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Des Teufels Steg: Seite 136
Hannes nahm Platz auf dem Boden neben der alten Frau und hielt ihre Hand in seiner. Das flackernde Licht der Laterne, die der Tischlergeselle neben seinen Füßen abgestellt hatte, fiel auf das Antlitz der Schneiderin und er konnte in ihrem Gesichtsausdruck keine Spur der Verzweiflung mehr entdecken, die erst heute Vormittag ihre Züge getrübt hatte. Vielmehr strahlten ihre Augen Wärme und Hoffnung aus, als hätte die Frau ihren inneren Frieden gefunden, und die Lippen in ihrem furchenübersäten Gesicht formten sich zu einer Art seligen Lächelns, wenn die Frau auf ihn blickte. »Ich kann es aber nicht so recht glauben«, sprach Hannes zu ihr, »dass eine vorbildhafte Christin wie du, die ungläubige Frauen im Dorf zum wahren Glauben bekehrt, Dinge tut, die dir zur Last gelegt werden. Ich halte das alles für ein großes Missverständnis und möchte, dass du mir mit einfachen Worten erklärst, was vorgefallen ist.« »Ich war auf dem Hexenberg«, sagte Irmel. »Ja, ich weiß. Viele Leute aus dem Dorf waren schon in ihrem Leben auf dem Hexenberg! Aber sag mir eins: Stimmt wenigstens ein Wort davon, was dir zur Last gelegt wird, dort getan zu haben?« »Es stimmt alles«, gab die Frau bereitwillig zu. Hannes verschlug es die Sprache. »Aber nicht das, dass ich mit dem Teufel Umgang hatte«, fuhr die Schneiderin fort, als sie merkte, dass der Tischler sie ungläubig anstarrte. »Das habe ich nicht getan.« Hannes’ Fähigkeit, Laute zu artikulieren, kam langsam zurück. »Aber wie konntest du …?« »Ich habe unbedeckt zu Jesus gesprochen«, unterbrach ihn Irmel. »Weißt du, wie es ist, nackt vor Gott zu stehen?« »Nein«, gestand der Tischlergeselle. »Es gibt kein schöneres Gefühl, mein Junge, als jenes, wenn du weißt, dass der liebe Gott dich sieht, wie du wirklich bist, wenn du keine Worte brauchst, um Gott zu sagen, was dich bedrückt, denn er weiß es schon, wenn du entblößten Leibes vor sein Angesicht trittst. Du sollst es versuchen und du wirst mir recht geben.« »Gut. Aber das meine ich nicht. Wie konntest du selbst Kräuter auf dem Hexentanzplatz pflücken, wo du doch den Frauen im Dorf ins Gewissen redest, wenn sie es tun? Da gehst du mit keinem guten Beispiel voran.« »Ja, Hannes, es wäre eine Sünde, wenn Gott mir es nicht schon vorher erlaubt hätte. Aber ich habe zu Jesus gebetet und er hat mir wegen meiner Gebrechen seine Zustimmung gegeben. Ich habe nichts Unrechtes getan.« Hannes hatte den Eindruck, dass die Schneiderin nicht mehr ganz bei Verstand war. Sie versündigte sich mit jedem weiteren Wort immer tiefer und der Unsinn, den sie in den letzten fünf Minuten zusammengeredet hatte, reichte zweifelsohne für gleich zwei Todesurteile, so wie er Vater Nicklas kannte.
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»Was redest du da, Irmel? Gott kann es nicht gutheißen, wenn Christen nachts zum Tanzplatz gehen, um Heilkräuter zu sammeln und nackt auf der Wiese zu tanzen! Das tun nur Wilde Frauen!« »Ich bin eine Wilde Frau«, sagte Irmel plötzlich und ohrenbetäubende Stille erfüllte den Kerker. Sie war ganz sicher nicht mehr bei Sinnen, überlegte Hannes. Was für einen Unsinn erzählte sie da? Wilde Frau! Obwohl …? Es hätte, wenn es denn wahr gewesen wäre, dachte der junge Mann seinen Gedanken zu Ende, alles zusammengepasst: Kräuterpflücken, Dämonenanbeten, andere Weiber in Kräuterkünsten unterrichten – einfach alles, sogar der Verkehr mit dem Teufel. Vielleicht hatte sein Meister nun doch nicht so unrecht mit seiner Annahme, Irmel sei eine Hexe, wie sie im Buche stehe? »Wie …«, gab der Tischlergeselle nach einer Weile von sich, »Wie meinst du das?« »Na so, wie ich es sage. Alle haben es nur vergessen!« Irmel entschloss sich, dem Jungen die ganze Wahrheit über sich, über ihn selbst und über seine Eltern jetzt zu erzählen, eine andere Gelegenheit, wie sie vermutete, würde sich hierzu nicht mehr bieten. Denn sie ahnte, dass sie dem Scheiterhaufen nicht entkommen würde. Doch ihr eigenes Leben stellte für sie keinen großen Wert mehr dar, zu dieser Einsicht war sie während der langen Stunden in der dunklen Kellerzelle gekommen. Es war ohnehin schon lange genug und dazu noch nicht besonders erfreulich gewesen, um es zu beweinen – es war ihrer Meinung nach besser, wenn Gott sie zu sich in den Himmel nahm. Vielmehr lag ihr sehr daran, dass der Sohn von Ewalt die wirkliche Geschichte kannte, die Wahrheit darüber, wo er herstammte, wer seine Mutter in Wirklichkeit war und welche Rolle sie, Irmel, bei der ganzen Angelegenheit spielte, aus welchem Grunde eine Wilde Frau Jesus Christus als Gott angenommen hatte und wie es dazu gekommen war. Sie hielt es für wichtig und richtig, den Jungen darüber aufzuklären, denn allem Anschein nach hatte seine Mutter ihm dieses Wissen vorenthalten und Ewalt auch. »Du hättest auch mein Sohn sein können«, kam die Schneiderin direkt auf den Punkt. »Weißt du das?« Verblüfft blickte Hannes ihr ins Gesicht, in der Hoffnung, in den Augen der Frau lesen zu können, worauf sie hinauswollte, aber Irmel senkte ihre Lider, als hätte sie sich an etwas zu erinnern versucht. »Nein«, sagte er schließlich. Die Schneiderin sprach weiter mit geschlossenen Augen: »Dein Vater, Ewalt, hätte genauso gut mich zum Weibe nehmen können, anstatt deine Mutter zu heiraten. Sie war auch eine Wilde, genau wie ich. Ich habe ihn geliebt, doch er hatte anderes im Sinn.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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