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Des Teufels Steg: Seite 113

»Meine Mutter schickt mich zu dir, Tante Metze«, verriet Ursels Tochter den Grund für ihren unverhofften Besuch. »Ich soll dich von ihr fragen, ob …«

»Geht es euch gut?«, fiel Metze ihr ins Wort. Ihre Stimme klang besorgt. »Bei all dem, was gerade im Dorf vor sich geht, mein Kind, kann man sich nicht mehr sicher sein. Wie hast du es überhaupt bis hierhin geschafft?«

Das Mädchen schaute sie verwundert an. »Na ja, ich bin die Straße langgegangen«, gab sie naiv zur Antwort.

»Das war sehr leichtsinnig von dir, Cecilia«, belehrte Metze das Fräulein, das nach wie vor in großer Unwissenheit schwebte, was die seltsamen Fragen von Tante Metze anging. »Mein Ehemann war heute in der Früh schon bei seiner christlichen Familie, sogar er wird von der Sippe verdächtigt, etwas mit der Hexerei zu tun zu haben, weil er mich, eine Wilde Frau, zum Weibe hat. Er kam zurück und sagte, ich soll alle Türen verriegeln und die Kinder in der Scheune verstecken, dann ging er wieder, um auf dem Laufenden zu bleiben, und ich … ich sitze nun allein im Haus, zucke bei jedem Geräusch zusammen und fürchte mich davor, dass plötzlich eine aufgebrachte Menge vor der Tür steht. Du sollst auf keinen Fall auf der Straße herumlaufen, sonst wirst du noch von den Christen gesteinigt oder von den bewaffneten Männern aus dem Kloster festgenommen. Die alte Irmel, so wie ich sie kenne, wird uns noch alle der Hexerei beschuldigen.«

»Das ist ja das, weswegen ich hier bin«, kam Cecilia wieder zu Wort. »Mutter lässt dich fragen, ob dein Mann uns helfen kann. Ob er sie heute Abend, wenn es dunkel wird, auf seinem Rücken in die Schlucht tragen kann? Wir wollen uns dort verstecken, bis die Gefahr vorüber ist.«

Es dauerte eine längere Zeit, bis Metze wieder etwas sagte. »Ja … ich … ich würde ja gerne meinen Mann fragen«, druckste sie, »aber er ist nicht da, wie du siehst.«

»Ich kann ja später noch einmal kommen, Tante Metze«, schlug Cecilia vor, »dann wirst du ihn schon gefragt haben. Bis zum Abend gibt es ja noch ein bisschen Zeit.«

»Es ist aber nicht gut, wenn du durch das Dorf hin- und herläufst«, erteilte ihr die Frau mehr oder weniger eine verhüllte Absage für einen wiederholten Besuch und, das Fräulein begriff es endlich, auch die Bereitschaft, sich in irgendeiner Weise an der Fluchtaktion aktiv zu beteiligen.

»Wie du meinst, Tante Metze.« Cecilia konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. »Dann muss ich wohl weiter zu Tante Nopricht, um sie zu fragen.«

Man sah es Metze an, dass ihr bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel. Zu groß war ihre Angst vor der Ungewissheit, was alles heute oder morgen noch vorfallen konnte, wenn Schneiderin Irmel die Wilden Frauen aus dem Dorf denunziert hätte, die nicht nach ihren, Irmels, Vorstellungen von Gut und Böse lebten und noch Sitten und Gebräuche ihres Volkes befolgten, die die Schneiderin längst vergessen hatte. Oder vielleicht doch nicht? Denn genau deswegen saß sie im Kerker, überlegte Metze. Dafür, dass das alte schrumpelige Weibsbild im Mondschein beim Kräuterpflücken nackt auf dem Hexenberg getanzt haben sollte, fehlte ihr zwar die Vorstellungskraft, zu grotesk waren die Bilder, die sie sich dabei im Kopf ausmalte, aber man redete darüber überall im Dorf, also musste an den Gerüchten etwas Wahres dran sein. Höchste Vorsicht war geboten, denn die Wilde Frau machte sich ernsthafte Sorgen um das Schicksal ihrer Töchter, die etwas jünger als das Mädchen von Ursel waren und gegenwärtig mäuschenstill in der Scheune saßen, – bei Weitem viel größere Sorgen als die Befürchtungen um ihr eigenes Leben. Sie wollte keinesfalls in Dinge hineingezogen werden, die später ihr zur Last gelegt und dadurch auch für ihre Kinder gefährlich werden konnten, über christliche Praktiken beim Vorgehen gegen Hexennester war Metze im Bilde.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Ja, es ist vielleicht besser so, Cecilia«, erwiderte sie leicht beschämt für den recht kühlen Empfang. »Der Mann von Nopricht ist viel kräftiger, er wird Ursel ohne große Anstrengung in den Wald bringen können. Aber geh bitte zu ihr nicht mehr über die offene Straße! Nimm den Pfad hinter den Häusern, um dem Ärger aus dem Weg zu gehen!«

»Dann mach ich mich mal auf den Weg, Tante Metze«, sagte Cecilia und wollte schon zur Tür gehen, als ihr noch etwas einfiel beim Hinsehen auf den leeren Tonkrug in ihrer Hand. »Ich wollte eigentlich auf dem Rückweg noch Milch besorgen, aber wenn ich hinten rum gehe, komme ich nicht zu Kunlein auf den Hof.«

»Vergiss es ganz schnell, mein Kind!«, rief Metze entsetzt. »Geh jetzt zu keinem von den Christen! Herman hat heute Morgen Milch mitgebracht, wir haben genug. Komm, gib mal deinen Krug.«

Die Frau nahm das Gefäß von Cecilia, ging zum Tisch, auf dem einige etwas größere Krüge standen, und füllte es bis zum Rand mit Milch aus einem ihrer Behältnisse.

»Ich will kein Geld von dir dafür«, sagte sie, reichte dem Fräulein die Milch und freute sich, dass sie Cecilia wenigstens diesen kleinen Gefallen tun konnte.

Trotz des bitterlichen Nachgeschmacks, den Metzes höfliche Absage bei Cecilia hinterlassen hatte, beherzigte sie ihre Ratschläge und ging, nachdem sie sich von der Frau verabschiedet hatte, nicht mehr zur Hauptstraße, sondern zum Hinterhof des Hauses, um von dort durch ein Türchen im Flechtzaun unbehelligt auf den rückseits der Schuppen und Gemüsegärten verlaufenden Weg zu kommen, den ihr Metze empfohlen hatte.

Der Schleichweg war dem Mädchen durchaus bekannt, sie war ihn schon hundertmal in ihrem Leben entlanggelaufen, und der einzige Grund, warum sie ihn nicht schon vorhin genommen hatte, war der, dass dem Wilden Fräulein der Ernst der Situation im Dorf, die Angespanntheit, die nach Irmels Verhaftung unter den Leuten herrschte, nicht in vollem Maße bewusst gewesen war. Die allgemeine Nervosität glich beinahe schon einer Massenhysterie, verursacht durch die pure Angst vor seiner eigenen Festnahme. Allem Anschein nach vertraute man keinem mehr außer den engsten Familienangehörigen und nächsten Verwandten. Aber auch da, Cecilia erinnerte sich an Metzes Bericht bezüglich ihres Ehemanns, gingen die Dorfbewohner, wie es schien, sehr selektiv vor. Alle befürchteten eine Kettenreaktion von gegenseitigen Denunzierungen, sobald der Stein ins Rollen gebracht worden wäre, mit anderen Worten, gleich nachdem Schneiderin Irmel die ersten Namen von Frauen verraten hätte, die auf irgendeine Weise etwas mit den Heilkräutern zu tun hatten. Davon gab es viele, sowohl unter Christen als auch unter Wilden, und Irmel kannte die meisten von ihnen. Von jenem Augenblick an würde es vermutlich nur darum gehen, wer schneller war – deine Nachbarn, die dich wegen Hexerei anzeigten und sich dadurch Nachsicht der Inquisition erkauften, oder du?

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.969
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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