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Des Teufels Steg: Seite 133

»So sag doch diesem Gerichte, Gretlin, was hatten die Wilden Jungfrauen im Sinne, als sie Irmel aufsuchten?«

»Das weiß ich nicht, Euer Ehren«, sagte die Frau und wich dabei mit den Augen dem Blick des Richters aus.

Der Franziskaner merkte, dass Gretlin log, aber er gab ihr noch eine Chance: »So frage ich dich noch einmal und erinnere dich an den Eid, den du vor Gott und diesem Gericht geschworen hast. Hast du, Gretlin aus dem Dorf zum Tale, jemals Wilde Jungfrauen zum Nähkränzchen bei der Schneidering Irmel eingeladen?«

Gretlin stellte sich sofort einen Scheiterhaufen vor, der gerade ihretwegen entfacht wurde, und ein gehöriger Schreck fuhr ihr in die Knochen. »Ja, Euer Ehren«, sagte sie leise und senkte beschämt ihren Blick zu Boden.

»Zu welchem Zweck?«, bohrte der Untersuchungsrichter unbeeindruckt weiter.

Ruprechts Frau ertrug nicht mehr den Druck der Fragen. Sie war völlig durcheinander und wünschte sich sehnlichst, dass die Fragerei endlich aufhörte und man sie einfach nach Hause gehen ließ. Doch der Inquisitor hatte sich an der Sache mit den Wilden Frauen derart festgebissen, dass es am allerwenigsten nach einem baldigen Ende des Verhörs ausschaute. Im Gegenteil: Gretlin befürchtete, der Richter würde sie so lange auf seine wie ein Degen spitzen Fragen aufspießen, bis er das herausfand, was sie noch für sich behielt, weil sie Irmel, die gute, alte Frau, der sie so viel zu verdankten hatte, nicht öffentlich diffamieren, ja mit ihren Angaben das Schicksal der armen Schneiderin besiegeln wollte. Doch wie sie die Sache einschätzte, führte kein Weg daran vorbei, dass sie früher oder später alles zu sagen gezwungen sein würde. Es war nur ein sinnloses Katz-und-Maus-Spiel mit dem Untersuchungsrichter, ein qualvolles Hinauszögern dessen, was ohnehin bereits vorbestimmt war.

»Es war eine Hochzeitscotte.« Die Frau entschloss sich, mit der Wahrheit herauszurücken, weil sie sich zu allem Überfluss nicht noch selbst strafbar machen wollte. »Irmel hat ihr eine Cotte schneidern geholfen, in der das Wilde Mädchen nachts in den Wald gehen wollte, um sich mit einem Wilden Mann zu vereinigen.«

Vater Nicklas saß eine Zeit lang sprachlos da, nicht einmal er war solche Geständnisse gewohnt. Dann sagte er nachdenklich: »Jetzt wird mir einiges klar. Das ganze Dorf scheint verhext zu sein.«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Hannes war entsetzt. Als wäre es nicht schon genug gewesen, dass er seinem Ziel, der angestrebten Freilassung von Schneiderin Irmel, kein Stückchen näher gekommen war, hatte der Tischlergeselle mit der von ihm initiierten Zeugenvernehmung alles noch viel schlimmer gemacht als zuvor. Er kannte seinen geistlichen Mentor gut genug, um zu wissen, welche Schlüsse er aus dem Gesagten ziehen würde. Die Entlassung der alten Frau aus dem Kerker war völlig ausgeschlossen. Man konnte nur zu Gott beten, dass sie das Ganze noch lebend überstand. Vielleicht, überlegte er, wäre bei den Umständen, die unerwarteterweise eingetreten waren, ein Geständnis nicht der allerschlechteste Ausweg für sie gewesen, um überhaupt am Leben zu bleiben? Jedenfalls sah Hannes keine Möglichkeit mehr, die Unschuld der Schneiderin vor dem Inquisitionsgericht beweisen zu können. Vielleicht war es ja wirklich so, drängte sich ihm der Verdacht auf, dass die alte Frau schlicht und einfach eine waschechte Hexe war, die sich all die Jahre erfolgreich als Schneiderin getarnt hatte? Aber er wollte es immer noch nicht richtig glauben.

»Das Gericht kommt zu folgendem Urteil«, verkündete Vater Nicklas mit lauter Stimme. »Es ist nunmehr als erwiesen anzusehen, dass die Angeklagte, Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale, sich der Unzucht mit dem Dämon vor Gott schuldig gemacht hat. Denn die Gestalt auf dem Hexenberg, in der sie unseren Herrn Jesus Christus erkannt haben will, war kein anderer als der Teufel, den sie begehrte und sich ihm hingegeben hat. Es ist derselbe Dämon, der auch in der Gestalt der sogenannten Wilden Männer steckt, zu denen die Schneiderin, wie es aus dem Zeugnis von Gretlin folgt, ihre Jüngerinnen, die Teilnehmerinnen des vermeintlichen Nähkränzchens, schickt, damit diese ebenfalls den Akt mit dem Teufel vollziehen und ihnen höllische Hexenkräfte zuteilwerden. Somit ist die Angeklagte auch der Gründung und des Betreibens eines Hexenzirkels überführt. Die Schneiderin Irmel verbleibt weiterhin im Kerker, bis ihren Lippen ein Geständnis entspringt, in dem sie ihr ketzerisches Hexentreiben zugibt, damit die Schwere ihrer Schuld vom Gericht festgestellt werden kann, um wiederum die Entscheidung treffen zu können, ob sie nur mit einem Bann belegt oder den Flammen übergeben wird.«

So ein Urteil hatte Hannes schon erwartet, es überraschte ihn nicht im Geringsten. Der junge Mann dachte nun darüber nach, wie er der Schneiderin nahelegen konnte, ein Geständnis abzulegen, um ihres Lebens willen. Ruprecht biss sich nervös auf die Unterlippe, er vermutete instinktiv, dass die Sache noch nicht ausgestanden war. Jobst fehlte offenkundig gänzlich das Verständnis dessen, wie es nun weiterging – ob er auch noch als Zeuge gehört werden würde. Er richtete nur abwechselnd seinen Blick bald auf Hannes, bald auf den Untersuchungsrichter in der Hoffnung, dass einer von ihnen ihm etwas Bestimmtes diesbezüglich sagen konnte.

Gretlin war ebenfalls irritiert. Sie konnte bei aller Mühe nicht dahinterkommen, aus welchem Grund Schneiderin Irmel für ihr Nähkränzchen so hart bestraft werden sollte. Sie waren doch alle gottesfürchtige, christliche Frauen, die sich bei Irmel versammelten. Warum? Schließlich hatte ja ihre Gastgeberin damals nichts über die Absichten des Wilden Mädchens gewusst, Gerdrud hatte sie geheißen, erinnerte sich Gretlin, es traf sie auch keine Schuld, dass die Wilde sich dann in diesem Kleid in den Wald begeben hatte. Gretlin fand, dass Vater Nicklas davon in Kenntnis gesetzt werden musste, und suchte, seinen Blick mit ihren Augen abzufangen, um auf sich aufmerksam zu machen und ihre Version der Geschichte zu erzählen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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