|
Des Teufels Steg: Seite 127
Obwohl die sich häufenden Vorfälle mit nationalistischem Hintergrund dem Märchenautor als einem außenstehenden Beobachter befremdend, grotesk, ja ungeheuerlich vorkamen, waren sie dennoch Realität, die ihm plötzlich bewusst gewordene Wirklichkeit, von der er zuvor nicht in seinen wildesten Träumen hätte annehmen können, dass sie überhaupt existierte – hier, gleich um die Ecke, unmittelbar vor seiner Nase –, aber er sie nicht gesehen hatte. Oder trotz aller Hinweise nicht hatte sehen wollen? Er fragte sich, warum es nie einer merkte, dass ein Monstrum mitten in der Gesellschaft unbehelligt heranwuchs, bis es sich kräftig genug fühlte, um sich endlich als solches zu erkennen zu geben, ohne sich großartig darüber Gedanken zu machen, ob seine Präsenz eine weitgehende Akzeptanz der Allgemeinheit finden würde. Die einzige Erklärung, die für Knöpfle einen Sinn ergab, klang einfach: Die unterschwellige Zustimmung war in aller Regel schon vorhanden, lange bevor sich das Ungeheuer unverhüllt unter die Augen der Leute traute. Denn dieses Untier, das später wie ein muschelbewachsener Riesenkrake mit seinen dicken Fangarmen um sich griff, um neue Nahrung zu finden, war im Grunde nur ein imaginäres Gebilde aus kleinen Ungeheuerlein, die in jedem Menschen seit urzeitlichen Sippengemeinschaften schlummerten, bis sie eines Tages erwachten, – eine Art Hologramm, etwas auf den ersten Blick Nichtexistentes, was dennoch einen ernsthaften Schaden an der Menschheit anrichten konnte, ein Trugbild, dem man nicht direkt zu Leibe rücken konnte, um es zu bekriegen, man hätte nur gegen Windmühlen angekämpft. Zuerst, sonst wäre die Sache von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, überlegte der Märchenschreiber, musste jeder den kleinen Drachen in sich töten, und der Drache war die Angst vor Fremden. Vor dem Fremden im Allgemeinen, denn das Ungeheuer besaß mehrere Köpfe und hatte viele Gesichter. Es war zuweilen unheimlich schwer für einen treuherzigen Menschen, wenn er sein stillschweigendes Einverständnis für die vermeintliche »nationale Befreiung« gab, schier unmöglich zu erkennen, dass sich hinter der Maske des Erhalts eigener Kultur die hässliche Fratze eines gefräßigen Reptils verbarg. Und schon war das Monster um einen zusätzlichen Kopf kräftiger geworden, schon drang der Krake mit seinen schleimigen Tentakeln unverhohlen in jede Falte des Gehirns, zehrte an der Vernunft und vergiftete das Bewusstsein mit seinen patriotischen Ausscheidungen. Schon zogen die »Patrioten« mit Fackeln durch die nächtlichen Straßen auf ihrer hohen Mission der nationalen Befreiung, um noch die letzten Vertreter der fremden Art in die Finger zu kriegen, damit diese unter keinen Umständen »echte Arier« bei der Ausübung ihrer höheren Bestimmung und beim Ausleben ihrer eigenen Überlegenheit anderen Ethnien gegenüber stören konnten. Bei der Gelegenheit auch den Rest derer, die gegen den giftigen Schleim des widerlichen Kraken immun zu sein schienen.
(?)
Richard konnte nur schwer beurteilen, ob und inwiefern sich die Lebensansichten der »echten Arier« ändern konnten, wenn man ihnen beispielsweise das Lesen beibrachte und die Verfechter der Rassenreinheit eines Tages erfahren hätten, dass das frühgeschichtliche Volk, mit dessen Namen sie sich schmückten, etwa auf demselben Territorium gesiedelt hatte, wo auch zum Teil die von ihnen augenblicklich verpönten Flüchtlinge herstammten. Denn die Denkweisen der Verteidiger des arischen Vaterlandes, die logischen Ketten, die in den nicht allzu mit denkender Masse beschwerten Köpfen der Patrioten geknüpft wurden, glichen meistens nur jenen der menschenfressenden Kreaturen der Tiefsee und außerdem, stellte Knöpfle für sich fest, reimte sich »Patrioten« durch Ironie des Schicksals perfekt auf ein nahezu gleichklingendes Wort, das gewissermaßen die »alternative geistige Begabung« der betroffenen Spezies präzise zum Ausdruck brachte. Wenn das nicht ein Zufall war …? Dem Schriftsteller war es ehrlich gesagt im Augenblick nicht danach, umfassende Erklärungen für das Phänomen zu finden, für ihn standen aktuell die entführten Frauen im Vordergrund. Und der ununterbrochen von oben tröpfelnde Regen setzte ihm immer mehr zu: Der Schriftsteller war durch und durch nass. Richard wusste nicht genau, wie lange seine beschwerliche Wanderung gedauert hatte und auf welchen Wegen und welche Pfade er entlanggelaufen war, wie viele Wälder er durchquert und wie oft er den Weg über eine Wiese gemieden hatte, um nicht bei strömendem Regen im offenen Gelände laufen zu müssen. Er hatte auch keine Ahnung, wie der Ort hieß, zu dem er nach weit mehr als einer Stunde hinausgekommen war und dort endlich festen Boden unter seinen Füßen gespürt hatte, aber als er endlich Treseburg erreichte, todmüde und darüber verärgert, dass genau dann, als schnelles Handeln vonnöten gewesen war, er sich zu allem Überfluss noch verirrt hatte, warfen schon die Laternen ihren Schein auf den nassen Straßenbelag und von der Brücke über die Bode sah Knöpfle die hell erleuchteten Fenster des Hotelrestaurants. Trotz alledem war er sich fast sicher, dass er an der Stelle vorbeigelaufen war, wo sie mit Wolfgang heute Vormittag das Auto am Straßenrand hatten stehen lassen, allerdings hatte er dort kein Auto entdecken können, es war nicht mehr auf dem Straßenabschnitt geparkt. Aber im Augenblick schien es das kleinste Problem zu sein, das ihn beschäftigte, schließlich sollte sich Breitscheid selbst um seinen eigenen Kram kümmern. Es regnete immer noch und Richard war heilfroh, dass er endlich unter den Sonnenschirmen auf der Terrasse Schutz vor dem himmlischen Nass finden konnte. »Katja!«, rief der Schriftsteller aus letzter Kraft mit schwacher Stimme nach der Kellnerin, als er erschöpft, völlig durchnässt wie er war, in einen der Stühle fiel, die auf der Terrasse unter den Schirmen standen. Erschrocken sah die junge Frau den gebeutelten Schriftsteller aus der Tür an und fragte besorgt: »Herr Knöpfle, was ist mit Ihnen …?«
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



