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Des Teufels Steg: Seite 112

»Ja, ich würde gerne«, stammelte Cecilia schüchtern. Sie fuhr peinlich berührt mit der Hand durch ihr blondes Haar, denn auf einmal überkam sie der Wunsch, etwas attraktiver aussehen zu wollen.

»Gedankt sei Gott, unserem Herrn im Himmel!«, rief Hannes hingebungsvoll und sah nach oben. »Das finde ich gut! Komm gleich morgen, Cecilia. Heute wird es dafür keine Zeit geben. Etwas äußerst Bedeutsames hat sich im Dorfe ereignet.«

Nun fiel es auch der jungen Frau wieder ein, aus welchem Grund sie eigentlich unterwegs war. Es war allem Anschein nach dasselbe bedeutsame Ereignis, das auch Hannes meinte.

»Ich werde kommen«, gab Cecilia ihre feste Zusage, wenngleich sie gar nicht sicher war, ob sie ihr Wort noch halten konnte, wenn die Flucht heute Nacht gelingen würde.

»Ich werde dich erwarten«, bestätigte auch Hannes seinerseits das beabsichtigte Treffen. »Komme lieber am Nachmittag, da können wir all deine Sorgen mit dir besprechen.«

Der Tischler erinnerte sich daran, dass er in der kommenden Nacht voraussichtlich abermals auf Hexenjagd gehen musste und morgen vermutlich erst spät aufwachen würde.

»Gut«, sagte das Mädchen zustimmend.

»Aber sag mir doch mal was anderes, Cecilia«, fuhr Hannes fort. »Warst du schon irgendwann bei Schneiderin Irmel? Hast du mal an ihrem Nähkränzchen teilgenommen? Ich suche Leute aus dem Dorf, die bestätigen können, dass die Schneiderin eine Christin ist, an der man sich ein Beispiel nehmen kann, wie man an Gott glaubt! Sie wurde angeblich beim Kräuterpflücken ertappt und wird der Ketzerei beschuldigt.«

Das Wilde Fräulein sah Hannes verwundert an. Sie fragte sich in Gedanken: »Weiß Hannes denn nicht, was zwischen ihren Familien vor vielen Jahren vorgefallen ist, dass er sie bittet, für dieses schreckliche Weib einzutreten?« Offenbar war es nicht der Fall, beantwortete sie sich selbst die Frage, doch im Augenblick verspürte Cecilia nicht den allerkleinsten Wunsch, den Tischlergesellen in dieser Hinsicht aufzuklären. Viel lieber wäre sie als Zeugin im Sinne der Anklage aufgetreten, damit dieses Frauenzimmer endlich den Flammen übergeben wurde, aber sie befürchtete nicht ohne Grund eine äußerst negative Reaktion seitens des Mannes, dem sie eigentlich gefallen wollte.

»Nein von dieser Irmel weiß ich nichts, ich kann nichts von ihr sagen«, log sie Hannes an.

»Schade«, meinte dieser und machte Anstalten, seine Suche nach Zeugen fortsetzen zu wollen. »Dann bis morgen, Cecilia!«

»Bis morgen, Hannes«, verabschiedete sich auch die junge Frau.

Hannes drehte sich noch einmal im Gehen um und schaute Cecilia nach, in dem Glauben, dass das Mädchen ebenfalls in seine Richtung sah und er ihr noch zum Abschied hätte zuwinken können, aber die junge Frau tat nichts dergleichen, Hannes wurde nur des Umhanges des Mädchens ansichtig, dessen Leinenstoff über ihren Rücken von den Schultern bis zum Boden in Falten hinabfloss. »Es wäre doch eine gute Sache«, freute er sich gleichwohl im Stillen über seine Geschicklichkeit als Verkünder des Wortes Christi, »wenn er ein Wildes Fräulein bekehren könnte!« Von nun an, nährte er die Hoffnung, war es nur eine Frage von wenigen Tagen, bis sich das Mädchen sicher im Schoße der Heiligen Kirche wusste.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Der Tischlergeselle schritt weiter durch das leere Dorf und grübelte angestrengt darüber nach, bei wem er anklopfen konnte, um denjenigen als glaubwürdigen Zeugen Vater Nicklas präsentieren zu können. Die Lage war ernst, letztendlich hing ein Leben davon ab, wie erfolgreich er bei seiner Suche sein würde. Aber die Gedanken weigerten sich auf eine geheimnisvolle Art, seinem Willen zu folgen, und wurden immer aufs Neue von ein und derselben Vision unterbrochen, von dem letzten Bild von Cecilia, wie er sie auf der Dorfstraße von hinten hatte weggehen sehen. Er wurde den Eindruck nicht los, dass er diesen Umhang schon irgendwo, und zwar gar nicht so lange her, gesehen hatte, denn die Erinnerung daran war noch ganz frisch.

Er hielt abermals an und blickte zurück, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Doch das Fräulein war verschwunden, nur die menschenleere Straße nach Wendhusen lag vor ihm, und ehe Hannes die Gelegenheit bekam, sich darüber Gedanken zu machen, wo Cecilia in so kurzer Zeit abgeblieben sein konnte, schnellte eine Erinnerung wie ein Pfeil von der Sehne durch seinen Kopf: Diese Gestalt, diesen Rücken unter dem Leinenumhang, hatte er vergangene Nacht auf dem Pfad durch die Schlucht im Scheine des Mondes zu Gesicht bekommen! Er gehörte der Hexe, die sie mit Ruprecht gestern bis zum Kessel verfolgt hatten! Hannes war sich allerdings noch nicht absolut sicher, zu schwach war das Licht gewesen, das der Mond gespendet hatte, um alle Einzelheiten an der Hexe erkennen zu können, und zu ungeheuerlich war die Vorstellung, dass dieses nette, blondhaarige Fräulein eine böse Fee hätte sein können, zumal der Kopf der Hexe bedeckt gewesen war und Hannes nicht mit Gewissheit behaupten konnte, dass Cecilia und die schlaue Zauberin von gestern ein und dieselbe Person waren. Schweren Herzens zog er weiter. Er wollte, das nahm er sich fest vor, das Mädchen morgen diesbezüglich befragen, heute standen andere wichtige Dinge auf der Tagesordnung, und er musste sich sputen, um bis um fünf Uhr seine Zeugen zusammenzuhaben.

Indessen machte Metze, nachdem sie ein Klopfen gehört und von innen nach dem Namen der Besucherin gefragt hatte, Cecilia die Tür auf und sagte ängstlich: »Komm bloß schnell rein!«, während sie misstrauische Blicke zur Dorfstraße warf, ob dem Mädchen jemand gefolgt war. Die Frau verriegelte wieder die Eingangstür hinter Cecilia.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.969
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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