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Des Teufels Steg: Seite 121
Der Schriftsteller verspürte immer weniger Lust auf eine gemeinsame Wanderung zurück nach Treseburg durch das Tal. Ingrid und Rüdiger waren zwar liebenswürdige Menschen und er wollte mit den beiden keineswegs in einen heftigen Streit geraten, aber wenn sie gleich wieder anfingen, und Richard sah es schon kommen, über »Bürger zweiter Klasse« zu reden, würde wohl kein Weg daran vorbeiführen. Es verlangte Knöpfle auch nicht mehr nach einem aufmunternden Gespräch mit den unglücklicherweise aus ihrem gewohnten Leben geworfenen ingenieurtechnischen Mitarbeitern, er sah darin keinen Sinn, vierzig Jahre proletarischer Gehirnwäsche hatten viel zu tiefe Spuren hinterlassen, um sie während einer zweistündigen Wanderung mit den Worten der Vernunft beseitigen zu können. Wie konnte er dem Paar begreiflich machen, dass »blühende Landschaften« nicht von außerhalb hergebracht und installiert werden konnten, obwohl es technisch und finanziell wahrscheinlich möglich gewesen wäre? Sie entstanden in den Köpfen der Menschen und wurden nach diesem Vorbild mit ihren eigenen Händen erschaffen, alles andere, so lautete Richards feste Überzeugung, war für »die Katz«, nicht der geringsten Mühe wert. Das blühende Land wäre nach kurzer Zeit unweigerlich wieder zu einer Müllhalde verkommen, wenn man, statt etwas fürs eigene Wohlergehen zu unternehmen, na ja, in der Stube saß und skeptisch zum Fenster hinausschaute, ob die Landschaften auch seinen Vorstellungen entsprechend von anderen gestaltet wurden. Kurzum, der Schriftsteller stand, als er an der Talstation der Sesselliftbahn angekommen war, vor einer schwierigen Entscheidung, was er nun als Nächstes machen sollte. Es war inzwischen schon kurz nach vier Uhr und eigentlich musste er, falls er sich gleich entschied, nicht mehr nach unten ins Tal zurückzukehren, sondern vom Hexentanzplatz nach Treseburg entlang der Schlucht zu wandern – mit dem Gedanken spielte er –, die Zimmermanns irgendwie wissen lassen, dass sie auf ihn nicht länger im Hirschgrund warten und stattdessen gleich zum Hotel aufbrechen sollten, sobald Breitscheid auftauchte. Er suchte mit seinen Augen nach einem Münztelefon, sah aber keins. Im Bahnhof langweilte sich mangels Fahrgäste nur eine Aufsichtskraft, eine schlanke, amtlich streng aussehende Frau seines Alters mit hochgesteckten dunklen Haaren, die Richard dennoch äußerst attraktiv fand. »Entschuldigung«, sprach Knöpfle die Frau an, »sagen Sie bitte – übrigens, hallo, ich heiße Richard –, wie komme ich nun von hier zur Kabinenbahn?« »Folgen Sie dem Weg nach rechts, wenn Sie aus dem Bahnhof kommen«, gab die verantwortungsvolle Mitarbeiterin mit unbestechlichem Gesichtsausdruck zurück.
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Solche Art von Frauen wie diese Seilbahnangestellte begehrte der »verrückte Schriftsteller« nicht weniger als junge, unerfahrene Kellnerinnen – so wie sie dastand, distanziert, abweisend und auf den ersten Blick uneinnehmbar wie eine Festung mit hohen Mauern, in ihrem engen Midirock, der knapp die Knie bedeckte, und einem uniformähnlichen dunkelblauen Blazer über einer weißen Bluse mit leicht geöffnetem Kragen, der zwar keine tiefen Einblicke gewährte, Richard jedoch umso neugieriger machte. Er wusste, dass sich hinter den dicken Mauern der äußerlichen Scheinindifferenz ein nach Liebe und Zuneigung verzweifelt rufendes weibliches Wesen verbarg, das sich gerne gefangen nehmen ließ, wenn man nur bei der Suche nach dem Schlüssel vom Tor der Festung fündig wurde, den solche Frauen offenbar mit Absicht gar nicht so weit weg vergruben, wie es einem zunächst vorkommen mochte, und von selbst, bewusst oder unbewusst, Hinweise darauf gaben, wo sich der geheime Ort befand, an dem man graben musste. Die Gelegenheit war günstig, sie waren völlig allein, und der Legendensammler ließ seinen ganzen unwiderstehlichen Charme spielen. »Vielen herzlichen Dank, gnädige Frau«, sagte er lächelnd. Die Frau maß Knöpfle mit ihren Blicken wie einen Zeitreisenden, der an einem falschen Haltepunkt ausgestiegen war, als hätte sie einzuschätzen versucht, ob der Mann bei dem Transfer durch die Epochen den Halteknopf etwas zu früh gedrückt hatte oder im Gegenteil, als er schon seinen Zielbahnhof hinter dem Fenster hatte vorbeisausen sehen. »Ähm … bitte schön«, gab sie irritiert von sich, eine »gnädige Frau« hatte sie bisher noch kein Fahrgast genannt. »Wissen Sie«, fuhr Knöpfle fort, »wenn man so in einer fremden Gegend unterwegs ist, dann ist man manchmal hilflos ohne Ortskenntnisse. Zum Glück gibt es ja so nette, freundliche Damen wie Sie, die einem den rechten Weg zeigen. Mit wem habe ich denn die Ehre …?« Teils mit romantischen Ausdrücken, teils mit heuchlerischen Worten versuchte der Kreativreisende, das Eis zu schmelzen, mit dem sich die Zielperson seiner Begierde umgab, bis seine Anstrengungen am Ende von Erfolg gekrönt wurden. Die erst unnachgiebig geglaubte Angestellte mit vor Aufregung leicht geröteten Wangen, die sich ihm als Elke vorgestellt hatte, verriet Richard ihre private Telefonnummer, nachdem er ihr etwas von einem »elysischen« Abend zu zweit bei Kerzenlicht und einer Flasche guten Weins mit ausgesuchten Speisen erzählt hatte. Dann steckte Knöpfle seinen Block, wo er die Nummer notiert hatte, wieder in die Tasche seiner Jacke, verabschiedete sich, indem er der Frau sich spätestens morgen zwecks Verabredung zu melden versprach, und wollte schon den Bahnhof verlassen, als ihm noch etwas einfiel. »Was meinen Sie, Elke, könnte ich von ihrem Telefon kurz jemanden anrufen?«, fragte er.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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