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Des Teufels Steg: Seite 98

»Das Bildungssystem! Vor allem die vorschulische Betreuung von Kindern. Und jetzt machen sie die Kindergärten dicht und schicken die Erzieherinnen zum Arbeitsamt. Ist das zu verstehen? Wie können denn Frauen arbeiten gehen, wenn sie auf ihre eigenen Kinder aufpassen müssen?«

Rüdiger erzählte noch eine Zeit lang feurig etwas über Recht auf Wohnraum und sozialen Wohnungsbau, über schwankungsfreie Wirtschaft und günstige Lebenshaltungskosten, aber Richard hörte ihm gar nicht mehr richtig zu, denn ihm wurde plötzlich die Tiefe der Schlucht bewusst – das Bodetal war dagegen ein Nichts –, die zwischen ihm mit seiner Weltanschauung und den Zimmermanns mit ihren Vorstellungen klaffte. Sie definierten für sich als Wohl des Menschen etwas völlig anderes, etwas beinahe Entgegengesetztes als er. Diese Erkenntnis entsetzte ihn. Wie war es möglich, fragte er sich, dass Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, eine gemeinsame Geschichte hatten und ein und demselben Kulturkreis angehörten in nur vierzig Jahren, in denen sie gesellschaftlich zwangsgetrennt durch die innerdeutsche Grenze waren, dermaßen unterschiedliche Grundwerte entwickelt hatten, wie sie nicht unterschiedlicher sein konnten? Auf einmal war ihm endlich klar geworden, aus welchem Grund im Deutschen Bundestag nunmehr auch Vertreter der ehemaligen ostdeutschen Diktaturpartei saßen, unter neuem Namen, aber mit Programminhalten, die Richards Meinung nach kein psychisch gesunder Mensch mehr ernst nehmen konnte. Dem war offensichtlich nicht so und dass die »demokratischen Sozialismusanhänger«, schlussfolgerte der Schriftsteller, mit ihrem abgeleckten Löffel wieder im Kochtopf mit der politischen Suppe mitrührten, ergab sich nicht aufgrund von Tricksereien mit Stimmzetteln, wie er zunächst zu Unrecht angenommen hatte, sondern vielmehr aus der Tatsache, dass sie genau das propagierten, was sich ein anscheinend bedeutender Teil der Leute in den neuen Bundesländern wünschte: Der Staat solle sie gegen die Willkür der Kapitalisten schützen!

Laut sagte er nur theatralisch: »Die Freiheit, meine Liebsten, die Freiheit, für die Sie ehrenhaft gekämpft und die Sie mit dem Mauerfall bekommen haben, ist der Schlüssel zu ihrem Glück!«

Die Zimmermanns schauten den Geschichtensammler schweigsam an und konnten ihre Enttäuschung kaum verbergen. Ratschläge dieser Art hatten sie vermutlich schon zuhauf bekommen, sie brauchten eher etwas Konkretes.

Wolfgang, der sich mittlerweile erholt und die Diskussion bisher stillschweigend verfolgt hatte, stand auf und meinte: »Von mir aus können wir jetzt auch weiterwandern, ich bin wieder bei Kräften und die Zeit drängt!« Er hatte den Eindruck gehabt, dass es besser gewesen wäre, wenn sie jetzt aufbrachen, ehe allen noch die gute Laune verging.

»Ja, stimmt!«, belebte sich Ingrid. »Sie wollten ja noch nach Thale rein.«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Frau Zimmermann führte die Kolonne an, ihr folgte Rüdiger mit Richard und Wolfgang schloss die Marschformation ab. Er hatte den Übrigen vorhin deutlich gemacht, dass sie auf ihn keine Rücksicht nehmen sollen und im Normaltempo weitergehen, wenn er auf steilen Abschnitten zurückfalle, es gebe ja sowieso nur diesen Weg und er werde sich schon nicht verlaufen. Breitscheid bereute tatsächlich bereits, wie Richard es völlig richtig formuliert hatte, dass er sich der Wanderung angeschlossen hatte, so malerisch das Tal auch aussehen mochte, denn die nötige Kondition für Ausflüge dieser Art hatte er nicht. Er wünschte sich, er hätte lieber sein Glück mit dem Linienbus versucht. Aber sie waren alle mitten auf der Strecke in dieser Wildnis und es gab kein Zurück mehr, also musste er wohl oder übel nach vorn schauen – eine andere Option gab es einfach nicht. Es ging Wolfgang auch nicht besonders gut, innerhalb der letzten Stunde waren bei ihm schon einige Male leichte Schwindelanfälle aufgetreten, wenn er sich bei Steigungen etwas übernommen hatte, und daher beschloss er, es nicht auf die Spitze mit der Leistung zu treiben, denn es war kein Schwindel, der aufgrund von Höhenangst entstand, sein hartnäckiger Begleiter in seinem Schädel machte sich auf diese Weise bemerkbar.

Richard und Rüdiger nahmen wieder die Debatte zu innerdeutschen Problemen der Einheit auf und diskutierten lebhaft im Gehen, während der Pfad immer steiler wurde und Wolfgang allmählig immer weiter zurückfiel. Er vernahm noch eine Zeit lang Fragmente der Diskussion, ein paar Satzfetzen wie »niedrigere Renten und Gehälter«, »Umzug der Hauptstadt nach Berlin«, »der Rotkäppchen-Sekt« und dergleichen, ehe sich das Hauptfeld so weit entfernte, dass er nichts mehr von der Unterhaltung hören konnte, und alsdann ganz aus seinem Sichtfeld verschwand. Der einsame Weinvertreter kämpfte sich mühsam nach oben und überlegte frustriert, für welchen Teufel er den »ganzen Mist« hier machte. Aufgrund des Umstandes, dass er aktuell eine generelle Pechsträhne hatte, die in seinen Augen eine erwiesene Tatsache darstellte, wäre seine Suche nach einem Mietwagen in Thale eher kläglich gescheitert, dessen war er sich ziemlich sicher. Wozu also? Wozu wanderte er überhaupt hin, fragte er sich, als ihm plötzlich einfiel, dass man sich den mühsamen Weg hätte sparen können, wenn man die Angelegenheit schon vorher telefonisch geklärt hätte. Er hatte ja das Telefonbuch mit der Nummer schon in der Hand gehabt, ärgerte sich Wolfgang über seine Dummheit. Warum war ihm die einfachste Lösung nicht gleich in den Sinn gekommen? Pechsträhne, schlussfolgerte er abermals.

Ziemlich mitgenommen vom steilen Anstieg erreichte Breitscheid den Aussichtsplatz, von dem man die dem Westen zugewandte Felswand des Roßtrappenmassivs gut sehen konnte, als seine Wanderkameraden schon ihre Rucksäcke schnürten, um ihren Weg fortzusetzen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.968
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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