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Des Teufels Steg: Seite 147

»Wir sind da!«, verkündete Cecilia nach nicht allzu langer Zeit die frohe Botschaft und blieb stehen.

Wolfgang hielt ebenfalls an und hob seinen Blick. Den fröhlichen Ausruf des blonden Mädchens konnte er nicht ganz nachvollziehen. Die Stelle, an der sie sich befanden, unterschied sich kaum von einer anderen im bisherigen Wegverlauf, nur dass es vorne nicht mehr weiterging, der Pfad endete allem Anschein nach hier, und das Getöse des Wassers unten hinter der Abbruchkante dermaßen laut war, dass er seine Stimme deutlich vernehmlicher klingen lassen musste, um von dem Fräulein gehört zu werden.

»Und wo ist die …?«

»Wir müssen warten«, kam ihm Cecilia zuvor, ehe er den Satz beenden konnte, denn diese Frage hatte sie bereits erwartet.

»Auf was warten?«, fragte Wolfgang verwundert.

»Auf den Mond.« Cecilia senkte ihren Blick. »Die Brücke gibt es nur, wenn der Mond scheint.«

Wolfgang sah in den Himmel. Von oben aus der Dunkelheit fielen einige Regentropfen auf sein Gesicht. Dass sich heute noch, bevor es hell wurde, der Mond zwischen den Wolken zeigte, war völlig ausgeschlossen. Der Weinhändler fühlte sich auf die übelste Art benutzt und hintergangen.

»Das darf doch nicht wahr sein! Willst du sagen, dass … wir den ganzen Weg … umsonst …?«

»Ich konnte doch nicht wissen, dass es die ganze Nacht regnen wird«, rechtfertigte sich das Wilde Fräulein.

Cecilia hatte ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, und zwar seit dem Augenblick, als sie die ersten Wasserperlen auf ihrer Haut gespürt, ihrem Begleiter aber nichts davon gesagt hatte, dass die Brücke die Eigenart hatte zu verschwinden, sobald Wolken vor den Mond zogen und ihn verdeckten. Doch nun mit den Vorwürfen von Angesicht zu Angesicht konfrontiert zu werden, war etwas anderes, als sich während der Wanderung nervös und beschämt auf die Lippen zu beißen in Erwartung der unvermeidbaren Auflösung. Dabei hatte sie doch keine bösen Absichten gehabt, gab das blonde Mädchen die Versuche nicht auf, sich vor ihrem Gewissen zu erklären, es war einfach so passiert. Sie hatte ja nur ihre Mutter um jeden Preis retten, so weit wie nur möglich vom Dorf wegbringen wollen, und auch wenn sie heute nicht auf die andere Seite, in die Welt vom Wilden Wolfgang kamen, war die gelähmte Frau hier am Bodekessel schon halbwegs vor den bewaffneten Männern sicher, die Cecilia gestern im Wald getroffen hatte. Hierher verirrte sich kaum jemand, vor allem nicht bei Regen. Und außerdem hatte Cecilia noch bis zuletzt aufrichtig daran geglaubt, dass der Wind die Wolken auseinandertrieb und der Mond vom Himmel schien, wenn sie sich der Brücke näherten. Doch dem war nicht so und das Fräulein sah ein, dass sie Wolfgang um Entschuldigung bitten musste.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Verzeih mir, Wilder Wolfgang.« Das Mädchen blickte abermals beschämt zu Boden. »Ich dachte, du wirst umkehren, wenn du erfährst, dass die Brücke nicht da sein wird.«

»Sie dachte!«, versetzte der Vertreter aufgebracht, beruhigte sich aber schon bald wieder, als die junge Frau erneut aufsah und zu ihm sprach. Er konnte Cecilia einfach nicht böse sein, wenn sie ihn mit ihren blauen Engelsaugen anschaute.

»Meine Mutter und meine Großmutter sind die Einzigen, die ich habe, und beide sind so gut wie hilflos. Wer wird ihnen helfen, wenn ich es nicht tue?« In Cecilias Augenwinkeln bildeten sich zwei Tränen und hingen eine Zeit lang an den Wimpern, ohne die Wangen hinunterzurollen.

Breitscheid entging die Gemütsregung nicht. »Beruhige dich«, sagte er friedfertig. »Jetzt sind wir hier und müssen hier durch. Du hättest es mir aber sagen können! Ich habe versprochen, euch zu helfen, und ich werde es auch tun! Wir werden warten.«

»Ja?«, fragte das Mädchen fröhlich und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Es dauert nicht so lange, bis es wieder Abend ist. Das haben wir mit meiner Mutter schon einmal gemacht. Hier gibt es ein Plätzchen, wo wir unterkommen können, eine kleine Höhle. Gleich hier, sie ist nicht weit.«

»Dann zeig, wo sie ist! Ich kann deine Mutter nicht mehr halten. Ich falle gleich um!«

Es war eher eine kleine Vertiefung in der Felswand als eine richtige Höhle, stellte Breitscheid fest, als Cecilia ihn über das Ende des Trampelpfades hinaus in das düstere Walddickicht hineingeführt hatte, aber ein größerer überhängender Stein, der oberhalb der flachen Nische vor dem tröpfelnden Nass wie ein Vordach schützte, war in der gegenwärtigen Situation von großem Vorteil. Und der Unterschlupf befand sich wirklich in unmittelbarer Nähe, nur wenige Schritte von der Stelle entfernt, wo angeblich bei Mondschein die seltsame Brücke auf die andere Seite der Schlucht führte. Wolfgang konnte von hier den Weg, auf dem sie mit Cecilia gerade noch gestanden hatten, auch im Lichte der Laterne ganz deutlich hinter den Bäumen der ersten Reihe sehen.

»Mach die Laterne lieber aus« sagte Breitscheid, nachdem sie sich so weit eingerichtet hatten, dass keiner mehr im Regen sitzen musste. »Ich glaube, es dämmert schon bald, und wir wissen nicht, wie lange wir in der kommenden Nacht noch wandern werden. Ist die Kerze einmal alle, gibt es kein Licht mehr.«

Die junge Frau lächelte schelmisch, steckte ihre Hand in den Beutel, in dem sie die Vorräte für Gerlinde mitgenommen hatte, und holte eine Ersatzkerze heraus, die Sie dem Weinvertreter stolz präsentierte. Gleichwohl folgte sie danach Wolfgangs Empfehlung und pustete die Laterne aus.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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