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Des Teufels Steg: Seite 110
Cecilia begleitete die Besucherin zur Tür, ließ sie hinaus und schob abermals den Riegel vor, nachdem Agnes unauffällig ins Freie geschlüpft war und Cecilia hinter ihr die Tür zugezogen hatte, um alle unvorhersehbaren Eventualitäten von vornherein auszuschließen. Ob die Wirkung des Pilzzaubers nachgelassen hatte oder schlechte Nachrichten, die Agnes überbracht hatte, ihr Gemüt trübten, vermochte Cecilia nicht zu sagen, aber von der guten Laune, die vorhin ihre Brust erfüllt hatte, gab es keine Spur, vielmehr bedrückte das Mädchen latente Angst um ihre Angehörigen: Im Stollen saß ihre Großmutter und wartete auf Rettung vor den dreisten Dummköpfen, die schon bald wiederkommen würden, und zu Hause lag ihre kranke Mutter ans Bett gefesselt und war der Gefahr ausgesetzt, dass geharnischte Männer von einer Minute auf die andere vor der Tür auftauchen konnten, um sie als Kräuterhexe festzunehmen – und sie, Cecilia, selbstverständlich auch. Das Ganze war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, die Gefahr war real, das hatte sie gestern Nacht schon am eigenen Leibe erfahren und einen der Verfolger, die sie bedrängt hatten, kannte sie dank Agnes jetzt auch schon namentlich. In der Verfolgungsszene, die das trotz ihrer Zugehörigkeit zu der Christengemeinde anständige und ehrliche Dorfweib beschrieben hatte – letztendlich war sie diejenige, die zwei Wilde Frauen vor der Gefahr gewarnt hatte, die von ihren Leuten ausging –, erkannte sich das Fräulein eindeutig wieder in der Gestalt der Frau, die über die Schlucht wanderte. Vor ihm, diesem Ruprecht, mussten sie sich mit ihrer Mutter ganz besonders in Acht nehmen. Was, wenn er, und grundsätzlich war es durchaus denkbar, sie irgendwo auf der Straße unverhofft wiedererkennen würde? »Cecilia«, rief Ursel nach ihrer Tochter und sprach zu ihr, als diese zurück zu ihrem Bett gekommen war: »Agnes hat recht. Wir müssen verschwinden und uns verstecken. Irmel wird uns anzeigen, ich weiß es. Ich weiß schon von früher, von dem Tag an, als Großmutter gehen musste, um der wütenden Menge zu entkommen, wie sehr sie mich und meine Mutter hasst.« »Aber wo sollen wir uns verstecken, Mutter?«, entgegnete das Fräulein. »Und wie kommst du zu diesem Versteck?« »Wir gehen über die Brücke, da sind wir sicher«, verriet Ursel Cecilia ihre Pläne. »Aber …« »Du musst einen kräftigen Mann finden, der mich huckepack tragen kann. Gehe gleich ins Dorf und besuche unsere Frauen. Sprich mit ihnen, vor allem mit ihnen und nicht mit ihren christlichen Ehemännern. Beschreib unsere Lage, sie werden alles verstehen. Vielleicht kann eine davon ihren Mann dazu überreden, uns heimlich in die Schlucht zur Brücke zu bringen, wenn es dunkel wird. Geh zuerst zu Metze und dann zu Nopricht, mit ihnen habe ich mich immer gut verstanden.« »Meinst du, dass …«
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»Es gibt keine andere Möglichkeit, wie ich zur Brücke komme. Du kannst mich nicht tragen und ich selbst kann nicht gehen trotz des Zaubertranks, der jetzt auch schon seine Wirkung verloren hat. Ich spüre meine Beine nicht mehr.« »Gut, Mutter«, sagte das Mädchen schließlich einsichtig. »Ich werde gleich ins Dorf gehen. Aber zuerst muss ich dich auf die Seite umdrehen, damit deine Beine nicht einschlafen.« Cecilia zog die Decke weg und veränderte die Lage des gelähmten Körpers ihrer Mutter so, dass sich der Schwerpunkt halb auf die rechte Seite verlagerte. Alsdann lockerte sie noch etwas das Kissen auf, damit ihre Mutter es angenehmer zu liegen hatte. »Danke«, sagte Ursel aufrichtig gerührt. »Du bist eine gute Tochter. Vielleicht eine bessere Tochter, als ich eine Mutter für dich bin. Bleib aber unauffällig, während du von Haus zu Haus gehst!« »Hast du Hunger?«, fragte Cecilia, als sie sich daran erinnerte, dass es schon am frühen Nachmittag war. »Wir haben noch Brot und Käse, Milch müsste ich noch besorgen, auch für Großmutter. Ich mache schnell etwas für dich!« »Nein, Cecilia«, lehnte Ursel ab. »Großmutters Pilze wirken wahrlich Wunder. Hunger habe ich nicht, aber von dem Zaubertrank würde ich noch etwas trinken, er gibt mir das Gefühl, als wäre ich wieder gesund und voller Lebenskraft.« »Den Rest habe ich heute Morgen schon getrunken«, gestand ihre Tochter, »aber es sind noch welche Pilze da, ich könnte gleich …« »Nein, das kannst du nachher machen! Jetzt geh schon.« Cecilia nickte zustimmend mit dem Kopf, nahm einen Tonkrug mit – sie wollte schließlich noch Milch unterwegs besorgen – und machte sich still und leise auf den Weg in geheimer Mission, nachdem sie die Eingangstür von außen abgeschlossen und noch ein paarmal kräftig daran gerüttelt hatte, um sich zu vergewissern, dass das Haus vor Eindringlingen sicher war, während sie mit der einen oder anderen Frau der wilden Sippe ihre Bereitschaft zur unmittelbaren Mitwirkung oder zumindest einer tatkräftigen Unterstützung bei der beabsichtigten Flucht aus der Siedlung in Erfahrung brachte. Im Dorf zum Tale ging die Angst um. Das merkte die junge Frau, sobald sie die Ortstraße betreten hatte. Hier und da versammelten sich die Dorfbewohner zu kleineren und größeren Gruppen und diskutierten alle leise und mit verängstigten Gesichtern offenkundig nur das eine Thema: Schneiderin Irmel. Die Worte, die Cecilia im Vorbeigehen aufschnappte, ließen keine Zweifel übrig. Sie vernahm aus jeder Runde, die in aller Regel aus Menschen bestand, welche in einem engen Verwandtschaftsverhältnis standen, nur Ausdrücke wie »wildes Weib«, »nackt auf allen vieren«, »sitzt im Kerker«, »widerliche Hexe« oder »verkehrte mit dem Teufel« und »Jungfrauen verführte«.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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