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Des Teufels Steg: Seite 145

Um die halluzinogenen Eigenschaften der zur Gruppe der Opisthokonta von der Gattung der eukaryotischen Lebewesen gehörenden Organismen – im Volksmunde der leichteren Verständlichkeit halber auf die altbewährte Art einfach Pilze genannt –, die sie in der Nähe des Hexentanzplatzes entdeckt hatte, wusste Gerlinde Bescheid, obgleich sie natürlich nie im Leben darauf gekommen wäre, dass die Ursache für ihre Einbildungen und Erscheinungen, die sie zuweilen heimsuchten, wenn sie ein klein bisschen zu viel von der Medizin einnahm, solch eine verwirrende und so seltsam für ihre Ohren klingende Bezeichnung haben konnte. Sie war selbst äußerst vorsichtig damit und hatte auch Cecilia dringend geraten, nicht mit der Menge zu übertreiben. Ob das Mädchen ihrer Empfehlung gefolgt wäre, nachdem es die Wirkung des Zaubers ausprobiert hatte, war sich Gerlinde nicht sicher, denn sogar sie als eine alte Frau verspürte immer öfter den Wunsch, in die Welt der Träume einzutauchen, wo wundersame Blumen auf einer frischgrünen Wiese farbenfroh blühten und betörend dufteten sowie bunte Regenbögen den tiefblauen Himmel zum Strahlen brachten. Und das war, wie die Greisin zu Recht annahm, nicht ungefährlich in ihrer Lage. Schließlich war sie längere Zeit geistig nicht mehr präsent, obwohl ihr Körper nach wie vor in der normalen Welt weilte, während sie nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was mit ihm geschah. Wie musste es erst einer unerfahrenen Jungfrau ergehen, wenn sie die blühenden Landschaften erlebte, fragte sich Gerlinde.

Heute Nacht sollten die Pilze allerdings nur dem Zwecke dienen, die alte Frau bei Kräften und Laune zu halten, während sie zu ihrem zeitweiligen Versteck wanderte. Die Wirkung des Tranks, den Gerlinde vor ihrem Aufbruch im Stollen konsumiert hatte, ließ rapide nach, mit jedem Schritt fühlte sie sich immer unwohler, sie war völlig durchnässt, erschöpft und der »eiserne Bestand« an Zauberpilzen war ihr noch obendrein abhandengekommen.

Doch es gab auch gute Neuigkeiten: Obwohl es weiterhin von oben herabrieselte und der Himmel wolkenverhangen war, graute es bereits. Es war eher ein Gefühl, das einem sagte, der neue Tag brach an, als dass man die Veränderung der Lichtverhältnisse eindeutig visuell wahrnehmen konnte. Aber es täuschte nicht, denn dort, wo man gerade noch nichts außer der Schwärze der Nacht gesehen hatte, tauchten im nächsten Augenblick diffuse Schatten auf, die sich nach und nach zu Konturen von Bäumen und Sträuchern formten, und das breite feucht glänzende Band, das unter den Füßen anfing und sich vorne im Zwielicht auflöste, war nichts anderes als die nasse Straße, auf der Gerlinde unterwegs war, – die Regentropfen, die durch die geteerte Oberfläche nicht in die Erde sickern konnten und sich zu kleineren Pfützen und Rinnsalen auf dem festen Untergrund sammelten, reflektierten offenkundig irgendwelches Licht, das eigentlich noch gar nicht da war, nichts außer Dunkelheit bot sich dem Blick, wenn man zum Himmel hinaufsah.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die gut gangbare Landstraße brachte die alte Frau zu einem Scheideweg, der nach rechts von der Hauptrichtung abzweigte, als es schon deutlich heller geworden war und Gerlinde die Gabelung bereits von Weitem sehen konnte. Sie nahm zu Recht an, dass sie den Abzweig nehmen musste, um auf den Berg, die Roßtrappe, zu kommen, den sie als den Ort, wo die Wilden Männer zu Hause waren, kannte. Sie folgte ihrer Vorahnung, nahm den abzweigenden Weg und wurde schon bald belohnt, denn sie bekam etwas zu Gesicht, das ihr aus ihrer Welt bekannt war. Nämlich den Schutzwall, der früher die Siedlung der Wilden säumte, – die Straße durchschnitt ihn einfach und führte auf der anderen Seite zu einer Reihe von steinernen Gebäuden, die Gerlinde in dem dunstigen Dämmerlicht des regnerischen Morgens in einiger Entfernung sehen konnte.

Sie verließ vorsichtshalber die feste Straße. Die Entscheidung fußte auf ihrer Befürchtung, jemandem zu begegnen, der sie lieber nicht sehen sollte, denn die Häuser, die vorne an der Straße standen, gehörten auf keinen Fall den Wilden Männern. Und obwohl das Dorf, oder was immer dort vorne war, menschenleer zu sein schien, hielt sie es für besser, unliebsamen Begegnungen vorzubeugen. Sie nahm einen Trampelpfad, der allem Anschein nach einen Bogen um die Bauten machte, und musste, während sie sich mit Mühe und Not auf dem aufgeweichten Boden fortbewegte, mit großer Enttäuschung feststellen: Es gab auf diesem Berg nichts mehr, was auf die Anwesenheit der Männer ihres Volkes auch nur entfernt hätte hinweisen können. Keine Höhlen, in denen sie seit eh und je lebten, keine Hütten aus aufeinandergestapelten Steinen als Wände, über die ein Haufen Äste und Baumstämme gelegt wurde, um eine Art Dach zu bilden, – absolut nichts! Die alte Frau sah sich verzweifelt um: Wo konnte sie nun hin? Was sollte sie jetzt machen?

Eine Antwort auf ihre Fragen, eine Lösung für das Problem oder zumindest eine Möglichkeit, irgendwo verhältnismäßig sicher unterzukommen und sich in ihrer, wie sie annehmen konnte, ausweglosen Situation vorübergehend zu verstecken, fand Gerlinde wenig später, als sie unverhofft zu einem großen, über die Baumwipfel hinausragenden steinernen Turm mitten im Wald hinauslief. Welche Aufgabe das rätselhafte Bauwerk sonst erfüllte, erschloss sich der betagten Frau nicht, aber der Gedanke, dass sie dort vor neugierigen Blicken sicher gewesen wäre, war ihr just in dem Augenblick in den Sinn gekommen, als sie es gesehen hatte, denn der Turm war anscheinend weder bewohnt noch in den letzten Wochen und Monaten von jemandem aufgesucht worden. Davon zeugten die schießschartenförmigen, vergitterten Fensteröffnungen mit zerborstenen Glasscheiben, die schon etwas Moos und Gras angesetzt hatten. Das Gitter stellte für die alte Frau in dieser Welt kein Hindernis dar, sie musste sich nur etwas konzentrieren, um durch die eisernen Stäbe durchzuflutschen. Ohne lange zu überlegen und nach dem Eingang zu suchen – von der anderen Seite grenzten einige Hütten an den Turm und Gerlinde wollte kein Risiko eingehen –, kletterte sie schwerfällig in eines der Fenster, das sich nicht allzu hoch über dem Boden befand, und verschwand im Inneren des Turms.

 

Wolfgang Breitscheid war am Ende seiner Kräfte und sein Geduldsfaden drohte zu reißen, wenn die Teufelsbrücke nicht schon bald auftauchte.

»Ist es noch weit?«, fragte er Cecilia, die vor ihm auf dem Pfad mit der Laterne lief.

»Nein, Wilder Wolfgang«, antwortete die junge Frau, während sie im Gehen ihren Kopf zum Weinhändler umdrehte. »Wir sind schon fast da.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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