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Des Teufels Steg: Seite 116
»Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall wollte ich diese Stadt heute besuchen und … ich bin … wie in ein schwarzes Loch hineingefallen, wo die Zeit stehen geblieben ist! Das passierte nicht weit von hier, auf der Teufelsbrücke. Danach bin ich lange in der Gegend geirrt, bis ich dich hier getroffen habe, und weiß nicht mehr, wo die Brücke ist. Kannst du mich zu ihr führen? Ich muss unbedingt zurück über die Brücke auf die andere Seite der Schlucht gehen, um aus der Zeitschleife herauszukommen und in meine Welt zurückzukehren.« Die junge Frau verstand nicht das Geringste von all dem, was ihr Breitscheid von schwarzen Löchern und Zeitschleifen erzählte. Zeitweise kam ihr der alte Mann sogar vor wie ein guter Märchenonkel, der hanebüchene Geschichten erzählen konnte, aber eine Sache ließ sie aufhorchen – die Brücke, die über die Schlucht in eine andere Welt führte. Bis zum heutigen Tag war Cecilia fest davon überzeugt gewesen, dass das Geheimnis von der rätselhaften Brücke, die sich bei Mondschein aus Nebelschwaden bildete, nur ihr selbst, ihrer Mutter und Großmutter Gerlinde bekannt war und keiner sonst etwas von dem Weg in die andere Welt wusste. Doch heute war sie einem seltsam anmutenden Mann begegnet, der behauptete, in die Welt auf der anderen Seite der Schlucht zu gehören und aus dieser Welt über die geheimnisvolle Brücke gekommen zu sein. Am helllichten Tage, wohlgemerkt! »Von welcher Brücke sprichst du, Wilder Wolfgang?«, fragte das Mädchen, um sich zu vergewissern, dass er denselben Flussüberweg meinte wie sie. »Es gibt bei uns keine Teufelsbrücke. Wir haben im Dorf einen Steg, aber er hat keinen Namen und ist weit weg von der Schlucht.« »Es war eine sehr merkwürdige Brücke«, entschloss sich Breitscheid nach einer kurzen Nachdenkpause, Cecilia die ganze Wahrheit zu offenbaren. »Sie hatte etwas wie ein Tor in der Mitte, und hinter dem Tor hörte sie plötzlich auf mitten über dem Abgrund. Ich sah nur Nebelschwaden unten, bis nach einiger Zeit die Brücke wieder aus dem Nebel auftauchte und ich zur anderen Seite der Schlucht laufen konnte. Von dem Augenblick an sah ich immer wieder verschwommene, milchige Bilder von deiner Welt, und sie waren noch merkwürdiger als die Brücke. Ich konnte anfangs nichts richtig anfassen, alles bestand aus … aus Nebel: die Bäume, die Sträucher, der Weg! Aber nach und nach bekam deine Welt Farbe und das Gefühl kehrte in meine Hände und Füße zurück, und jetzt stehe ich hier und deine Welt ist auch meine Wirklichkeit geworden, dafür gibt’s aber keine Spur mehr von meiner eigenen!«
(?)
Für Cecilia bestand kein Zweifel mehr. Der Mann sprach von derselben Brücke, die auch ihre Familie benutzte, um in die seltsame Welt auf der anderen Seite des Tals zu gelangen, denn alles, was er beschrieb, stimmte mit dem überein, was das Fräulein selbst jedes Mal erlebte, wenn sie über den geheimnisvollen Steg die Schlucht überquerte. In ihrem Kopf reifte gerade ein schlauer Plan heran, wie sie dem »Wilden Wolfgang« helfen konnte – zur Brücke konnte sie den Mann allemal führen –, um ihn gleichzeitig zwei Wilden Frauen in Not bei der Flucht helfen zu lassen. Ihre neue Bekanntschaft war schon älter, aber immer noch kräftig genug, wie das Mädchen Breitscheid einschätzte, um eine abgemagerte Frau auf dem Rücken zu tragen. Der Umstand, dass Wolfgang über die Brücke und die geheimnisvolle andere Welt umfassend, und, wie es aussah, lückenlos, informiert war, bot einen großen Vorteil gegenüber der Teilnahme von Noprichts Ehemann an der heiklen Rettungsaktion, nämlich den, dass sie keinen Außenstehenden in die familiären Geheimnisse einweihen musste. Wer wusste schon, was der Mann von Nopricht, ein Christ, soweit sie wusste, im Schilde führte? So viel Bauernschläue besaß Cecilia durchaus, um es sofort zu begreifen, ohne dass es ihr noch einer mit umwundenen Ausdrücken erklären musste. »Ja, ich weiß, wo die Brücke ist«, gestand das Wilde Fräulein. Breitscheids Gesicht verklärte sich. »Aber du musst mir auch bei einer Sache helfen«, fuhr Cecilia fort. »Bitte hilf mir meine Mutter über die Brücke tragen. In deine Welt, wo wir sicher sein können, dass wir nicht den Flammen übergeben werden.« Nun musste Breitscheid das Fräulein mit großen Augen anschauen. »Wie, Flammen?« »Und dich darf auch keiner im Dorf zu Gesicht bekommen. Sie werden dich in deinen Kleidern für einen Hexer halten und auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrennen!« »Wer, sie?« »Die Christen«, sagte Cecilia und schaute sich furchtergriffen um, ob ihr Gespräch nicht zufällig heimlich beobachtet wurde. Augenscheinlich war es nicht der Fall. Allmählich begann sich die Sache mit dem »Datum« für Breitscheid zu klären. Das Mädchen hatte ihm jedenfalls einen wichtigen Hinweis geliefert, in welchem Zeitalter er hier steckte. Es ging hier wohl um Hexenverfolgung, und das war seines Wissens Mittelalter. Verdammte …! Wolfgang hatte schon einen saftigen Fluch auf den Lippen, als ihm einfiel, dass er in Gegenwart einer Dame war und besser davon Abstand nehmen sollte. Dennoch, es war kaum zu glauben! Es entzog sich seiner Kenntnis, in welche historische Zeitspanne das Mittelalter genau fiel – möglicherweise hatte er an dem Tag in der Schule gefehlt oder im Geschichtsunterricht schlecht aufgepasst –, er wusste nur, dass es verdammt lang her war, und aus anderen Quellen war ihm wohlbekannt, welche Konsequenzen es nach sich zog, in der Zeit als Ketzer oder als Hexe zu gelten. »Bist du eine Hexe?«, fragte er Cecilia. »Oder warum sollst du mit deiner Mutter den Flammen übergeben werden?«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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