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Des Teufels Steg: Seite 115
Diese Cecilia war in der Tat eine sehr hübsche junge Frau, konstatierte Breitscheid, während er sie nunmehr mit Interesse gleichsam in ihrer natürlichen Größe musterte und nicht als Hexenfigur aus dem Imbisslokal in Clausthal. Der Handelsreisende verspürte plötzlich trotz seiner misslichen Situation ein unüberwindbares Verlangen nach weiblicher Gesellschaft, ja ein Hauch libidinöser Energie erfüllte unverhofft seinen Körper, als er mit einem verstohlenen Blick den Linien der Rundungen am Leibe des Fräuleins von der Brust bis zu den Knien folgte, die auch unter dem Kleid und trotz des störenden Umhangs noch gut zur Geltung kamen. Doch er fing sich gerade noch rechtzeitig, um nicht etwas Unüberlegtes zu tun. Vom Alter her hätte Cecilia auch seine Tochter Anna sein können und Wolfgang fand sein heimliches Begehren einfach nicht angebracht, ja widerlich, als er sich für einen Augenblick vorstellte, er hätte sein eigenes Kind lüstern begafft. Er unterdrückte seinen Gefühlsausbruch, zumal das Ganze ihn keinen Schritt weiterbrachte bei der Frage, wo er letztendlich gestrandet sei. »Was ist das hier für ein Ort, Cecilia?«, erkundigte er sich. »Dat Dorp to dem Dale«, antwortete das Mädchen und überlegte, dass der Mann wirklich weither gekommen sein musste, wenn er nicht einmal den Namen des Dorfes kannte, in dem er weilte. Viele Siedlungen gab es in der Gegend nach ihrem Wissensstand nicht, jeder hier kannte das Dorf. Dieses »Dale«, versuchte Breitscheid die altertümliche Bezeichnung des Dorfes zu deuten, konnte doch nichts anderes als »Thale« sein. Demnach war er hier schon richtig, es hieß, an dem Ort, wo er auch hingewollt hatte. Doch der Vertreter hatte zu Recht ernsthafte Zweifel, dass er in der Siedlung etwas finden würde, was wie ein Auto aussah, geschweige denn eine Autowerkstatt. Es war möglicherweise derselbe Ort, was die globale Position betraf, aber nicht die gleiche Stadt, in der er sich Hilfe für sein Problem erhofft hatte. Es stimmte etwas nicht mit der Zeit, schöpfte Wolfgang den ersten leisen Verdacht, das wäre die einzige plausible Erklärung gewesen, für das, was ihm geschah.
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»Welches Datum ist heute?«, fragte er Cecilia erregt durch seine schier unvorstellbaren Eingebungen und sah zur Antwort nur tiefe Ratlosigkeit in ihren Augen. Das Wilde Fräulein war nicht in ausreichendem Maße darüber informiert, um nicht zu sagen hatte gar keine Ahnung, was »Datum« bedeutete. Sie hatte nie eine Schule besucht und kannte sich mit klugen Wörtern nicht aus. Ihr karger Wortschatz beschränkte sich auf das Wesentliche, halt auf das, was zum Überleben erforderlich war, dafür kannte Cecilia aber eine ganze Menge von Heilkräutern, wie sie aussahen und wie sie hießen, und hätte sie jetzt dem Herrn einen Namen genannt, hätte er bestimmt auch nicht gewusst, was damit gemeint war. Dennoch, der »Wilde Wolfgang«, wie sie ihn vorhin getauft hatte, schien doch nach ihren Begriffen ziemlich gebildet zu sein, wenn er schon dergestalt wohlklingende Wörter sagen konnte. Genau solche wollte Cecilia auch unbedingt ihrem zukünftigen Sohn beibringen, damit er allen Vorurteilen zum Trotz ein ansehnlicher Wilder Mann im Dorf geworden wäre, aber dafür musste sie die Wörter zuerst selbst erlernen. »Was ist das, Datum?«, fragte sie unbedarft. »Na … ähm …« Wolfgang überlegte, wie er es dem Fräulein in einfachen Worten begreiflich machen konnte. »Welcher Tag, welcher Monat und welches Jahr heute ist.« »Heute ist Montag«, sagte Cecilia. »Ja, gut. Und welches Jahr?« Es folgte Schweigen. Es bewahrheitete sich das, was Wolfgang befürchtet hatte. Es stimmte etwas nicht mit dem Zeitgefüge, er fühlte sich um Jahrhunderte zurückgeworfen, denn: Wer kannte schon das Wort »Datum« nicht? Wer wusste nicht, welches Jahr man aktuell hatte? Und wie das Dorf aussah, und wie das Mädchen gekleidet war – alles deutete darauf hin. Der Bruch in der Zeit hatte seiner Meinung nach auf dieser seltsamen Teufelsbrücke angefangen, als er zum ersten Mal die Schwarzweißvisionen bekommen hatte. Alles, was mit ihm gerade passierte, konnte nicht mehr auf sein angeschlagenes Gehirn zurückgeführt werden. Es geschah alles wirklich, die Hirngespinste, die ursprünglich als Visionen in seinem Kopf umhergegeistert waren, hatten sich materialisiert und waren zur Realität geworden, und in dieser neuen alten Wirklichkeit saß er nunmehr fest, soweit Wolfgang es beurteilen konnte. Und nun? Wie konnte er zurück? Der Weinhändler suchte verzweifelt nach einer Antwort und ihm fiel nichts anderes ein, als dass er irgendwie den Weg zurück zu der Teufelsbrücke finden musste, um wieder durch den Bogen in ihrer Mitte durchzuwandern, denn dort vermutete Breitscheid die mysteriöse Pforte, die aus einer Zeit in die andere führte. Aber wie? Vielleicht konnte ihm ja diese Cecilia dabei behilflich sein, den Weg zurück zur Brücke zu finden, kam er schließlich auf eine Idee, die ihm gefiel. »Weißt du, Cecilia …«, fing Wolfgang an, seine Geschichte ganz von vorn zu erzählen, auch er hatte das Gefühl, dem Mädchen einiges im Vertrauen sagen zu können, ohne gleich schlimme Folgen für sich befürchten zu müssen. »Weißt du, eigentlich bin ich kein Wilder Mann. Ich bin normal, ich gehöre nur in eine andere Zeit.« Das Wilde Fräulein sah ihn seltsam an. »Wie soll ich es sagen?« Der Handelsreisende suchte nach passenden Ausdrücken und Begriffen, mit denen er dem Fräulein seine Situation für sie verständlich erklären konnte. »Ich komme sozusagen aus einer anderen Welt, dort gibt es auch dein Dorf zum Tale, aber es ist eine große Stadt. Sie heißt Thale. Ja, und in der anderen Welt gibt’s auch dich. Jemand hat dich dort gesehen. Und auch mir bist du schon im Traum erschienen.« Cecilias Pupillen weiteten sich. »Aber wie kann ich in einer Stadt sein, die ich gar nicht kenne?«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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