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Des Teufels Steg: Seite 125

»Dann sollen sie uns wenigstens nackig einen Bauchtanz vorführen oder so!«, verlautete er seinen Kompromissvorschlag.

»Das ist eine Superidee, Bursche!«, rief Holger voller Begeisterung, während Sonja provokativ mit den Hüften wackelnd zurückkam und einen Knäuel Wäscheleine brachte.

»Das müsste reichen.« Hans gab die Leine Dieter. »Kannst du mal den Jungs zur Hand gehen mit den Schlampen?«, warf er ihm zu und wandte sich dann an alle: »Habt ihr gehört? Gülcans werden für uns heute mit nacktem Arsch im Schein des arischen Feuers tanzen!« Dann näherte er sich einem der Entführungsopfer und hielt sein eigenes Gesicht dicht an das der vor Angst zitternden jungen Frau, sodass sie kaum wegsehen konnte, und brüllte sie an: »Was guckst du denn? Hast du verstanden, du, türkische Sau, du?« Er wartete einen Augenblick, während er das Mädchen mit seinem übelriechenden, ethanolhaltigen Atem anhauchte, und konstatierte danach schon etwas ruhiger: »Nix hast du verstanden. Du verstehst kein Wort Deutsch, du Asylantenschlampe!«

Richard Knöpfle lag das Geschehen beobachtend mäuschenstill, ja wie gelähmt im Gebüsch am Waldrand und ihm gefror das Blut in den Adern schon von der bloßen Vorstellung, dass diese Ar… diese Schweine, versuchte Knöpfle vulgäre Ausdrücke zu vermeiden, die Frauen, die sich offenbar nicht recht im Klaren waren, was ihnen drohte, gleich mit Benzin übergossen und kurzerhand anzündeten. Die Frage »Was zum Henker geht hier vor?« stellte er sich nicht mehr, es lag auf der Hand: Es waren Nazis reinsten Wassers, die an ihrem Körper und kahlgeschorenen Schädeln tätowierten Bilder und Symbole ließen kaum daran zweifeln, und keine Jugendlichen, die einfach Unsinn trieben. Der Märchenschreiber konnte vielleicht nicht jedes Wort von ihrer Unterhaltung verstehen, aber das, was er gehört hatte, gab ihm die Gewissheit, dass es kein harmloser Streich war, den die Skinheads den Frauen spielen wollten, sondern bitterer Ernst. Dieser widerliche Typ, der auch ihn, Richard, gestern Abend in Treseburg angepöbelt hatte, machte nicht den Eindruck eines Menschen, der zu Scherzen aufgelegt war, und der andere, der am Vortag auch dabei gewesen war, hatte ihr Vorhaben klar genug formuliert: »Und dann werden sie brennen.«

Als eine vom humanistischen Geiste geprägte Persönlichkeit, sah Richard seine Aufgabe darin, eher sogar seine Pflicht, den ahnungslosen Frauen zu helfen. Aber wie? Was konnte er gegen zwanzig kräftige Kahlköpfe, die meisten von der Größe eines Kleiderschranks, ausrichten? Hätte er jetzt versucht zu intervenieren, so hätten die Lümmel ihn einfach an das dritte Kreuz genagelt und außer, dass die biblische Szene der Kreuzigung Christi fast perfekt nachgeahmt gewesen wäre, hätte es den entführten Frauen wenig genützt, mehr noch: Sie hätten nicht den Schimmer einer Hoffnung gehabt, hier wieder heil herauszukommen. Er war der Einzige, der noch Hilfe holen konnte, überlegte Richard, und es wäre nicht der Sache dienlich gewesen, seine Anwesenheit zu verraten und die letzte Verbindung zu der Außenwelt zu kappen. Knöpfle beschloss, sich schleunigst auf den Weg nach Treseburg zu machen, um vom Hotel aus die Polizei anzurufen und die Beamten zu diesem Nest des Naziungeziefers zu führen.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Der Schriftsteller kroch vorsichtig weg vom Waldsaum, stand auf, nachdem er sich weit genug entfernt hatte, um von den Burschen auf der Lichtung hinter den Bäumen nicht mehr gesehen werden zu können, und wollte zurück zum Trampelpfad laufen, als ihm auf einmal bewusst wurde, dass er keine Ahnung mehr davon hatte, in welche Richtung er dafür gehen musste. Ringsum war dichter Wald und er sah überall gleich aus, wohin Richard auch hinschaute. Dummerweise hatte er sich keine Orientierungspunkte – einen umgefallenen Baum oder einen auffälligen Stein – gemerkt, um den Weg zurück zum Pfad wiederzufinden, den er vor einer halben Stunde verlassen hatte.

Das war wirklich äußerst unklug von ihm gewesen, ärgerte sich der unglückliche Legendensammler. »Und nun?«, fragte er sich, obwohl es nur eine Antwort auf die Frage gab und er sie bereits wusste. Er musste nach Westen durch den Wald wandern, dort lag Treseburg, und die einzige brauchbare Orientierungshilfe war im Moment die untergehende Sonne. Es war erst kurz nach sechs Uhr und sie hätte noch im Himmel stehen müssen. Aber sie tat es nicht. Sosehr sich der Schriftsteller anstrengte, einen Blick auf den Himmel durch die Lücken im Baumkronendach über ihm zu erhaschen, konnte er sie nicht entdecken. Ob das Tagesgestirn schon viel zu tief über dem Horizont stand und die Bäume die Sicht versperrten oder ein paar Wölkchen sich vor die glühende Scheibe geschoben hatten, entzog sich seiner Kenntnis, aber Fakt war, dass die Himmelsausschnitte, die er zu Gesicht bekommen konnte, alle gleich beleuchtet waren und keinen Aufschluss über die aktuelle Position der Sonne gaben. Das Einzige, was ihm noch übrigblieb, war, sich lieber früher als später von der Waldlichtung zu entfernen, ehe er noch zufällig entdeckt worden wäre. Die Stimmen waren noch gut hinter seinem Rücken zu hören, also war es ratsam, überlegte Knöpfle, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, um hier endlich wegzukommen. Er wanderte los in der Hoffnung, dass er nach einiger Zeit auf einen Waldweg oder einen Wanderpfad stoßen würde.

Doch offenbar verbreitete sich der Schall innerhalb einer Waldung, zurückgeworfen von Bäumen und Sträuchern, nach anderen Regeln als die, die Richard gewohnt war, und spielte ihm einen bösen Streich. Er schlug sich durch das unwegsame Unterholz, wie er glaubte, weg von den Stimmen und Geräuschen, die von der Lichtung kamen, aber fünf Minuten später hörte er sie wieder bald von links, bald von rechts und manchmal kam es ihm vor, dass er keinen Meter weitergekommen war und abermals geradewegs auf die Stelle zusteuerte, wo gefeiert und gelacht wurde. Es verging eine gute halbe Stunde, bis der Schriftsteller sich eingestehen musste, dass er sich in dem dichten, dunklen Wald hoffnungslos verirrt hatte und die ganze Zeit im Kreis um die verhängnisvolle Lichtung wanderte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.970
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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