|
Des Teufels Steg: Seite 118
Knöpfle ließ sich auf einen Vorsprung nicht weit von der Roßtrappe nieder, der im Laufe der Jahrhunderte von Wind und Wasser beinahe glattpoliert worden war, und holte sein Pfeifenzeug heraus. Tja, überlegte er, als er die erste Rauchwolke ausgestoßen hatte, irgendwie musste er noch unbedingt auf die andere Seite der Schlucht, zu diesem Tanzplatz, um sich von dort ein volles Bild zu machen von allem, was für seine Story wichtig war. Er war neulich auf die Idee gekommen, die zwei Legenden – von der schönen Brunhilde und der Hexengroßmutter – auf irgendeine Weise zu verbinden und zwar so, dass die Charaktere beider Märchen in einer Geschichte vorkamen. Man hätte, dachte Richard über mögliche Szenarien nach, den Wüstling Bodo als einen edlen Ritter darstellen können, der das Mädchen Hulda vor dem bösen Hexenweib rettete, indem er die Übeltäterin mit seinem Schwerte niederstreckte und das Mädchen danach zur Frau nahm, worüber die Prinzessin Brunhilde, die Bodo abgewiesen hatte, todunglücklich wurde und aus Frust von der Roßtrappe in die Fluten der Bode sprang. Modern verpacken konnte man das, indem man Hulda zu einem Fräulein aus der Gegenwart machte, die auf eine mysteriöse Weise die Ereignisse, die vor Hunderten von Jahren stattgefunden hatten, zu durchleben imstande war. Oder, fiel dem »verrückten Schriftsteller« eine weitere Version der möglichen Sujet-Entwicklung ein, man konnte kurzerhand das ganze Gebiet diesseits des Tals zum Reich der schönen Brunhilde erklären, also des Guten, und alles, was auf der anderen Seite der Schlucht lag, zum Reich des Bösen, wo okkulte Rituale praktiziert wurden und Hexen in Scharen zum Sabbat flogen – man war hier letztendlich im Harz! Dann würde auch die Sprungsage vom Ross gegebenenfalls wieder zum Tragen kommen, denn die Ausrichtung des Hufabdrucks würde im Großen und Ganzen passen – Hauptsache, auf die andere Seite der Bode, um das Böse zu bekämpfen! Es hörte sich alles sehr spannend und vielversprechend an, aber um die einzelnen Bausteine seines Märchens zusammenfügen zu können, musste der gute Legendensammler erst einmal auf die andere Seite, zum Hexentanzplatz, damit er alles mit seinen eigenen Augen sehen konnte. Möglichst noch heute, jetzt gleich, solange die Eindrücke noch frisch waren. Aber wie? Es war die Frage. Zugegebenermaßen beschäftigte Knöpfle das Problem, wie er nach oben gelangen konnte, bei Weitem nicht so sehr wie das Thema, wie er von diesem Berg, wo er sich befand, wieder heil hinunterkam, denn er hatte vorhin schon die Gondeln der Seilbahn nach oben fahren sehen und ging davon aus, dass er in Thale in eine Kabine einsteigen konnte, die ihn zum Tanzplatz bringen würde, hingegen graute ihm allein bei der Vorstellung, dass er gleich den steilen Schurre-Pfad wieder zu Fuß hinunterwandern musste. Ein steiler Abstieg war manchmal um einiges komplizierter als ein Aufstieg, er kannte es schon aufgrund früherer Erfahrungen.
(?)
Richard spielte indes ohnehin schon ernsthaft mit dem Gedanken, unabhängig davon, ob er noch zu dem Hexentanzplatz wollte oder nicht, sich entgegen der Absprache zurück nach Treseburg zu begeben, und zwar nicht mehr durch das Bodetal wie geplant, sondern auf der Straße entlang der Schlucht, die Rüdiger als die andere Möglichkeit, die Roßtrappe zu erreichen, erwähnt hatte. Doch er hatte diesbezüglich große moralische Bedenken: Er konnte die Zimmermanns nicht einfach hängen lassen, und Breitscheid – der Mann geisterte auch noch irgendwo in der Gegend herum. »Mama«, hörte der Schriftsteller plötzlich eine Kinderstimme, »gehen wir dann über die Schurre zurück?« Es war vielleicht ein zehnjähriger Junge, der seine Mutter nach weiteren Plänen zum Verlauf ihres Ausfluges fragte, während die beiden auf dem felsigen Steig, der an dem Hufabdruck vorbei zum Aussichtspunkt an der Abbruchkante der Schlucht führte, spazieren gingen. »Ich weiß nicht«, antwortete ihm die Mutter. »Da musst du Papa fragen.« Der Vater folgte ihnen in einiger Entfernung in Begleitung der Tochter, die drei, vier Jahre älter als ihr Bruder aussah, also in dem Alter war, wenn die Fräuleins äußerlich keinen Wert mehr auf elterliche Fürsorge legten und schon gar kein Interesse mehr an ausgedehnten Spaziergängen mit den »Alten« durch eine hügelige Gegend zeigten, bei denen man sich zu allem Überfluss noch körperlich anstrengen musste. »Wann fahren wir denn endlich wieder nach unten?«, fragte das Mädchen genervt. »Jaqueline«, gab der Vater zurück, ebenfalls sichtlich am Ende mit seiner Geduld, »wir wollten doch von hier noch ins Tal hinunter und entlang des Flusses zurückwandern.« Das Mädchen rollte mit den Augen. »Kann ich denn nicht allein mit dem Sessellift zurückfahren?« Knöpfle wurde hellhörig, von einem Sessellift hatte er noch nichts gehört, aber danach, wie sicher das Fräulein davon sprach, musste es noch eine Möglichkeit geben, von diesem Berg ins Tal hinunterzukommen, ohne sich auf der Schurre die Beine zu brechen. Knöpfle klopfte seine Pfeife an den Steinen aus, legte das ganze Zubehör sorgfältig in das Beutelchen, stand auf und ging zu dem kleinen Platz vor dem Abgrund, wo die Familie inzwischen die Aussicht genoss. Das Mädchen stand mit gelangweiltem Gesichtsausdruck abseits. »Grüß Gott«, fing der Schriftsteller von Weitem an. »Ist es nicht eine herrliche Aussicht?« Die Ausflügler grüßten freundlich zurück. »Ja, es ist vielleicht der beste Aussichtsplatz hier in der Gegend!«, sagte der Mann. »Wir kommen jedes Jahr hierher«, pflichtete ihm seine Frau bei. »Und wandern dann die Schurre hinunter!«, leistete der Junge begeistert seinen Beitrag zum Gespräch. »Wir machen doch heute den steilen Abstieg, Papa?«
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



