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Des Teufels Steg: Seite 131
Dem Tischlergesellen war es nicht gelungen, auch nur einen einzigen Dörfler zu überzeugen, in dem Prozess als Zeuge aufzutreten, außer seinen Kameraden. Aber auch diese hatten erst nach langem Überlegen und Zögern zugestimmt, vermutlich nur aus Rücksicht auf ihre alte Freundschaft und weil sie ihm den erzwungenen Gefallen hatten tun müssen, angesichts dessen, wie penetrant er darauf bestanden hatte. Hannes zweifelte mittlerweile, dass die ganze Sache einen guten Verlauf nehmen würde, wenn er das verängstigte Gesicht von Jobst sah. Vater Nicklas würde seine entlastende Zeugenaussage in Sekundenschnelle in Einzelteile zerlegen und durch gezieltes Nachfragen zu jedem Satz die ganze Mühe und Hoffnung zunichtemachen, vorausgesetzt, dass sein Kamerad überhaupt einen Satz über die Lippen brachte. Nicht viel besser sah auch Ruprecht aus, der seine Augen zu Boden richtete und sich nicht traute, dem Blick des Richters zu begegnen. Und nur Gretlin saß etwas dümmlich da und schaute sich unentwegt um, getrieben von ihrer Neugier, sich möglichst viel von der für sie absolut neuen Umgebung einzuprägen, um später darüber anderen Weibern berichten zu können. Zuweilen hätte man denken können, sie verstand nicht so recht, was hier vor sich ging. »Marten«, sagte der Inquisitor, nachdem er die vorgestellten Zeugen einer visuellen Prüfung unterzogen hatte, »vermerke, dass das Gericht nun der Zeugin Gretlin aus dem Dorf zum Tale Gehör schenken wird. Notiere sorgfältig alle Namen der Anwesenden. Die Zeugin wird von mir, dem Vorsitzenden des Inquisitionsgerichts, im Beisein von zwei Wachen der Schutzgarde der Heiligen Inquisition verhört, die den ausgesagten Inhalt werden bezeugen können, und des Gerichtsschreibers, dem es obliegt, das Ausgesagte genauestens zu notieren. Die Zeugin möge sich erheben.« Ruprecht versetzte seiner Frau unauffällig einen leichten Knuff mit dem Ellbogen in die Seite, da sie auf die Aufforderung des Richters keinerlei sichtbare Reaktion zeigte, sondern vielmehr weiterhin seelenruhig die Ausstattung der Gerichtsstube beäugelte. »Steh auf!«, flüsterte er ihr zu. »Du wirst gefragt.« »Ja?« Gretlin sprang auf, als sei sie jäh aus dem Schlaf gerissen worden, und sah den Richter fragend an. Vater Nicklas bedachte Ruprechts Frau mit einem finsteren Blick und sprach: »Die Zeugin wird belehrt, unverzüglich aufstehen zu müssen, wenn sie vom Gericht angesprochen wird, und den Richter ehrfürchtig mit ›Euer Ehren‹ anzureden, wenn sie an diesen ihr Wort richtet.« Gretlin schwieg schuldbewusst. Ruprecht zupfte sie abermals heimlich am Ärmel, sie möge doch dem Vorsitzenden ein Zeichen geben, dass sie die Belehrung verstanden hatte. »Ja … Euer Ehren«, gab sie endlich von sich. »Des Weiteren wird die Zeugin darauf hingewiesen«, fuhr der Richter fort, »dass sie vor Gott sowie vor diesem Gericht nichts außer Wahrheit aussagen darf. Unwahre Angaben werden mit Exkommunikation und Verbannung bestraft, und besonders schwerwiegende und folgenreiche Lügen gar mit den Flammen.«
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Gretlin fuhr zusammen, als sie die Aufzählung der ihr im Ernstfall drohenden Unannehmlichkeiten hörte, während der Untersuchungsrichter einen der Wachleute herbeirief und ihm die Bibel übergab, die auf dem Richtertisch lag. »Nun leg deine Hand auf die vier Evangelien Gottes, Gretlin«, forderte der Vorsitzende die Frau auf, als der Schutzgardist mit der Heiligen Schrift an sie herantrat, »und leiste den Eid, sowohl für dich und als auch für andere die Wahrheit zu sagen.« Die Frau folgte der Anweisung und legte ihre Hand auf das Buch. »Schwörst du, Gretlin aus dem Dorf zum Tale, diesem Gericht nur die Wahrheit zu sagen und nichts außer der Wahrheit? So antworte: Ja, ich schwöre.« »Ja, Euer Ehren, ich schwöre.« »Hast du alles verstanden, Gretlin, worüber ich dich belehrt habe?«, fragte Vater Nicklas zum Abschluss der Vereidigung. »Unter anderem, welche Konsequenzen eine unwahre Aussage nach sich ziehen wird?« »Ja, Euer Ehren«, gab die völlig verwirrte, eingeschüchterte Frau zur Antwort. Der vorsitzende Richter wandte sich an den Schriftführer: »Der Gerichtsschreiber möge im Vernehmungsprotokoll den Vermerk machen, dass die Zeugin einen körperlichen Eid geleistet hat, kein unwahres Wort vor diesem Gericht aussagen zu wollen.« Marten kritzelte fleißig etwas in den Foliant, den er vor sich auf dem kleinen Beistelltisch aufgeschlagen hatte. »Nun sag doch dem Gericht, liebe Gretlin«, fing der Franziskanerbruder mit einschmeichelnder Stimme sein Verhör an. »Kennst du die Schneiderin Irmel aus deinem Dorf?« »Ja, Euer Ehren.« »Erzähl doch ein wenig: Was ist sie für ein Weib? Womit beschäftigt sie sich tagtäglich? Ist sie im Dorfe beliebt?« »Na … Sie ist … die Schneiderin …«, stammelte Ruprechts Frau irritiert, weil sie nicht ganz nachvollziehen konnte, warum sie nach solch offensichtlichen Dingen gefragt wurde. Gretlin wollte nichts Falsches sagen, was Irmel schaden konnte. Hannes hatte sie vorhin inständig darum gebeten und mit ihr die Antworten geübt, die sie geben sollte, wenn sie nach bestimmten Begebenheiten gefragt wurde, und sie wollte weder ihn noch Ruprecht enttäuschen, der ihr zum Schluss gesagt hatte: »Kein Wort über Kräuterpflücken. Sag nur, dass die Schneiderin nie Gewitter erregt oder Menschen behext und das Vieh der Milch beraubt hatte.« Aber dieser Vater Nicklas stellte ganz andere Fragen als die, die Ruprechts Freund Hannes mit ihr durchgegangen war, und die Frau übermannten große Zweifel, wie sie darauf antworten sollte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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