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Des Teufels Steg: Seite 132

»Diese Irmel verdient ihren Lebensunterhalt also mit dem Schneiderhandwerk. Richtig, mein Kind?«, versuchte der Richter, die Frau zum Reden zu ermuntern.

»Ja, Euer Ehren. Sie kann schöne Sachen schneidern, jeder im Dorf trägt ein Kleidungsstück von ihr.«

»Du meinst, sie ist im Dorf durchaus beliebt. Jedes Weib kennt sie und viele davon besuchen die Schneiderin. Stimmt?«

»Ja, das stimmt, Euer Ehren.«

Die Frau wirkte umso entspannter, je tiefer Vater Nicklas sie in das Gespräch verwickelte, bei dem er sie wie eine Spinne ein unbedarftes Insekt mit einem Netz von Fragen umwob, ohne genau zu wissen, an welchem Faden die Beute hängen blieb.

»Nun stellt sich mir aber die Frage: Kommen all die Weiber zu ihr, um für sich eine Cotte schneidern zu lassen oder verfolgen sie dabei ein anderes Ziel?«

Gretlin sah Vater Nicklas ahnungslos an.

»Ich meine«, sprach dieser erklärend weiter, »ob du davon Kenntnis hast, dass irgendeine der Frauen jemals von der Schneiderin Irmel Zauberkräuter oder gar einen Zaubertrank bekommen hat?«

»Nein, Euer Ehren.«

»Hm …«, äußerte der Inquisitor seine Enttäuschung und spielte eine Zeit lang nachdenklich an seinem Ohrläppchen. Vater Nicklas sah, dass die Frau aufrichtig war und die Wahrheit sagte. Doch das »Nähkränzchen« gab ihm keine Ruhe, irgendwas Dämonisches musste seiner Erfahrung nach an der Sache dran sein. Das alte Hexenweib musste einfach Jüngerinnen in höllischen Künsten unterrichtet haben. Es galt, sie um jeden Preis ausfindig zu machen und zu bestrafen sowie die Schneiderin des Betreibens eines ketzerischen Hexenzirkels zu überführen. »Liebe Gretlin«, sagte er schließlich, »du gehörst doch zu diesem Zirkel, den die Schneiderin bei sich im Hause abhält. Was passiert dort im Einzelnen, wenn ihr euch versammelt?«

»Na …«, gab die Frau unschlüssig von sich. »Alle bringen entzweigegangene Sachen mit und wir flicken sie gemeinsam und singen dabei. Oder es kommt jemand und will eine neue Cotte schneidern, dann hilft Irmel derjenigen dabei.«

Wie bist du diesem Zirkel beigetreten? Bist du auch eines Tages von selbst gekommen, um ein neues Kleidungsstück zu schneidern?«

»Nein, Vater, Irmel hat einmal einen Riss in meiner Cotte gesehen, als wir mit Ruprecht in der Kirche waren, und hat mich nach dem Gottesdienst angesprochen, dass sie mir beibringen kann, wie man das Loch stopft. Es war ein sehr gutes Kleid, viel zu schade, um es wegzuwerfen, und ich bin hingegangen.«

»Lädt die Schneiderin immer selbst die Frauen zu dem Nähkränzchen ein?«

»Nein, Euer Ehren, manchmal bringen auch wir andere Weiber und Jungfrauen mit. Irmel hat uns gesagt, dass wir besonders nach Wilden Jungfrauen Ausschau halten sollen!«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Gretlin spürte sofort, dass sie etwas Falsches gesagt hatte, denn aus den Augenwinkeln konnte sie wahrnehmen, wie Ruprecht ruckartig seinen Kopf hob und sie missbilligend von der Seite ansah, und darüber hinaus bemerkte sie, dass sich der Blick des Richters nach ihren Worten geradezu erhellte. Sie versuchte erst noch zu verstehen, welchen Fehler sie gemacht hatte, als der Franziskanerbruder schon die nächste Frage stellte.

»Wilde Jungfrauen? Erkläre doch dem Gericht, mein Kind, wer diese Wilden Frauen sind!«

»Das sind …« Gretlin überlegte kurz, wie sie es dem Richter verständlich erklären konnte. »Das sind Frauen … sie gehen nicht zur Kirche. Wir nennen sie so im Dorf.«

»Nicht in die Kirche zu gehen, ist ein schwerwiegendes Vergehen für einen Christen. Warum bleiben diese Weiber dem Gottesdienst fern und weigern sich, dem Worte Gottes zuzuhören?«

»Sie sind keine Christinnen, es sind Wilde.«

Der Inquisitor wurde hellhörig. »Aus welchem Grunde nehmt ihr an, die Frauen seien wild?«

Völlig unbemerkt für Gretlin war die Befragung an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht weiterwusste. Die Frau hätte nun dem Richter erzählen müssen, dass die Wilden bei Vollmond in den Wald gingen, um Kräuter zu pflücken, denn das machte ihrer Meinung nach die Wilden Frauen aus, sonst waren es doch ganz normale Weiber, bis auf die Tatsache, dass sie sonntags nicht den Gottesdienst besuchten. Aber genau davor hatte sie Ruprecht gewarnt. Diese Warnung wollte sie nicht missachten, denn ihr Mann muss dafür triftige Gründe gehabt haben, die ihr verborgen blieben. Doch dann fiel ihr noch eine Sache ein, die nichts mit dem Kräuterpflücken zu tun hatte und den Wilden Weibern eigen war.

»Es gibt …«, fing sie unsicher an, den Zusammenhang zu erläutern. »Es leben Männer im Wald, Wilde Männer, und die Frauen gehören zu ihnen, deswegen nennen wir sie so.«

Was machte bloß seine Frau? In Ruprechts Kopf läuteten sämtliche Alarmglocken. Welcher Teufel hatte sie denn geritten, dass sie überhaupt die Wilden dem Untersuchungsrichter gegenüber erwähnt hatte, ärgerte sich der Mann. Er wusste noch nicht welche, aber dass es ganz üble Folgen haben würde, war er überzeugt. Soviel sich erkennen ließ, hatte Vater Nicklas vor, diesen ganzen Knäuel aus Wilden Frauen, Wilden Männern, Legenden und Gerüchten, Faden für Faden peinlich genau zu entwirren, und daran, was dabei sonst noch alles aus dem Munde seiner Frau ans Tageslicht hätte kommen können, traute er sich gar nicht zu denken. Jedoch gab es kein Mittel, sie unbemerkt zur Vernunft zu bringen, und vermutlich war es schon zu spät, denn anscheinend witterte der Inquisitor bereits die passende Gelegenheit, um Hexen und Dämonen auf die Schliche zu kommen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 7.970
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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