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Des Teufels Steg: Seite 124
Er hielt an und hörte genau hin, wer es sein konnte, verstand aber aufgrund der Entfernung kein einziges Wort. Er musste noch ein Stückchen näher heran, beschloss Knöpfle und wollte schon den ersten Schritt den Stimmen entgegen machen, als er von einem ebenfalls entfernten, dennoch in der Stille des Waldes als ohrenbetäubend empfundenen Geräusch, das ihn mitten in der Bewegung innehalten ließ, überrascht wurde. Es kam ihm nicht unbekannt vor, so klangen mehrere schwere Motorräder, wenn sie zugleich, in einem Pulk, einen laut knatternd auf der Straße überholten, erinnerte sich der Schriftsteller. Was zum Henker …? Er fragte sich noch mehrmals, was denn hier zum Henker vorging, während die Maschinen eine nach der anderen verstummten, und als auch der letzte Motor abgestellt wurde und die Stille wiedereinkehrte, hörte er wie ein lautes Gelächter von mehreren Personen durch den Wald echote. Knöpfle schlich sich auf Zehenspitzen nach vorn zu der Stelle, wo er den Stimmen nach die Menschengruppe vermutete, aber sosehr er leise und unbemerkt bleiben wollte, knackte immer wieder ein trockener Ast verräterisch unter seinen Füßen, was die Leute auf der Waldlichtung, zu der Richard in Kürze hinauskam, zum Glück nicht im Geringsten kümmerte – sie standen in einer Runde von etwa zwanzig Mann an der Zahl neben dem qualmenden Lagerfeuer in der Mitte des Platzes und unterhielten sich miteinander laut und emotional. »Wen habt ihr denn da mitgebracht?«, fragte Johannes neugierig, als er sah, dass die Kameraden, die hinter Holger standen, zwei verängstigte junge Frauen mit verbundenen Augen und einem Stück Klebeband über dem Mund, vermutlich türkischer oder arabischer Abstammung, am Ellbogen festhielten. »Habe ich dir nicht eine Überraschung versprochen, Junge?«, erwiderte der Anführer der Recklinghäuser lächelnd und riss den Frauen die Augenbinden vom Gesicht. »Sind es nicht zwei gute Hexen für dein Feuerfest?« »Mann! Das ist ja wirklich ein Geschenk!« Hans klopfte Holger, der um einiges älter als der Jenaer Patriotenanführer war, einen halben Kopf kleiner und kräftiger gebaut, kumpelhaft auf die Schulter. »Hier, das ist meine Mannschaft!« Johannes zeigte auf die Mitglieder seiner Zelle, während die zwei Frauen angestrengt blinzelten, um sich an das helle Licht zu gewöhnen, und erschrocken in die Runde sahen, was wohl diese Männer mit ihnen vorhatten. »Macht euch mal alle miteinander bekannt!«, lud Johannes schließlich alle ein, sich einander vorzustellen. Es zischten Bierflaschen, Hände wurden geschüttelt, es wurde herumgealbert und laut gelacht, als Holger scherzhaft sagte: »Ihr habt ja nur ein Kreuz aufgestellt. Wo ist denn das zweite? Wir haben zwei Hexen!« Alle lachten noch lauter als zuvor und Schorsch meinte: »Da hast du recht! Wir brauchen zwei. Für jede Schlampe eins! Damit die Jungs mit jeder einzelnen der Reihe nach ihren Spaß haben können. Wir nehmen es gleich in Angriff! Alle zusammen! Und dann werden sie brennen …«
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»Noch besser!«, wurde Hans wieder laut. »Wir bauen drei Kreuze!« Dann wandte er sich an Holger: »Wir haben für euch auch eine Überraschung. Wir holen uns heute alle zusammen noch eine dritte Hexe, sie sitzt in einem alten Stollen und wartet auf uns! Wir müssen nur noch die Gittertür aufbrechen.« »Was sagst du da?«, fragte Holger interessiert nach. »Dritte Hexe? Gitter aufbrechen? Da sind wir dabei, nicht wahr, Jungs?« »Ja, ja, ja«, erklangen vereinzelte Rufe der Biker und jemand fügte noch hinzu: »Klar, machen wir doch gerne. Aber zuerst trinken wir was!« »Dann lasst mal die Korken knallen!«, gab Holger der Gang sein Einverständnis zum feuchtfröhlichen Feiern. »Was machen wir mit den beiden?«, fragte ein älterer Biker, der die Mädchen festhielt, während der Rest sich über die Alkoholvorräte hermachte. »Hm …« Holger sah sich um und grübelte nach. »Binde sie doch erstmal am Kreuz fest«, kam ihm Hans zu Hilfe. »Sie sollen da erst mal auf dem Boden sitzen und sich ruhig verhalten, bis sie dran sind! Sonja, wo sind die Seile?« Die inzwischen wieder auffallend stark geschminkte Schönheit ging lässig zum Zelt, während die gierigen Blicke der Biker ihr unwillkürlich folgten, und Holger wandte sich erneut an Johannes. »Ach so, was ich noch sagen wollte … Sag deinen Burschen, sie sollen von den Mädchen ihre Finger lassen. Ihnen darf nichts passieren, sie sind meine Ware. Eine Art Pfand, wenn du verstehst, was ich meine …« »Okay«, gab Hans einsichtig zur Antwort. »Was sind es überhaupt für Huren? Wo hast du sie her?« »Ach, nur so …« Seinem Gesichtsausdruck nach gab der Vorstand der Rocker sehr ungern weitere Einzelheiten preis. »Sind Töchter von zwei Türken. Sie hatten etwas abweichende Vorstellungen von der Höhe der neuen Ratenzahlungen. Jetzt müssen sie eine Woche ohne die Mädchen auskommen. Vielleicht werden sie dann ein wenig einsichtiger? Also: Nur gucken, nicht anfassen!« Die neuen Richtlinien zum Umgang mit den Gefangenen, sogar schon, wie er angenommen hatte, zur Entwürdigung freigegebenen »Asylantinnen« füllten das Herz des Anführers der Jenaer Patrioten mit Befremden. Vor allem wusste er nicht, wie er diese Regeln Schorsch und dem Rest seiner Kameraden erklären sollte, schließlich brauchten die Jungs auch ein bisschen Frischfleisch, immer nur Strohpuppen zu verbrennen, war auch nicht das Wahre. Insbesondere Jürgen, der ohnehin schon jedes Mal die Nase rümpfte und manchmal auch sehr giftig werden konnte, wenn es um »halbe Sachen« ging, hätte ihm große Vorwürfe gemacht – mit Recht, wie Johannes fand, denn nichts anderes als das stellte Holgers Anweisung dar. Es stellte sich ihm die Frage: Wozu hatte der Biker die beiden »Scheiß-Gülcans« überhaupt mitgebracht? Kurz, begeistert war der nationale Befreier nicht, aber seinem Vorsatz von vorhin folgend, die Besucher aus dem Westen mit höchstem Respekt zu behandeln, zeigte er nichts davon nach außen.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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