus der Flasche zu nehmen. Er rang sich durch und nahm nur einen. So viel Anstand musste man haben, dachte er sich im Stillen und reichte den Behälter mit dem Zaubertrank weiter an Cecilia. Die junge Frau trank ihren Teil, verstopfte die Flasche mit dem Stück Bienenwachs, das sie in ihrer Hand hielt, seitdem sie vorhin das tönerne Behältnis mit dem Elixier geöffnet hatte, und versteckte sie wieder in dem Vorratsbeutel. Alle verharrten schweigsam in der Dunkelheit unter dem natürlichen Vordach über ihrem Unterschlupf, während es nach wie vor langsam von oben tropfte, und warteten anscheinend auf die Zauberwirkung des Mittelchens. Es wollte heute einfach nicht hell werden. Als Wolfgang zum letzten Mal im flackernden Schein der Laterne auf die Uhr gesehen hatte, war es schon halb fünf morgens gewesen und der Handelsreisende war der Meinung, dass seitdem schon mindestens eine Stunde vergangen sein musste, sodass es längst an der Zeit war, zumindest die ersten Anzeichen der Dämmerung auf dem Pfad außerhalb des dichten Waldes erkennen zu können. Dennoch blieb es bislang dunkel. Angenehme, behagliche Wärme breitete sich in Wolfgangs Körper aus und am liebsten hätte er sich jetzt zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt und die Augen zugemacht. Doch ans Schlafen war nicht zu denken, es gab einfach zu wenig Platz, um seinen Körper in die entsprechende Position bringen zu können, wenn man nicht noch mehr nass werden wollte, als man ohnehin schon war. Sie saßen mit Cecilia auf Tuchfühlung mit angezogenen Beinen, so dicht beieinander, dass Wolfgang, nicht ohne das stille, lüsterne Gefühl zu genießen, hin und wieder verspürte, wie sein Schenkel den von der jungen Frau berührte, dass er zuweilen ihren Atem auf seiner Wange fühlen, gar ihren Körpergeruch wahrnehmen konnte, der auf ihn eine magische, überaus aphrodisierende Wirkung ausübte. Doch ehe er auf »dumme Gedanken« zu kommen vermochte, wurde die Stimme von Ursel laut, von der Breitscheid bereits geglaubt hatte, dass sie schon längst schlief.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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