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Des Teufels Steg: Seite 146
Sie log nicht. Die Stelle in der Schlucht, an der Cecilia gestern den Abgrund über die Brücke überquert hatte, hätten sie in der Tat schon bald erreichen müssen, wie es den Anschein erweckte, denn das Mädchen hatte bereits im schwachen Schein ihrer Lichtquelle einige markante Felsformationen entlang des Weges wiedererkannt, die sie sich im Laufe der Jahre gemerkt hatte. Was Cecilia allerdings für sich behielt, war der Umstand, dass der rätselhafte Steg über die Schlucht heute aller Voraussicht nach nicht an dieser Stelle zu finden sein würde. Es regnete und der Mond versteckte sich hinter einer dicken Wolkenschicht. »Das hast du vor zwei Stunden auch schon gesagt«, beschwerte sich der erschöpfte Zeitreisende vorwurfsvoll. »Willst du dich vielleicht noch einmal ausruhen?«, erkundigte sich das Mädchen. »Nein, will ich nicht!«, krächzte Wolfgang unhöflich zurück. Er atmete schwer und litt fürchterlich unter der schweren Last, die er zu tragen hatte, ganz zu schweigen von dem ekelhaften Regen, der die ohnehin schon hinderlichen Steine auf dem Weg zu allem Überfluss noch gefährlich glitschig machte. Die beiden, oder besser gesagt, die drei, wenngleich Ursel auch nur passiv auf Wolfgangs Rücken an der Wanderung teilnahm, waren schon seit etlichen Stunden unterwegs. Es musste schon jede Minute anfangen zu dämmern, schätzte der durch Schicksalslaunen in längst vergangene Zeiten versetzte Weinvertreter, und losgegangen waren sie bereits, nachdem die Sonne untergegangen war und die einkehrende Nacht das Dorf in das graue Zwielicht des späten Abends getaucht hatte, sodass die heimlichen Wanderer die Siedlung unbehelligt hatten verlassen können, zumal die Ortsstraße auch ohne die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen schon wie ausgestorben gewirkt hatte – kein Mensch, kein Tier, kein Licht. Cecilia hatte es sehr geschickt gemacht, erinnerte sich Wolfgang daran, wie das Mädchen ihre Mutter auf seinem Rücken festgemacht hatte, damit sie beim Gehen nicht dauernd hinunterrutschte, er selbst wäre auf so eine Idee nie im Leben gekommen. Sie nahm ein Laken und faltete es der Länge nach zu einem schmalen, mehrschichtigen Stoffstreifen. Dann legte sie dessen mittleren Teil Wolfgang um den Nacken, ließ die vorn hinunterhängenden Enden unter seinen Armen nach hinten hindurchgleiten und band sie auf dem Rücken zusammen, sodass eine Art Schlaufe entstand, in der Ursel mehr oder weniger huckepack sitzen konnte. Mit einem zweiten Bettbezug fixierte Cecilia den Oberkörper der kranken Frau, indem sie ihr das Laken quer über den Rücken legte und die Enden auf Wolfgangs Brust fest miteinander verknotete. Er kam sich dabei ein wenig vor wie ein beladenes Kamel, das seine Last auf dem Höcker statt durch die Wüste durch einen dunklen Wald transportierte, aber es störte ihn in keiner Weise. Anfangs spürte er das Gewicht der abgemagerten Frau auf seinem Rücken kaum und vermutete nicht grundlos, dass die ungeahnte Kräfte, über die sein Körper urplötzlich verfügte, von dem Zaubertrank stammten, den ihm Cecilia vor dem Aufbruch mit den Worten gegeben hatte: »Trink, Wilder Wolfgang, es nimmt dir deine Sorgen!«
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Das Fräulein musste wirklich etwas mit der Hexerei zu tun haben, resümierte der Handelsreisende, nachdem die Wirkung des Mittels ein paar Stunden später nachgelassen hatte. Zu viele kleine Hinweise gab es schon, um die einzig mögliche Schlussfolgerung, die sie in der Summe ergaben und die sich ihm immer öfter aufdrängte, weiterhin ignorieren zu können – nicht zuletzt auch wegen der Geschichte mit ihrer Großmutter, und auch ihrer Mutter, wenn Wolfgang alles richtig verstand, was Cecilia ihm erzählt hatte, während sie alle auf den Anbruch der Nacht in der Hütte gewartet hatten. Wer sonst hätte noch im Besitz eines Trankes sein können, von dem er diesen eigenartigen Rausch bekam, einen Zustand, wie er ihn noch nie zuvor erlebt hatte? Es war teils Traum, teils Realität, zwischen denen es keine durch Sinne wahrnehmbare Grenze gab. Das Eine ging in das Andere über, ohne sich inhaltlich zu verändern, und kehrte nach einer Zeit lang unbeschadet wieder zurück begleitet von Erscheinungen, die es nur von jenseits der imaginären Linie mitgebracht haben konnte: Zum einen war sich Wolfgang dessen völlig bewusst, was sie in der Schlucht zu dieser ungewohnten Stunde machten und wohin die Wanderung durch den dichten Wald ging, andererseits aber malte ihm dasselbe Bewusstsein bunte, lichterfüllte Bilder in seinem Kopf, die der irritierte Handelsreisende nicht mit seinem aktuellen Aufenthaltsort in Verbindung bringen konnte. Es kam ihm vor, als sei er erneut in der Wüste aus seinem Traum und wandere auf dem schmalen Grat der Sanddüne, während er Cecilia auf seinem Rücken trage, die sich fest um seinen Hals klammere und ihm ununterbrochen ins Ohr flüstere: »Hilf mir. Hilf mir. Hilf mir.« Doch im nächsten Augenblick sah er das blonde Mädchen mit der Laterne wieder vor sich auf dem Trampelpfad und die Last auf seinem Rücken erinnerte Wolfgang wieder an die andere Welt, die in seinem Gehirn harmonisch neben der ersten existierte, ohne mit ihr in Konflikt zu geraten, wie gegensätzlich die beiden auch sein mochten. Die Wüstenwelt verflüchtigte sich allerdings peu à peu und der Handelsreisende landete schlussendlich in der Realität, in der er auf dem Pfad durch die Schlucht zur Teufelsbrücke unterwegs war, während sich mit jedem weiteren Schritt immer deutlicher die sich in seinem Körper ausbreitende Erschöpfung manifestierte. Sie hielten hin und wieder an, sogar ziemlich oft, aber die Pausen brachten nur vorübergehend eine nennenswerte Erleichterung. Sobald er Ursel erneut auf dem »Buckel« hatte, fingen seine Knie an zu zittern. Wolfgang hätte auch diesmal Cecilias Vorschlag, eine kurze Rast einzulegen, dankend angenommen, doch als er an das langwierige, komplizierte Prozedere des Ab- und dann Anbindens der gelähmten Frau von und auf seinen Rücken dachte, verging ihm jede Lust darauf, denn genau das war für ihn am meisten kräfteraubend. Er zog es vor, in kleinen, vorsichtigen Schritten, weiterzuwandern, auch auf die Gefahr hin, vor Müdigkeit umzufallen, obwohl er gegenwärtig keinen größeren Wunsch hatte, als anzuhalten und Cecilias Mutter auf den Boden abzuladen, um sich endlich das Regenwasser, das ihm von der Stirn über die Augenlider hinunterlief und die Sicht trübte, aus dem Gesicht zu wischen – seine Hände konnte er dafür nicht benutzen, solang er damit Ursels gefühllose Beine unter die Knie hielt.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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