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Des Teufels Steg: Seite 134

Aber der Franziskaner legte kein Interesse an den Tag, mit dem Verhör weiterzumachen, das Urteil war letztendlich bereits gefällt, vielmehr saß er nachdenklich an dem Richtertisch, der Blick war auf seine gefalteten Hände mit verschränkten Fingern gerichtet, die in seinem Schoß ruhten.

»Es gibt keine Wilden Männer«, sagte er schließlich. »Es hat sie, soweit dem Gericht bekannt ist, noch nie jemand zu Gesicht bekommen. Sie erscheinen, und davon ist auszugehen, nur Hexen, die sie anrufen, indem sie mit entblößter Scham bei Vollmond auf der Wiese anstößig tanzen, um sie mit ihren Reizen anzulocken. Dass der Aberglaube an die Wilden Männer in dem Dorf zum Tale dermaßen verbreitet ist, zeugt von einer nicht unbedeutenden Anzahl von Hexen in dem Ort. Gar fromme Christinnen, wie Gretlin es auf den ersten Blick zu sein scheint, sind diesem Aberglauben verfallen und sind, auch wenn es unbemerkt für sie selbst geschah, dennoch behext worden. Es muss eine gründliche, allumfassende Hexensäuberung in dem Dorf vorgenommen werden. In Anbetracht dessen wird vom Gericht folgendes angeordnet: Gretlin wird unverzüglich in den Kerker überstellt, bis nähere Umstände ihrer Behexung aufgeklärt sind und das Maß ihrer eigenen Schuld an den höllischen Vorkommnissen festgestellt ist. Immerhin wäre ihr zur Last zu legen, dass sie direkt oder indirekt Beihilfe zur Unzucht einer jungen, unerfahrenen Hexe mit dem Teufel geleistet hat. Die Sitzung ist geschlossen. Die Wachen mögen die Beschuldigte festnehmen und in den Kerker begleiten. Die restlichen Zeugen sind entlassen und können heimkehren. Ihr Zeugnis ist der Sache nicht mehr dienlich.«

Mit so einer Wendung hatte keiner gerechnet, auch nicht Hannes, der wie vor den Kopf gestoßen auf der Zeugenbank saß und sich nicht traute, in Ruprechts Richtung zu blicken. Erst neulich, gestern Nacht bei der Hexenjagd, hatte er halb ernst-, halb scherzhaft zu ihm gesagt: »Dein Weib könnte eine davon sein!«, und hatte damit eine Hexe gemeint, und nun bewahrheitete sich sein zufällig und ohne jede üble Absicht ausgesprochenes Wort. Was musste sein Freund von ihm halten? Dass er von vornherein die Absicht hatte, seine Frau Gretlin ans Messer zu liefern? In Ruprechts Augen musste es so aussehen, denn kein anderer als er, Hannes, hatte Gretlin dazu überredet, als Zeugin nach Wendhusen mitzukommen. Und nun? Und nun musste sie in den Kerker, da sie der Hexerei verdächtigt wurde. Hannes blickte zu seinem Kameraden auf, um sich zu erklären, und begegnete Ruprechts eisigen, hasserfüllten Augen, die ihn anstarrten. Darin las er ein vorwurfsvolles »Bist du jetzt zufrieden? Wolltest du das erreichen?«

»Ruprecht, bei allem, was wahr ist, ich …«, konnte er gerade noch sagen, bevor sein Jugendfreund entschlossen aufstand und die Gerichtsstube durch die Tür verließ, durch die vor einigen Augenblicken die Schutzgardisten Gretlin hinausgeführt hatten.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Nachdem auch Jobst ihm hinterhergeeilt war und Marten seine Schreibutensilien eingepackt und den Raum verlassen hatte, sodass der Franziskanerbruder und sein Lehrling unter vier Augen geblieben waren, wandte sich Vater Nicklas an Hannes: »Es ist wirklich bemerkenswert, mein Sohn: Zwei Hexen an einem Tag, und dabei haben wir noch gar nicht richtig angefangen, nach ihnen zu suchen. Doch nun begeben wir uns mit dir zum Kellergewölbe, wo die Schneiderin Irmel im Kerker sitzt. Sie muss ihre Verbrechen gestehen, um ihre Seele zu erleichtern, und wir werden ihr dabei behilflich sein. Dir, Hannes, kommt eine besondere Rolle zu. Komm, gehen wir. Ich erkläre es dir unterwegs, mein Sohn.«

Wenngleich den Tischlergesellen noch sein schlechtes Gewissen plagte, während er mit dem Inquisitor durch die Gänge des Klosters schritt sowie Treppen hinunterstieg, die in den Keller führten, und er sich große Vorwürfe machte, dass er Ruprecht und seine Frau unbedachterweise in die Sache mit hineingezogen hatte, nährte Hannes noch die Hoffnung, ihm hätte es gelingen können, die Schneiderin vor dem sicheren Tode zu bewahren, wenn er bloß imstande gewesen wäre, die alte Frau zu einem reuigen Geständnis zu bewegen.

Vater Nicklas sprach zu ihm: »Ich habe für dich eine delikate Aufgabe, mein Sohn. Du kennst die Schneiderin schon lange und obwohl sie sich in besonders schwerem Maße der Hexerei schuldig gemacht hat, verbleibt im Herzen jeder Hexe, und dieses Weib ist da keine Ausnahme, der alte Samen der Tugendhaftigkeit, der durch das Wort Gottes in ihre Seele gefallen ist und den du als guter Bekannter durch Zuwendung und Mitleid aufgehen lassen kannst, so wie man ein vertrocknetes Korn durch Gießen zum Keimen bringt. Das Elend des Kerkers, in dem das Hexenweib nun schon seit einigen Stunden weilt, trübe Gedanken, die ihren Kopf mit der erdrückenden Last der Beweise in der Einsamkeit füllen, und ein gutes Wort der Vernunft, das ihr ein vertrauter Mensch zuredet, machen auch die standhafteste Hexe weich und empfänglich für die Wahrheit, die sie endlich bekennen muss, indem sie ein umfassendes Geständnis für ihre Verbrechen und Sünden vor Gott ablegt.«

»Und was soll ich ihr denn sagen, Meister?«, wollte Hannes wissen.

»Nun, beginne zum Beispiel damit, dass du sie schon lange als eine fromme, gottesfürchtige Frau kennst und die schlimmen Dinge, die sie begangen hat, nur für einen Fehltritt hältst. Aber Gott, unser Herr im Himmel, ist gnädig und führt sogar die übelsten Verbrecher auf den rechten Weg, wenn die Sünder sich zu ihren Taten bekennen, sie aufrichtig bereuen und Buße tun. Erinnere dich gemeinsam mit der Hexe an gute Zeiten, als sie im Dorf noch von allen geehrt wurde und in Frieden mit Gott und sich selbst ihre Tage verlebte. Vergleiche das für sie mit dem, was sie jetzt umgibt: dunkler Kerker, gefräßige Ratten, kalter Stein und Verachtung. Und sag, dass die Tür in die heile Welt für sie offen steht, sobald Gott im Himmel ihr reuiges Bekenntnis, erklärt zur Niederschrift durch den Gerichtsschreiber, erhört hat.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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