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Des Teufels Steg: Seite 138
Hannes stand auf, ging zur Tür und klopfte kräftig. »Wache!«, rief er laut und bald hörte man, wie sich der Schlüssel im Schloss umdrehte. Die Tür ging auf und er sagte zum Wachmann: »Seine richterlichen Ehren mögen bitte mit dem Gerichtsschreiber kommen, um der Gefangenen ein Geständnis abzunehmen.« Der Wachmann grunzte etwas Bejahendes zur Antwort und schloss wieder die Kerkertür. »Mit der Anzeige würdest du vielleicht auch den Verdacht von Gretlin lenken«, sagte Hannes als er zu Irmel zurückkehrte. »Es liegt mir sehr viel daran, dass die Frau von Ruprecht freigelassen wird. Gegen sie liegen wirklich keine Beweise vor, außer dass sie bei der Zeugenvernehmung unvorsichtigerweise das eine oder das andere gesagt hat, was Vater Nicklas zu ihren Lasten ausgelegt hat. Aber sie ist unschuldig, davon bin ich überzeugt.« Die Schneiderin schwieg bedrückt. Einige Zeit später wurden erneut Geräusche an der Tür laut. Sein Meister war eingetroffen, vermutete der Tischlergeselle und sprang auf. Zwei Schutzgardisten mit brennenden Fackeln traten ein und stellten sich beiderseits der Tür auf, ihnen folgte der Gerichtsschreiber mit seinem Klapptischlein unter dem Arm und Vater Nicklas betrat als Letzter die Kellerzelle. »Wie ich höre, mein Sohn, gibt es gute Neuigkeiten«, wandte er sich an Hannes, während seine Augen auf die alte Frau am Boden gerichtet waren. »Ja, Meister«, antwortete der Tischler. »Schneiderin Irmel ist bereit, ihre Verbrechen vor Gott zu gestehen und Frauen aus dem Dorf zu nennen, die Hexenkünste beherrschen, wenn sie am Leben gelassen und nicht peinlich befragt wird.« »Gelobt sei unser Herr, der eine Sünderin zu dieser Einsicht gebracht hat!«, sagte der Franziskaner. Der Schriftführer machte sich an seinen Tischchen zu schaffen, nahm Platz und öffnete das Protokollbuch. »Im Namen des Herrn. Amen«, sprach der Untersuchungsrichter. »Nun sage uns, Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale: Gestehst du vor Gott und diesem Gericht, gestern Nacht teuflische Gewächse gesammelt zu haben mit dem Zwecke einer Verbindung zu dämonischen Kräften? So antworte: Ja, ich gestehe!« »Ja, ich gestehe«, gab Irmel leise von sich. »Gestehst du, Irmel aus dem Dorf zum Tale«, fuhr Vater Nicklas fort, »deinen Leib entblößt zu haben, um mit dem Teufel Unzucht zu treiben? So antworte: Ja, ich gestehe!« »Ja, ich gestehe.« »Gibst du zu, Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale, andere Frauen in höllischen Künsten unterrichtet zu haben und Jungfrauen gelehrt, mit Dämonen Unzucht zu treiben? So antworte: Ja, ich gestehe!«
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Irmel zögerte. Nein, sie hatte keine Gewissensbisse, dass sie lügen und ein falsches Geständnis ablegen würde, diese Frage hatte sie vorhin schon mit Gott geklärt, während sie und Hannes im Kerker auf den Richter gewartet hatten, und die Mitglieder der Hexenfamilie, die sie vorhatte zu verraten, taten ihr kein bisschen leid, sie bekam plötzlich Bedenken, ob Vater Nicklas sein Versprechen auch hielt, zumal er ihr sein Wort noch nicht gegeben hatte. »Vater Nicklas«, sprach sie den Richter an, »Euer Ehren, wie kann ich sicher sein, dass ich nach dem Geständnis nicht zum Tode verurteilt werde und mir die Folter erspart bleibt?« Der Franziskanerbruder presste unzufrieden seine Lippen zusammen und gab einen leisen grunzenden Laut von sich. »Die peinliche Befragung«, beantwortete er dann die Frage, »ist berufen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, und wenn eine Sünderin, ja eine überführte Hexe wie du die Wahrheit aus freien Stücken bekennt und das Verbrochene aufrichtig bereut, gibt es hierzu keinerlei Anlass mehr. Und was die Todesstrafe anbelangt, so ist jeder Richter der Heiligen Inquisition eher dazu geneigt, einen reuigen und geständigen Ketzer am Leben zu lassen, wenn er der Ansicht ist, dass der Sünder im weiteren Verlaufe seines Lebens Buße tut und Sühne im Kerker bei Brot und Wasser leistet für die von ihm vor Gott begangenen Verbrechen, um in den Himmel zu kommen. Und du, Schneiderin Irmel, bist auf dem besten Wege dorthin, wenn du deine Taten vollumfänglich gestehst und die Hexen im Dorf anzeigst.« Obgleich der Untersuchungsrichter der Frau auch keine feste Zusage über den Erhalt ihres Lebens gegeben hatte, beruhigte seine Rede die alte Schneiderin einigermaßen, denn die Erklärung, dass ein peinliches Verhör jeden weiteren Sinn verliere, wenn sie ehrlich gestehe, reichte ihr vorerst, wenngleich sie auch große Zweifel in Bezug auf die Redlichkeit des Richters hegte, um nicht zu sagen ihm kein Wort glaubte. »Ja, ich gestehe«, sagte sie. »Dann, Schneiderin Irmel, verrate diesem Untersuchungsgericht nun als geständige Hexe die Namen der Weiber aus deinem Zirkel, die sich der Hexerei schuldig gemacht haben«, forderte der Inquisitor die alte Frau auf. »Es sind nicht die Frauen aus dem Nähkränzchen, Euer Ehren«, überraschte ihn die Schneiderin mit ihrer Antwort. »Die Frauen, die zum Kränzchen kommen, sind rechtschaffene Dörflerinnen und fromme Christinnen. Die Weiber, die ich unterrichtet habe und die meine Hexen- und Kräuterkunst an andere Weiber weitergegeben und viele holde Jungfrauen vom rechten Weg der Tugend abgebracht haben, sind Ursel und ihre Tochter Cecilia, die schon in ihren jungen Jahren Zauberkräfte besitzt, um die sie eine alte Hexe beneiden könnte.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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