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Des Teufels Steg: Seite 111
Die Gerüchteküche brodelte! Wie es den Anschein hatte, erreichten die Klatschgeschichten, die sich auf die Gerichtsverhandlung im Kloster bezogen, die Siedlung schneller als Hannes, der als Einziger aus dem Dorf daran teilgenommen hatte, – sie eilten ihm voraus. Die Leute, es waren ausschließlich Christen, ihresgleichen konnte die junge Frau keine entdecken, verstummten auf der Stelle, wenn sie merkten, dass sich Cecilia näherte, und begleiteten das Mädchen schweigsam mit feindseligen Blicken, bis sie sich so weit auf der Straße entfernt hatte, dass sie das Tuscheln innerhalb der Menschengruppe nicht mehr hören konnte, ehe alle wieder miteinander wichtige Informationen austauschten. Die junge Frau fühlte sich im Dorf, in dem sie zur Welt gekommen war, wie eine Fremde, obwohl sie die meisten Frauen kannte, sie hatten in der Vergangenheit oft genug bei ihnen vor der Tür gestanden und nach Heilmittelchen gefragt, für die sie sich später nach erfolgreicher Anwendung hundertmal bedankt hatten, doch jetzt erntete Cecilia nur ihre misstrauischen Blicke. Kurzum, das Fräulein hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer armseligen Sardine, die versehentlich in einen Tunfischschwarm hineingeschwommen war. Es war bitter, aber andererseits auch nichts, was so selten vorkam, dass es noch nie jemand zuvor hätte beobachten können. Denn seit Anbeginn der Zeit kannten die Menschen im Falle einer drohenden Gefahr kein anderes Mittel als jenes, dass sich eine Sippe wie eine Herde um ihren Anführer zusammenschließen musste, um das Unheil mit kollektiver Kraft gemeinsam abzuwehren. Es war zwar eine primitive, nichtsdestotrotz aber eine sehr nützliche und vor allem wirksame Schutzfunktion, mit der die Natur die Menschen ausgestattet hatte. Sie konnten einfach nicht anders handeln und es lag nicht speziell an Cecilias Eigenschaft eines Wilden Fräuleins, dass die Dörfler sie schief ansahen, auch bei jedem anderen, der nicht ihrer Sippe angehörte, hätten sie vermutlich dasselbe getan. Unerfreulicherweise wohnte Metze, die Wilde Frau, die Cecilias Mutter ihr als Erste aufzusuchen geraten hatte, mit ihrer Familie ganz am Ende des Dorfes und Cecilia kam nicht umhin, diesen Spießrutenlauf durch die Siedlung unter den peitschenden Blicken bis zum Schluss durchstehen zu müssen. Von der Geheimhaltung ihres Ausfluges konnte keine Rede mehr sein. Jeder im Dorf wusste, dass Ursels Tochter sich auf den Weg nach Wendhusen gemacht hatte, es war zumindest die Richtung, in die das Mädchen auf der Dorfstraße schritt, was neue Gerüchte ins Leben rief, die so schnell wie ein Schneeball anschwollen, und wilde Spekulationen auslöste, welche sich inhaltlich minütlich zu ihrem Gegensatz änderten. Dass alle derartigen Mutmaßungen einfach falsch waren und Cecilias Endziel gar nicht in Wendhusen lag, konnten allerdings nicht mehr viele von den Leuten, die vorhin auf der Straße diskutiert hatten, mit eigenen Augen erleben, denn als das Mädchen schon beinahe das letzte Haus vor der Dorfgrenze, die Hütte von Metze, erreicht hatte, merkte es, dass sich die Sippenrunden aufzulösen begannen. Die Menschen gingen langsam auseinander und verhielten sich so, als ob sie versuchten, den Eindruck zu erwecken, dass sie nur müßig auf der Straße spazieren gingen, während sie in Wirklichkeit bestrebt waren, sich so schnell wie möglich in ihren Häusern zu verstecken. Der Grund dafür, wie Cecilia annahm, lag wohl in dem jungen Mann, der ihr aus Wendhusen entgegenkam und ebenfalls fast schon die Dorfgrenze passiert hatte. Es war Tischlergeselle Hannes, Cecilia erkannte ihn schon von Weitem und ihr Herz fing an höherzuschlagen.
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»Sei gegrüßt im Namen des Herrn«, sagte der junge Mann freundlich und blieb vor dem Mädchen stehen, als die beiden nahe genug aneinander gekommen waren, um sich mit ruhiger Stimme unterhalten zu können. Hannes wusste, wer die junge Frau war, – eine der Kräuterpflückerinnen. Er wusste auch, dass ihre Mutter krank im Bett lag, denn der Tischler sah als angehender Missionar seine Aufgabe darin, möglichst viel über die Leute im Dorf zu wissen, um sie durch vertrauliche Gespräche näher zu Gott bringen zu können, und fragte: »Wie geht es deiner Mutter?« »Gut«, antwortete Cecilia kaum hörbar. »Warte mal, du bist doch …« Hannes erinnerte sich nicht mehr an den Vornamen. »Cecilia«, half ihm das Mädchen auf die Sprünge und ihre Wangen liefen vor Aufregung rot an. »Richtig! Cecilia. Ich sehe dich sehr selten auf der Straße, Cecilia, und sonntags gehst du auch nicht in die Kirche, ich habe dich dort noch kein einziges Mal gesehen. Doch ich kenne viele Frauen eurer Sippe, die es tun. Wieso du nicht? Hast du schon etwas von Jesus Christus gehört?« »Ja«, sagte das Fräulein verlegen. Cecilia war einfach nicht imstande, ihre innere seelische Verfassung hinderte sie daran, mehr als nur einsilbige Antworten zu geben, dermaßen aufgewühlt fühlte sich das Mädchen beim Anblick ihrer heimlichen Liebe. »Möchtest du noch mehr von unserem Heiland erfahren?«, bohrte Hannes weiter. »Ich könnte dir wahrlich viel von ihm erzählen. Klopf doch einfach an meiner Tür, Cecilia. Deine sehnlichsten Wünsche nach innerer Ruhe und Harmonie in deiner Seele werden erhört, wenn du einen Schritt auf Jesus zugehst, und ich kann dir dabei helfen!« Cecilia stockte der Atem. Völlig unerwartet bot sich ihr eine Gelegenheit das zu vollziehen, wovon sie erst vergangene Nacht geträumt hatte, während sie von Treseburg durch die Schlucht nach Hause gelaufen war und Pläne für die Zukunft geschmiedet hatte. So wie es sich darstellte, musste sie neuerdings nicht einmal nach einem Anlass suchen, um in die Nähe von Hannes zu kommen und seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er war von alleine auf sie aufmerksam geworden, mehr als das: Ihr ein trostspendendes Gespräch unter vier Augen vorgeschlagen. Etwas Besseres hätte sie sich kaum wünschen können und das Angebot auszuschlagen, kam ihr erst gar nicht in den Sinn.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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