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Des Teufels Steg: Seite 114
Mit jedem Schritt wuchs in Cecilia die Einsicht, dass Mutters Einfall, sich über die Brücke in die andere Welt zu retten, gar nicht so abwegig war, um nicht zu sagen, aufgrund ihrer neuen Erkenntnisse zu der Lage im Dorf der einzig richtige zu sein schien. Was hätten ausgerechnet sie von diesem Weib im Kerker zu erwarten gehabt, fragte sie sich. Ihre, Ursels und Cecilias, Namen wären vermutlich die allerersten gewesen, die die Schneiderin, möglicherweise sogar mit gewisser Genugtuung, preisgegeben hätte. Aber wie, überlegte sie verzweifelt, wie um alles in der Welt, sollte sie Ursel bis zur Brücke schaffen? Darauf, dass Nopricht und ihr Mann gleich ihrer Mitwirkung bei der Flucht zustimmen würden, gab es keinen Verlass, es war eher davon auszugehen, dass das Mädchen in Kürze wieder eine höfliche Absage von ihnen hörte, wenn man Cecilia überhaupt noch ins Haus hineinließ. Schweren Herzens und geplagt von unschönen Gedanken setzte Cecilia ihren Weg mit dem Milchkrug in den Händen fort, den sie äußerst behutsam trug, um keinen Tropfen des kostbaren Inhalts zu verschütten. In sich gekehrt und ihren Blick auf den Pfad gerichtet, um nicht zufällig zu stolpern, merkte das Fräulein zunächst gar nicht, dass sie nicht mehr allein war. Erst als den seltsam gekleideten älteren Mann, der ihr entgegenkam, und sie nur noch eine geringe räumliche Distanz von wenigen Schritten voneinander trennte, hielt die junge Frau abrupt an, sodass ein guter Schluck Milch über den Rand schwappte, und schaute mit weit geöffneten Augen voller Entsetzen auf den Herrn, der ebenfalls wie angewachsen stehen blieb. Es war ein Fremder! Und nicht nur das! Er sah für Cecilias Begriffe sehr seltsam aus. Seine Beinlinge hatten den Anschein, als wären sie für jemanden bestimmt gewesen, der zweimal so groß sein musste wie der Unbekannte, in jedes Hosenbein hätte mit Leichtigkeit noch ein weiteres Bein hineingepasst, die Schuhe hatten etwas klotzartig Plumpes an sich und die Tunika, oder was auch immer es sein mochte, hatte einen von Cecilia noch nie gesehenen Schnitt und war aus einem wundersamen, bunten Stoff gearbeitet, dessen Farben das Mädchen einfach nicht zu bestimmen vermochte, da diese Töne in der Welt, die ihr vertraut war, gar nicht vorkamen. Es musste ein Wilder Mann sein, etwas Besseres fiel Cecilia nicht ein! »Bist du der Wilde Mann?«, fragte sie geradewegs. Der »Wilde Mann«, der sich bei näherer Betrachtung als ein völlig verwirrter Wolfgang Breitscheid entpuppte, starrte Cecilia nicht minder verblüfft an als das blonde Mädchen ihn. Sie sprach eine etwas merkwürdige Mundart, aber der Weinvertreter hatte jedes Wort verstanden von dem, was sie gesagt hatte, zumal es auch gar nicht so kompliziert war – die Frage hatte er in den letzten Tagen schon mehrmals in seinen Visionen gehört, und zwar genau von diesem blonden Fräulein mit blauen Augen, das vor ihm stand. Wolfgang wirkte ohnehin schon außerordentlich verstört durch den Wechsel der farbigen und schwarzweißen Bilder in seinem angeschlagenen Verstand und nun sah er noch zu allem Überfluss das blonde Mädchen, das Phantom aus seinen Halluzinationen, und was ihm außerdem kurios vorkam, er sah sie in Farbe, so wie auch alles ringsum. Er konnte nicht genau sagen, ob das Mädchen wirklich real war oder wieder ein Schwarzweißwechsel unmittelbar bevorstand und die junge Frau im nächsten Augenblick verschwinden würde.
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Ihn quälte die Frage: Wo war er hier überhaupt? Es war nicht seine Welt, zumindest war es nicht die Stadt Thale, die er erreicht zu haben geglaubt hatte. Schließlich hatte er doch bei der letzten farbigen Phase schon die Häuser im Ort gesehen, die nicht im Entferntesten etwas mit den Blockhütten und schiefen Fachwerkbauten zu tun hatten, welche er zu seiner Rechten bestaunen konnte, seitdem er diesen Pfad beschritten hatte. Aber anfangs, er erinnerte sich noch lebhaft, waren sie doch alle grau gewesen, und erst später hatte er gemerkt, dass die unwirkliche Umgebung sukzessive Farbe annahm und bunt blieb, bis sie ihm am Ende absolut real vorkam. Seitdem hatte er auch keine Schwarzweißerscheinungen mehr erlebt. Darüber hinaus spürte er unter seinen Füßen auch jede Unebenheit des Weges, wie er sie mit seinen Augen wahrnahm, und die Sträucher und Gräser, die den Weg säumten, waren nicht mehr substanzlos, Wolfgang konnte sie anfassen und jeden Grashalm und jedes Blatt, das er im Vorbeigehen abpflückte, deutlich in seiner Hand fühlen. Demnach hätte auch das blauäugige Mädchen real sein müssen. Breitscheid testete die Richtigkeit seiner Schlussfolgerungen ohne Verzögerung. »Ich bin Wolfgang«, antwortete er der geheimnisvollen Passantin mit dem Hintergedanken, dass die junge Frau nichts erwidert hätte, wenn sie nur ein Trugbild gewesen wäre. Doch Cecilia reagierte auf seine Bemerkung entgegen seinen Erwartungen: »Der Wilde Wolfgang?«, wollte sie es genauer wissen. Ihr kam die Sprechweise von dem »Wilden Mann« ebenfalls befremdlich vor, aber nicht etwa, weil das Mädchen nichts dergleichen erwartet hatte. Die Sprache klang anders als diejenige, die sie aus Gerlindes Munde gehört hatte, und ihrer Ahne nicht zu vertrauen, hatte sie keinen Grund. Es konnte nicht die Mundart der Wilden Männer sein. Der merkwürdig gekleidete Mann, der sich Wolfgang nannte, sprach eher so wie die derben Rüpel, die sie vergangene Nacht vor dem Stollenmundloch hatte reden hören. Cecilia wurde stutzig. »Ich werde dir nichts Schlimmes antun!«, versicherte Wolfgang, als er die Unsicherheit in den Augen der jungen Blondine bemerkte. »Wer bist du?« »Cecilia«, antwortete das Fräulein schüchtern. Irgendwas sagte ihr, dass sie diesem Wolfgang vertrauen konnte, wenngleich er auch nicht direkt derjenige war, für den sie ihn ursprünglich gehalten hatte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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