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Des Teufels Steg: Seite 102
»Ja, aber das ist doch etwas anderes!«, erwiderte Zimmermann. »Bei uns war doch keiner arbeitslos, alle haben nach ihren Fähigkeiten gearbeitet und ihnen steht auch für die Zeit eine angemessene Rente zu. Sie wird zwar gezahlt, aber warum ist es nur die halbe? Und es wird vermutlich auch so bleiben, denn jetzt werden auch Beiträge erhoben und wenn die Menschen nur die Hälfte verdienen von dem Lohn im Westen, zahlen sie auch nur den halben Beitrag, was wieder zu halben Renten in der Zukunft führt. Warum ist es denn wieder nur die Hälfte vom westdeutschen Lohn?« »Halber Lohn hin, halber Lohn her, wie Sie sagen, doch wenn ich mir die Sache ansehe, weiß ich gar nicht, wer es besser hat! Sie haben ein halbes Gehalt, sind arbeitslos und machen hier Urlaub, ich dagegen bekomme meinen Verdienst in voller Höhe und bin in diesem schönen Tal dienstlich unterwegs, weil ich mir keinen Urlaub leisten kann!« »Dann ziehen Sie doch zu uns in den Osten!«, scherzte Frau Zimmermann dazwischen, denn es war ihr bewusst geworden, dass sich Wolfgang und ihr Mann in den komplizierten Fragen der deutschen Einheit kaum einig geworden wären und ehe sich noch alle zerstritten, versuchte sie, die Diskussion zu beenden. »Wir kommen schon im Hirschgrund an, Rüdiger! Da bin ich gespannt, ob sie geöffnet haben!« Durch das Grün der Bäume schimmerte vorne tatsächlich schon das erste Häuschen des Guts Königsruhe, wie die kleine Ansiedlung in alten Zeiten geheißen hatte, an dem schöne Fensterläden angebracht waren und vor dem auf einer Terrasse einige Tische standen, die allerdings leer blieben. »Es sieht eher nicht danach aus«, stellte Rüdiger fest. »Warte ab, gehen wir zuerst bis zur Brücke durch. Die Hauptgaststätte ist ja dort.« Ingrid verlor nicht die Hoffnung. An den Tischen, die neben der Jungfernbrücke im Schatten der Sonnenschirme aufgestellt waren, saßen wirklich einige wenige Gäste, die man an den Fingern abzählen konnte, aber sie waren ein Zeichen dafür, dass das Lokal aufhatte und man hier zumindest etwas zu trinken bekam, denn vor jedem der Besucher stand entweder eine Kaffeetasse oder ein Glas auf dem Tisch. Wolfgang verspürte Durst und nahm zusammen mit Ingrid und Rüdiger Platz an einem der Tische mit der Absicht, eine gekühlte Cola zu genießen, bevor er weiterwanderte. »Wie weit ist es noch von hier bis zur Stadt?«, fragte er. Rüdiger überlegte kurz. »Nicht weit, Viertelstunde vielleicht, höchstens!« »Dann schaff ich es ja noch rechtzeitig«, sagte der Weinvertreter beruhigt, als er auf die Uhr an seinem Handgelenk sah. »Kurz vor drei … Wissen Sie nicht zufällig, wo es hier eine Autovermietung oder eine Werkstatt gibt, ein Autohaus vielleicht?«
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»Nein, leider nicht. Es ist schon lange her …«, setzte Rüdiger zur Antwort an, als die Bedienung aus der Gaststätte zu ihrem Tisch kam und ihn unterbrach. »Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte die junge Frau mit einem süßen Lächeln in ihrem Gesicht. Ingrid antwortete ihr: »Als Erstes würden wir alle gerne etwas trinken, denke ich mal!« »Viel mehr als Getränke kann ich Ihnen heute auch nicht anbieten«, bedauerte die Kellnerin. »Vielleicht noch ein Stück Kuchen, aber erst ab vier Uhr.« »Wie kommt es?«, erkundigte sich Ingrid. »Wir wollten später eigentlich noch eine Kleinigkeit essen.« Die Bedienung rechtfertigte sich: »Wir haben noch nicht so richtig geöffnet. Wissen Sie, wir haben das Ganze hier erst vor Kurzem übernommen und die Küche ist noch nicht in Betrieb, da wird noch gearbeitet.« »Ach so!« Ingrid sah sich um, während Rüdiger eine Zigarette anzündete, und bemerkte erst jetzt, dass hier und da noch Bauschutt lag und sich gelegentlich Handwerker auf dem Hof blicken ließen. »Aber Getränke bieten wir trotzdem schon an«, fuhr die Kellnerin fort. »Das Geld muss ja irgendwie reinkommen! Sie können gerne einen Kaffee oder Tee haben, kühle Getränke gibt es auch: Limonade, Cola, Bier. Was darf’s sein?« Wolfgang, der es eilig hatte, bestellte als Erster: »Ich bekomme eine kalte Cola. Und ich möchte dann auch sofort bezahlen, bitte. Ich muss gleich weiter in die Stadt.« »Nehmen wir zuerst auch etwas Kühles, Rüdiger?«, fragte Ingrid ihren Mann. »Nachher können wir noch Kaffee mit Kuchen bestellen.« Sie wandte sich an die junge Frau: »Wissen Sie, wir bleiben hier ein Weilchen, bis unser Bekannter uns einholt.« »Wie Sie möchten, gerne«, gab sie zurück und Rüdiger, der ebenfalls nichts gegen den Vorschlag seiner Frau einzuwenden hatte, sagte: »Ja, etwas Kaltes im angelaufenen Glas nach zwei Stunden Wandern in der Sonne wäre nicht schlecht! Ich nehme gerne ein Hasseröder!« »Und ich ein Glas Limonade«, ergänzte Ingrid die Bestellung. Im Handumdrehen – Rüdiger hatte seine Zigarette noch nicht zu Ende geraucht – brachte das Fräulein die Getränke und rechnete mit Wolfgang ab. Dann ging sie und Breitscheid trank sein Glas in einem Zug leer, sein Durst war gewaltig. »O ja«, atmete er erleichtert auf. »Das hat gutgetan! Jetzt könnte ich bis zur Stadt fliegen!«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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