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Des Teufels Steg: Seite 137
»Warte mal, Tante Irmel, was …?«, fragte Hannes dazwischen, aber die Gefangene erzählte ihre Geschichte, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken. Der junge Tischler traute seinen Ohren nicht, während er der Schneiderin zuhörte. Allein die Vorstellung, er hätte von einer Wilden Frau abstammen können, kam ihm dermaßen abstrus vor, dass er schon bereit war, die alte Frau für verrückt zu erklären und sie ihrem unansehnlichen Schicksal zu überlassen, aber etwas hielt ihn davon ab, denn Irmels Stimme, die zwar leise, aber trotzdem gleichmäßig und ruhig, ja beinahe schon sicher klang, ließ hinter ihrer Erzählung auch wahre Begebenheiten vermuten. Wieso? Wieso hatten seine Elter ihm diesen Umstand verschwiegen, fragte er sich. Bei seiner Mutter hätte er es noch nachvollziehen können, er war noch ein kleiner Bub gewesen, als sie verstorben war, und hätte von alledem nichts verstanden, aber warum hatte sein Vater, der ihm das Tischlern beigebracht hatte, nichts vor seinem Tode gesagt, denn zu dem Zeitpunkt war er schon ein heranwachsender Knabe gewesen und unwichtig war der Umstand der Zugehörigkeit zu den Wilden keineswegs, auch wenn er damals die Offenheit seines Vaters nicht in vollem Maße hätte würdigen können. Sein Verstand weigerte sich noch, die Wahrheit anzuerkennen. Wer war diese alte Frau letztendlich, stellte sich Hannes die Frage, um so ungeheuerliche Anschuldigungen auszusprechen, während er doch sein Leben lang den Aberglauben an die Wilden Männer bekämpft hatte. Seine Mutter hatte ihm nichts dergleichen erzählt und sein Vater hatte die Irmel nie auch nur mit einem Wort erwähnt, und zu seinen Eltern hatte der Tischler mehr Vertrauen als zu der alten Schneiderin. »Aber, Irmel«, sagte Hannes, als die Frau verstummt war, »es gibt keine Wilden Männer! Es sind Dämonen, die Hexen herbeirufen, um sich mit ihnen zu vereinigen. Sag mir ehrlich: Bist du eine Hexe?« Irmel öffnete ihre Augen. »Du glaubst mir nicht«, stellte sie fest. »Aber es ist so, wie ich sage. Wir sind keine Hexen. Du weißt doch, dass ich schon lange Zeit bei meinem Nähkränzchen versuche, die Weiber aus dem Dorf von der Kräuterkunst abzubringen, darunter auch Wilde Frauen. Für sie ist es nicht so einfach, mit den alten Sitten zu brechen, die sie schon mit der Muttermilch eingesogen haben. Es geht nur langsam, aber es geht Stück für Stück voran.« »Ja, ich weiß es«, sagte Hannes, »aber es hat sich inzwischen etwas Bedeutsames ereignet: Gretlin aus deinem Nähkränzchen, die Frau von Ruprecht, wurde festgenommen. Sie gibt vor Gericht an, dass sie dir Beihilfe bei der Verführung Wilder Jungfrauen zum unzüchtigen Verhalten leistete. Und du sollst die Jungfrauen gelehrt haben, wie man Dämonen anruft, und hast ihnen Kleider für die dämonische Hochzeit mit den Wilden Männern geschneidert. Stimmt das, Irmel?« »Gottgütiger! Gretlin, du armes Kind. Nein, Hannes, es stimmt nicht!« »Vater Nicklas sagt es aber.«
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»Vater Nicklas ist kein weiser Mann! Wenn er nach Hexen sucht, soll er bei den Nachkommen dieses Hexenweibs Gerlinde klopfen, bei ihrer Tochter Ursel und der Jungfrau Cecilia, dann wird er fündig!« »Ich zweifle auch daran, dass Gretlin etwas mit Hexerei zu tun hat, genauso wie ich bei dir große Bedenken habe, dass du einen Hexenzirkel betrieben hast, aber er ist der Richter und er entscheidet aufgrund der Beweise, wer sich schuldig gemacht hat und wer nicht. Und die Beweise, die gegen dich vorliegen, sind so schwerwiegend, dass …« »Dass ich zum Einäschern verurteilt werde«, unterbrach ihn plötzlich Irmel. »Das weiß ich. In meinem Alter ist das Leben nicht mehr so viel wert wie in jungen Jahren. Es ist mir einerlei. Doch die Folter! Ich fürchte mich vor der Folter, die ich ertragen muss, obwohl ich nichts zu gestehen habe.« »Du könntest aber der peinlichen Befragung entgehen.« Die Schneiderin sah Hannes misstrauisch an, als wenn sie hinter seiner Behauptung eine Tücke vermutete. »Ja«, bestätigte der Tischler die Richtigkeit seiner Worte. »Du könntest gar mit dem Leben davonkommen, wenn du ein Geständnis ablegst und auf Frauen aus dem Dorf zeigst, die in höllische Künste eingeweiht sind. Ich habe mit Vater Nicklas gesprochen und er hat mich ermächtigt, dir den Erhalt deines Lebens zu versprechen, wenn du einsichtig bist.« »Aber wen um Himmels willen könnte ich anzeigen? Die Frauen aus dem Nähkränzchen sind fromme Christinnen. Es wäre eine Sünde!« »Du könntest ja diese Cecilia, die Enkeltochter der Hexe Gerlinde, von der du mir erzählt hast, und ihre Mutter als Hexen entlarven. Das Mädchen habe ich nämlich seit heute Nachmittag ebenfalls im Verdacht. Und nach deiner Geschichte bin ich fast überzeugt, dass sie eine Hexe ist! Und nicht irgendeine Hexe, sondern für ihr Alter eine überaus mächtige Zauberin!« Irmels Gesicht erhellte sich. »Möchtest du gestehen und die Hexen anzeigen, Irmel?«, fragte Hannes. »Damit du am Leben bleibst und keine Folter erfährst.« »Ja, ich möchte.« »Ich kann Vater Nicklas gleich rufen lassen, damit du dein Geständnis vor ihm wiederholst, denn er muss es selbst aus deinem Munde hören im Beisein des Schreibers.« »Ja, rufe ihn«, stimmte die Schneiderin zu.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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