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Des Teufels Steg: Seite 101

Wolfgang rätselte noch eine Weile, während sie auf dem künstlichen Felsvorsprung entlang der wütenden Bode weiterwanderten, wo er eigentlich das, was ihm gerade widerfahren war, einordnen sollte. Er fand für all das keine vernünftige Erklärung, außer dass der Hirntumor in seinem Schädel wucherte und immer weitere Bereiche erfasste. Das war seiner Meinung nach der Grund, warum er die Halluzinationen bekam, und besser würde es vermutlich nicht werden. Man durfte eher davon ausgehen, dass die Erscheinungen mit der Zeit noch zunahmen, bis sie gar nicht mehr aufhörten und ihm das Leben zur Hölle machten. Denn auch jetzt hatte er den Eindruck, dass es noch nicht vorbei war mit den Visionen. Er hätte es sonst nicht erklären können, warum es ihn von Zeit zu Zeit seltsam überkam und er die Gegend in Grau wie durch einen milchigen Schleier sah. Wolfgang kam zu der Überzeugung, er sollte die OP nicht länger hinauszögern, auch wenn er das Geld noch nicht zusammenhatte, den fehlenden Teil hätte er letztendlich auch in Raten abstottern können.

An dem Schurre-Abzweig verabschiedete sich Knöpfle wie geplant. »Wie hieß noch mal die Wirtschaft, wo wir uns treffen wollen, meine Liebsten?«, fragte er noch die Zimmermanns, bevor er den steilen Jägerpfad beschritt.

»Hirschgrund«, antwortete Ingrid. »Sie werden ihn nicht verfehlen, der Pfad führt durch den Gasthof hindurch. Halten Sie Ausschau nach einer schönen Brücke, der Jungfernbrücke, da sind Sie richtig.«

»Okay«, nahm Richard die Information zur Kenntnis. »Dann wünschen Sie mir Hals- und Beinbruch! Ich bin weg. Bis später.«

»Bis später«, erwiderte Rüdiger. »Und kehren Sie lieber um, wenn Sie das Gefühl bekommen, dass Sie es nicht schaffen! Dann können wir es ein andermal von der anderen Seite versuchen.«

»Ich und nicht schaffen?«, spielte sich der Schriftsteller auf. »Das gibt’s nicht, gell? Also, ade!« Er verschwand hinter den Felsen.

Der Rest wanderte weiter zur Jungfernbrücke, sie war nicht allzu weit, vielleicht zehn Minuten, höchstens eine Viertelstunde entfernt. Der Pfad war flach und gut gangbar, es ließ sich angenehm entlangflanieren, sodass Rüdiger in Anbetracht dessen, dass ihm nunmehr ein Diskussionspartner fehlte, an Wolfgang seine Fragen richtete als einen vermeintlichen Vertreter der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft!

»Was halten Sie denn davon, dass man in den neuen Bundesländern nur den halben Lohn für die gleiche Arbeit bekommt wie im Westen? Halten Sie es für gerecht? Und die Renten? Warum bekommen die ostdeutschen Rentner weniger Geld als in der alten Bundesrepublik?«

»Keine Ahnung«, gestand Wolfgang ehrlich. »Das Erste, was mir einfällt: Sie haben nie in die Rentenkasse eingezahlt, wo sie das Geld herbekommen.«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Na ja«, entgegnete Herr Zimmermann, »Rentenkasse hin, Rentenkasse her! Aber einfach hingehen und die ostdeutschen Renten eins zu eins in D-Mark umrechnen, das hat doch nichts mit Gerechtigkeit zu tun! Die Preise sind jetzt auch in D-Mark und wenn man sie zurück in Ostmark umrechnet, sind sie doch um einiges höher geworden. Also haben die Rentner statt der versprochenen Verbesserung finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. So sehe ich das! Überlegen Sie, ostdeutsche Renten betragen im Schnitt nur vierzig Prozent des Westniveaus. Gut, seit dem Rentenüberleitungsgesetz hat sich etwas geändert, es sind jetzt vielleicht fünfzig, aber trotzdem, bei vielen wurden jetzt Sonderbezüge aus Ost-Renten gestrichen, die sie seit vielen Jahren bekommen haben! Es ist doch kein normaler Zustand. Die Menschen hatten doch einen bestimmten sozialen Status, der nicht zuletzt durch die Rentenbezüge aufrechterhalten wird und eigentlich als Anerkennung ihres Beitrages zum Wohl der Gesellschaft zu sehen ist, ihrer Verdienste vor ihr, wenn sie wollen. Und nun ist alles futsch! Unser Rentner kann mit seinesgleichen aus dem Westen gar nicht mehr auf gleicher Augenhöhe reden, er wird nur belächelt! Wenn das keine Diskriminierung ist?«

Mit politischer Bildung hatte es Wolfgang Breitscheid noch nie allzu ernst genommen, ihm war nichts Näheres über ein Rentenüberleitungsgesetzt bekannt, also genauso viel wie von den Einzelheiten des sechsten Sozialgesetzbuches, unter dessen strenge Vorschriften er als durch und durch Westdeutscher mit seinen Rentenansprüchen fiel, aber eins wusste er: Wenn seine Rentenversicherung mit einem Male an ein paar Millionen Leute mehr Rentenzahlungen leisten musste, die nie etwas eingezahlt hatten, so hätte seine eigene Rente in Gefahr sein können, auf die er so sehnsüchtig wartete und die er als Panazee, ein Wunderheilmittel gegen all seine geldlichen Missstände, Pechsträhnen und sonstige Bredouillen betrachtete. Und nun kam dieser Rüdiger Zimmermann, einer von den »ein paar Millionen« und erzählte ihm etwas von einem sozialen Status, der gewahrt werden sollte, und darüber, dass noch mehr Geld fließen musste um der Gerechtigkeit willen.

»Und wie soll denn nach Ihrer Meinung die Gerechtigkeit mir gegenüber aussehen?«, fragte er leicht pikiert.

»Wie meinen Sie das?«, fragte Rüdiger nach.

»Na ja, ich habe auch mein Leben lang gearbeitet, ich hatte auch einen gewissen Status, wie Sie sagen, aber wenn ich in ein paar Jahren den Antrag auf Rente stelle, weiß ich nicht, ob sie reicht, um die Miete zu zahlen. Eher nicht. Ich hatte in den letzten Jahren, keine Möglichkeit gehabt, die Beiträge zu zahlen. Die Rente wird voraussichtlich auch nur fünfzig Prozent des Durchschnitts ausmachen. So sieht es aus. Und wer gibt mir den Rest?«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.968
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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