|
Des Teufels Steg: Seite 103
Die Zimmermanns lachten zur Antwort. »Tut mir leid«, entschuldigte sich Rüdiger, um zurück auf das Thema zu kommen, »aber es ist schon lange her, dass wir in Thale waren, keine Ahnung, wo Sie jetzt dort eine Werkstatt finden. Alles verändert sich nach der Wende so rasant, dass man gar nicht mehr mitkommt. Sie können ja gleich an der Seilbahn jemanden von den Einheimischen fragen. Oder nein, ich glaube, sie wird saniert, habe ich irgendwo gelesen. Dann gehen Sie halt ein Stückchen in die Stadt rein, es sind nette Leute hier, sie werden Ihnen gerne weiterhelfen.« »Okay«, sagte Wolfgang einsichtig, »dann werde ich es wohl tun müssen. Gut, dann würde ich sagen: Bis in einer Stunde oder so, dann ist auch unser Richard wieder von seinem Ausflug zurück, vermute ich.« »Viel Glück bei der Suche«, wünschte ihm Ingrid gutes Gelingen zum Abschied. Wolfgang stand auf und ein plötzlicher Schwindelanfall suchte ihn erneut heim. Er ergriff mit der Hand die Stuhllehne und stützte sich ab, um nicht umzufallen. Ein paarmal musste er heftig blinzeln, denn er sah wieder die lästigen Schwarzweißbilder und wollte sie loswerden. Sie waren jedoch hartnäckig, verschwanden nicht und weckten in Wolfgang ein ganz anderes Gefühl als auf der Teufelsbrücke. Es war nicht mehr ein durch den Torbogen begrenzter Bereich, der sich veränderte, Wolfgang war in der schwarzweißen Welt mittendrin, und außerdem: Es war seinem Empfinden nach eine ganz andere Welt, die sich ihm in Braungrau präsentierte. Die Bäume, die die Ufer der Bode säumten, standen ganz woanders, die Jungfernbrücke und die Gaststätte fehlten gänzlich, sogar der Tisch, an dem er ohne jeden Zweifel immer noch stand – Wolfgang spürte ganz deutlich den Stuhl, an dem er sich festhielt, in seiner Hand – war nicht sichtbar, von den Zimmermanns fehlte jede Spur! Ringsum war nur dichter Wald. Schließlich zeigten seine Übungen mit den Augenlidern Wirkung, die Welt nahm wieder Farbe an und er sah Ingrid und Rüdiger, die ihn besorgt anstarrten. »Sind Sie sicher, dass Sie jetzt allein in die Stadt gehen wollen?«, gab Ingrid zu bedenken. »Ja, ja, keine Sorge«, beruhigte sie Wolfgang. »Es kommt schon mal vor, dass mir schwindlig wird. Es hat nichts zu bedeuten.« Er ließ den Stuhl los, drehte sich um und ging.
(?)
Doch es hatte etwas zu bedeuten, musste der Handelsreisende feststellen, als er den Hirschgrund hinter sich gelassen hatte und nunmehr auf einem breiten befestigten Weg Richtung Thale schritt, denn die Schwarzweißvisionen ließen nicht nach. Vielmehr nahmen sie zu, wurde Wolfgang Breitscheid den Eindruck nicht los. Alle zwei, drei Minuten fand er sich in einer unwirklichen Welt wieder, in der zwar zu seiner Rechten nach wie vor die Bode rauschte, er sie aber hinter dem wilden Pflanzenwuchs kaum zu Gesicht bekam, mächtige Bäume stellten sich dem Weinvertreter plötzlich in den Weg, die ihn allerdings nicht beim Gehen hinderten, er wanderte durch die dicken Stämme hindurch, als wären sie in der Tat nur ein Trugbild gewesen, nichts außer Luft, und schließlich verschwand der feste Weg regelmäßig unter seinen Füßen und er wanderte auf einem schlecht erkennbaren Trampelpfad, der von kräftigen Wurzeln unterbrochen war, doch das Wurzelgeflecht auf dem Boden, genauso wie die scharfkantigen Steine, die den Pfad übersäten, konnten ihm nichts anhaben, denn er spürte immer noch den glatten, geteerten Weg unter seinen Schuhsohlen. Aber hin und wieder, wenn die Farben für einen kurzen Augenblick wieder das Tal füllten, kam es ihm vor, dass er bei jedem Schritt das Rascheln der kleinen, spitzen Steinchen auf dem Trampelpfad unter seinen Füßen hörte, während seine Augen ihm eine andere Geschichte erzählten, nämlich die, dass er sich auf einer befestigten kleinen Straße befand, deren Belag mitnichten solche Geräusche generieren konnte. Zuweilen spielte schon sein Verstand verrückt und er hielt episodisch aller Vernunft zum Trotz die Welt der grauen Töne für real, als im nächsten Augenblick die Gegend ihr natürliches Kolorit zurückerlangte und Dinge sichtbar wurden, von denen Wolfgang wusste, dass gerade sie zur Realität gehörten entgegen seiner irrtümlichen Schlüsse unter vorübergehender Trübung des Bewusstseins. Er sah unter anderem vorn oben die Seile, die über der Schlucht gespannt waren, und einmal glaubte er, auch eine Gondel gesehen zu haben, die langsam zu dem Berg auf der anderen Talseite durch die Lüfte glitt, es war ohne jeden Zweifel die Schwebebahn, von der ihm Rüdiger vorhin berichtet hatte, dass er dort Rat von den Einwohnern der Stadt holen konnte. Sie musste real sein. Dort fing die Stadt Thale an. Auf diese Seile hielt Wolfgang während der kolorierten Phasen Kurs, um nicht zufällig vom Weg abzukommen, wenn sich die Umgebung ihm abermals in Graustufen präsentierte.
Unterdessen hatte Tobias den Strohballen so weit in den Wald hineingebracht, dass man ihn von dem Feldweg aus nicht mehr sehen konnte. Es traf sich ganz gut, denn der Möchtegernpatriot hörte schon von Weitem die Geräusche eines aufheulenden Motors, jemand kam mit dem Auto gefahren und näherte sich allmählig dem Waldrand. Wer es wohl sein konnte, fragte er sich. Die Polizei oder die Kumpels aus Jena? Es hätte natürlich noch der Bauer sein können, der den Verlust seines Strohballens auf dem Feld bemerkt hatte, aber das glaubte Tobias kaum. Er hielt inne und wartete gespannt. Das Auto stoppte vor dem Wald, ungefähr an der Stelle, wo ihr eigener Wagen geparkt war, der Motor ging aus und der Junge vernahm das Klacken einer aufgehenden Tür, jemand stieg aus. »Es muss irgendwo hier sein«, hörte Tobias eine Stimme. »Da steht auch ihr Auto!« Es war Dieter. Die Anspannung löste sich bei dem angehenden »Kameraden«, es waren keine Fremden.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



