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Des Teufels Steg: Seite 117
»Nein!«, versetzte das Mädchen. »Es ist nur dummes Gerede!« Dummes Gerede hin oder her, dachte der Handelsreisende, aber irgendetwas musste da im Busch sein bei dieser Cecilia. Aus welchem Grund hatte er anderenfalls das blonde Mädchen in seinen Visionen meistens in Verbindung mit einer Hexenschar gesehen? Breitscheid glaubte inzwischen fest an all die Omen und Zeichen seiner Träume, denn der beste Beweis für ihre Richtigkeit stand vor ihm – es war das blonde Fräulein selbst, das nur aufgrund seiner Vorstellungskraft auf einmal Gestalt angenommen hatte. »Wir sind keine Hexen«, fuhr Cecilia fort. Indes hatte sie sich trotz Bedenken zu dem Entschluss durchringen können, auch ihrerseits dem »Wilden Wolfgang« die volle Version der Geschichte zu erzählen, um den Mann auf ihre Seite zu bringen. »Wir sind Wilde Frauen und leben nach unseren alten Sitten. Wir sammeln Kräuter im Wald und machen daraus Tränke, die Menschen heilen können. Die Christen sagen, dass es alles Ketzerei und Zauberei sei, und wollen uns verbrennen. Im Kloster sind bewaffnete Männer angekommen und haben vor, alle Kräuterpflückerinnen festzunehmen. Eine sitzt schon im Kerker und es kann nicht mehr lange dauern, bis ihr weitere folgen werden. Wir müssen fliehen und uns verstecken.« Für den Handelsreisenden hörte sich das alles nach einer wahren Geschichte an, insbesondere, weil Cecilia ihn die ganze Zeit mit ihren aufrichtigen blauen Augen flehend angesehen hatte, als hätte sie mit dem Blick noch zusätzlich zu den Worten eine Botschaft übermitteln wollen: »Hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!« Es tat ihm auch schrecklich leid, dass er dem Mädchen vorhin fälschlicherweise böse Absichten einer Hexe unterstellt hatte. Kurzum, er beschloss, Cecilia und ihrer Mutter zu helfen. »Warum muss man deine Mutter tragen?«, erkundigte er sich. »Sie kann nicht mehr gehen und liegt im Bett. Sie hat kein Gefühl in den Beinen.« »Hm …«, gab Breitscheid von sich. Der Jüngste war er nicht mehr und hatte Bedenken bezüglich seiner physischen Fähigkeiten. »Wie weit ist es bis zur Brücke?« »Es ist schon ein Weg«, meinte das Wilde Fräulein ausweichend. »Aber wir gehen, wenn es dunkel wird, und können uns bei Nacht ausruhen, wann wir wollen!« Wolfgang überlegte kurz. »Okay. Ich helfe euch natürlich!« Cecilia wusste nicht, was »okay« hieß, aber »ich helfe euch« reichte schon vollkommen, um ihrem Gesicht einen optimistischen Ausdruck zu verleihen. Sie sah ihren Wohltäter verpflichtet an und sagte kaum hörbar: »Danke.« »Und was machen wir in der Zeit, bis es dunkel wird?«, stellte Wolfgang eine berechtigte Frage.
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»Wir müssen uns verstecken. Bei uns im Haus. Ich kenne die Schleichwege und führe dich unbehelligt dorthin. Es darf dich wirklich keiner sehen, sonst werden wir alle gesteinigt, noch bevor die Männer aus dem Kloster kommen, um uns zu fassen.« Angesichts dessen, wie sich Cecilia kleidete, leuchtete es dem Weinhändler ein: In seinem Aufzug konnte er sich im Dorf nicht blicken lassen, ohne einen Verdacht zu erregen, ein böswilliger Zauberer zu sein. Die Gefahr nahm er sehr ernst. Ohne Widerreden legte er sein Schicksal in die Hände des Mädchens, das er gestern noch für ein Hirngespinst gehalten hatte, und folgte dem Wilden Fräulein.
Richard betrachtete neugierig den Hufabdruck oben auf dem Berg und schrieb hin und wieder ein paar Bemerkungen in seinen Notizblock, als ihm mit einem Mal nach einer gemütlichen Pfeife wurde. Er war richtig müde nach dem Aufstieg über die Schurre. Die Zimmermanns hatten mit keinem Wort gelogen, als sie gesagt hatten, dass es eine sehr kräfteraubende Angelegenheit war. Der Schriftsteller hatte sich kaum noch auf den Beinen halten können, als er die Tortur endlich hinter sich gebracht hatte. Dabei hatte er schon fast an jeder Kehre angehalten und eine kurze Atempause eingelegt. Der Weg war wirklich steil. Knöpfle machte noch einige Fotos mit seiner Kompaktkamera, die er liebevoll als »meine Seifendose« bezeichnete, vom Abdruck und von der Gegend, um das Erlebte später in Erinnerung rufen zu können, wenn die Bilder in seinem Kopf nach einigen Wochen verblassten, schließlich musste er sich in seinen Geschichten an die Tatsachen und reale Gegebenheiten halten, wenn er fiktive Handlungen frei erfand, damit die Realien dem Leser den Eindruck von wirklichen Ereignissen vermittelten. So eine Faktizität, wie er gerade festgestellt hatte, war zum Beispiel der Umstand, dass der Hufabdruck, der nach seinem Empfinden nur sehr entfernt als ein solcher wahrgenommen werden konnte, mitnichten von einem Ross hätte stammen können, das von hier angeblich zum Hexentanzplatz gesprungen sei. Denn die Richtung, in der das Pferd galoppiert sein musste, um eine solche Spur zu hinterlassen, war von dem Tanzplatz eher abgewandt, soweit es der Schriftsteller beurteilen konnte. Es sei denn, man meinte mit dem Platz etwas anderes als den Berg mit schroffen Felsflanken auf der gegenüberliegenden Talseite, auf dem einige Gebäude standen, und wenn man seinen Blick noch ein wenig mehr nach links richtete, sah man, wie die Stahlseile, die über der Schlucht hingen, in ein anderes Gebäude am Rande des Abgrunds hineinführten – das musste die Bergstation der Schwebebahn zum Hexentanzplatz sein, von der der Märchenautor im Hotel etwas gelesen hatte und die gerade eine Gondel nach oben beförderte, welche jede Sekunde den Bahnhof erreichen musste. Dorthin führte der Hufabdruck aber nicht. Also musste Richard sich noch etwas mit dieser Brunhilde einfallen lassen. Er bereute in diesem Zusammenhang auch seine Vergesslichkeit, nämlich dass er die Kamera nicht schon früher aus der Tasche herausgeholt hatte, auf dem Aussichtsplatz vorhin, von dem man das Roßtrappenmassiv in voller Größe hätte fotografieren können, doch Richard hegte die Hoffnung, dass er dazu auf dem Rückweg noch eine Gelegenheit bekommen würde.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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