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Des Teufels Steg: Seite 126

Richard war müde. Seit dem Frühstück hatte er nichts Essbares im Mund gehabt und hatte Hunger. Seine Wasserflasche war leer. Geplagt von den Strapazen kämpfte er sich nun planlos durch das Dickicht und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, nächstes Mal, wenn er wieder in die Nähe der tätowierten Schädel kam, einfach auf die Lichtung zu treten und den Typen, der ihr Anführer zu sein schien, zu ohrfeigen und die Frauen zu befreien, wie es jeder edle Ritter in seinen Märchen getan hätte.

So weit kam es aber nicht, denn wenig später stellte Knöpfle unerwartet für sich selbst fest, dass er am Waldrand auf einem Feldweg stand, der über eine Wiese herführte, auf der hier und da ein Strohballen lag, und entlang des Waldes weiterlief. Hinter der ersten Baumreihe versteckt parkten zwei Autos und mehrere monströse Motorräder, die schon beim bloßen Ansehen furchteinflößend wirkten. Sie musste er vorhin gehört haben. Sehr weit von dem »Tanzplatz« der Nazis hatte er sich in der Zeit wirklich nicht entfernt, musste Richard zugeben, aber jetzt hatte er zumindest einen von Menschen geschaffenen Weg gefunden, der ihn hoffentlich nach Treseburg bringen würde, und vorzugsweise noch bevor es dunkel wurde.

Der Schriftsteller sah auf die Uhr. Die Siebenuhrmarkierung hatte der Stundenzeiger zwar überschritten, aber die Lichtverhältnisse waren, wie es Knöpfle schien, bei Weitem schlechter, als man sie zu dieser Jahreszeit um diese Stunde hätte erwarten können. Richard richtete seinen Blick nach oben und machte mit Unbehagen die Feststellung, dass sich der Himmel indes zugezogen hatte, sodass es nur noch am Horizont über dem Feld, vor dem er stand, – es war die südliche Richtung, wovon Knöpfle gegenwärtig nicht den blassesten Schimmer hatte – einige Lichtblicke gab. Nach Norden zu verdunkelte sich der Himmel zusehends.

Die ersten Regentropfen fielen, sobald der erschöpfte Legendensammler die anfänglichen hundert Meter auf dem Feldweg Richtung Süden zurückgelegt hatte. Er hielt es für besser übers offene Gelände zu wandern und nicht in der Nähe des Waldes zu bleiben, von dem er mittlerweile genug hatte. Möglicherweise, mutmaßte er, würde ihn der Weg dann wieder in den Wald zu der verhassten Lichtung führen. Es war kein starker Regen, doch die mittelgroßen Tropfen, die mit konstanter Intensität auf die Erde fielen, hatten nicht allzu lange gebraucht, um den Feldweg in eine Schlammpiste zu verwandeln, sodass Knöpfle zuweilen knöcheltief im Dreck versank und wie ein Bierkutscher fluchte, was ihm sonst gar nicht eigen war.

Er hätte auch selbst nicht mit Bestimmtheit sagen können, worüber er sich mehr ärgerte: Über das Wetter oder über die Nationalpatrioten? Knöpfle hasste diese Leute, er war in gewissem Maße persönlich von ihren Vorstellungen über die Überlegenheit der arischen Rasse betroffen. Seine Großmutter väterlicherseits, die er nie kennengelernt hatte, weil sie während der Zeit des Dritten Reiches vermutlich in einem Konzentrationslager umgekommen war, hatte jüdisches Blut in ihren Adern gehabt – ihr Vater entstammte einer Frankfurter Judenfamilie – und war, ähnlich wie die Frauen, die jetzt auf Richards Hilfe angewiesen waren, von solchen Idioten, die weiß Gott was von sich hielten, abgeführt und nie wieder gesehen worden.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Richard war darüber hinaus ein rigoroser Verfechter der kompromisslosen Entnazifizierung. Er hielt es für einen großen Fehler, den die Siegermächte damals nach dem Krieg gemacht hatten, als sie einen großen Teil der Nazis rehabilitiert hatten. Schon in seiner Jugend, als Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger in der Gesellschaft Stimmen laut wurden, dass irgendwann ein Schlussstrich unter der Naziverfolgung gezogen werden sollte, stritt er sich mit den Vertretern dieser Sichtweise so, dass die Fetzen in alle Richtungen flogen. Seiner Meinung nach hatten nicht nur eingefleischte NS-Parteigenossen ihr Recht auf menschlichen Umgang mit ihnen verwirkt, sondern auch alle Mitläufer, genauso wie stille Sympathisanten, die sich heute in alle möglichen Ritzen verkrochen hatten, aber insgeheim immer noch von der »Größe« der deutschen Nation träumten!

Und Knöpfle sah sich jedes Mal in seiner Meinung bestätigt, wenn irgendwo der nächste Nazi gefasst wurde, der seinerzeit zum harmlosen Mitläufer zurückgestuft worden war, sich aber im Nachhinein als SS-Mann entpuppte, der Exekutionen in der Gaskammer beaufsichtigt hatte. Trotz aller Gräueltaten, die die »Übermenschen« begangen hatten, wirkten nach wie vor einige Hundert davon mitten in der Gesellschaft fort und beeinflussten direkt oder indirekt das Bewusstsein der Menschen.

Die Ideen lebten und das, was er gerade auf der Waldlichtung erlebt hatte, bewies es ein weiteres Mal. Der bösartige Tumor des »nationalen Stolzes« wuchs wieder in den Köpfen der Menschen, die Krankheitssymptome waren mittlerweile nicht zu übersehen. Während Richard sich zum letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts schon fast damit abgefunden hatte, dass diese Pest wohl nicht gänzlich ausgerottet werden konnte, und sich schweren Herzens damit zufriedengab, dass diese heimlichen Mein-Kampf-Leser zum Glück nur als marginale Gruppen existierten, die am Rande der Gesellschaft agierten und von der Mehrheit geächtet wurden, häuften sich seit der deutschen Wiedervereinigung hässliche Ausschreitungen mit fremdenfeindlichem Hintergrund, und was Knöpfle besonders entsetzlich fand, war der jubelnde Pöbel, der dabei Beifall klatschte, – er dachte da an Rostock, er dachte an Hoyerswerda und er dachte an zahlreiche kleinere Ereignisse der letzten Jahre.

Die latenten Sympathisanten krochen langsam hinter den Fußbodenleisten hervor und fühlten sich wohl unter ihresgleichen. Erstaunlicherweise gab es nach Knöpfles vorsichtiger Schätzung von diesem Ungeziefer in Ostdeutschland viel mehr als im Westen. Man konnte über die Gründe rätseln, aber die Tatsache, dass Knöpfle gleich auf eine Zusammenkunft nationalsozialistisch gesinnter Schlägertypen gestoßen war, sobald er seinen Fuß auf das Gebiet der neuen Bundesländer gesetzt hatte, konnte man nicht leugnen und an Zufälle dieser Art glaubte Richard nicht.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.970
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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