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Des Teufels Steg: Seite 93
Die meisten Ausflügler und Wanderer merkten allerdings nichts von dieser seltsamen Eigenart des Stegs über der Bode, wenigstens waren keine Berichte von Touristen diesbezüglich bekannt, und schritten munter und unbesorgt über den Strom. Es war der wildeste Abschnitt des Wasserlaufs mit fast senkrechten Felswänden und der Pfad hätte am linken Ufer, wo die Wanderung nunmehr weiterging, augenscheinlich gar keinen Platz bekommen können, wenn man den Felsen nicht etwas nach innen ausgehöhlt hätte, um einen Vorsprung zu schaffen, auf dem der Weg dicht an der Wand verlief. Rechts unten tobte die Bode hinter dem an der Abbruchkante des Felsvorsprungs vorsorglich angebrachten Geländer. Die Schlucht hatte ein beachtliches Gefälle bekommen und für das grünlich blau schimmernde Wildwasser gab es kein Halten mehr, es donnerte schäumend und spritzend mit enormer Wucht über scharfkantige Steine nach unten alles auf seinem Weg mitreißend, was nicht niet- und nagelfest war, bis es frontal auf ein Hindernis traf, dem es nicht mehr gewachsen war, und gekränkt in ihrem Stolz und vor Wut brodelnd nach Süden abdrehte. Es war das Roßtrappenmassiv, seine senkrechte, felsige Westwand, um genau zu sein, die sich der Bode in den Weg stellte und sie zum Richtungswechsel zwang, um sie einigermaßen wieder zur Vernunft zu bringen. Eigentlich führte der Pfad schon eine Weile entlang der Wand aus nacktem Fels, an der kein Baum Platz zum Wurzeln fand, nur dass man keinen Blick nach oben werfen konnte, um das Wunder der Natur zu bestaunen. Ein felsiger Überhang über dem Vorsprung, den man künstlich angelegt hatte, um den Pfad gangbar zu machen, hinderte einen an dem Vorhaben. Um den Roßtrappenberg noch einmal in voller Größe sehen zu können, musste man zurück zum Bodekessel, die Spitzkehren hinaufsteigen und noch ein Stückchen auf dem Pfad zurückwandern zu dem wunderschönen Aussichtsplatz, der sich dort oben befand und tiefe Einblicke in diesen Talabschnitt erlaubte, unter anderem auch eine herrliche Aussicht auf die Felswand der Roßtrappe, die von dort in ihrer ganzen Pracht bewundert werden konnte. Doch die Perspektive, erneut fast bis zur Abbruchkante der Schlucht klettern zu müssen, reizte wenig und man begnügte sich bescheiden mit der Aussicht, die man hatte. Ein Schild an der Felswand mit der Aufschrift »Schurre« und einem Pfeil schräg nach oben zeigte den konditionsstarken Wanderern die Richtung, die sie einschlagen mussten, um über den einstigen Jägerpfad, der in unzähligen Kehren an der senkrechten Felswand führte, nach oben zur Bergspitze zu gelangen. Ausnahmsweise fiel einem mal keine einzige Legende ein, in der dieser Steig vorkam, der bald schon einer für hoffnungslose Bergromantiker angelegte Trainingspiste glich, dennoch gab es ein durchaus interessantes Detail: Die Blockschutthalde am Hang des Berges, die man beim Aufstieg überwinden musste, befand sich mitnichten im Ruhezustand, vielmehr rutschten die Steinblöcke, die sie übersäten, langsam und unauffällig immer weiter nach unten, sodass sie vor allem bei regnerischem Wetter hörbare Geräusche generierten, sie »schurrten« unaufhaltsam talwärts. Man bewunderte die Kühnheit der Menschen, die sich aus freien Stücken der Herausforderung stellen wollten, den Berg über diesen Pfad zu bezwingen, doch fiel es einem sehr schwer, sie um ihr Schicksal zu beneiden, ebenso schwer wie auch den »verrückten Schriftsteller«, der heute genau dasselbe im Sinne hatte.
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Während man nun relativ bequem im Schutze der Felswand entlang der Bode in südlicher Richtung spazieren ging, um in Kürze den Flussknick zu erreichen, wo die Bode zum letzten Mal scharf nach Nordost abbog, bevor sie sich in Thale aus der Schlucht auf die Tiefebene des Harzvorlandes rettete, und den einen oder anderen Steg überquerte, der den unermüdlichen Wanderfreund spielerisch leicht durch manch eine enge Stelle brachte, wo der Pfad durch einen vorstehenden Felsblock unterbrochen wurde, beruhigte sich die widerspenstige Bode zusehends nach der stressreichen Passage der Talenge. Die Wände der Schlucht traten allmählig zurück und schufen mehr Freiraum für den Fluss, der sich nun ungehindert ausbreiten konnte und immer mehr von seiner zerstörerischen Kraft verlor. Der Strom war keineswegs harmlos und zahm geworden, er besaß nach wie vor genug destruktives Potenzial, um einen mitteldicken Baumstamm entzweizubrechen – Reste davon steckten hier und da noch als Beweis im Flussbett zwischen den Steinen fest –, aber er konnte es nicht mehr bündeln und auf einen bestimmten Punkt übertragen. Die ersten Häuser der kleinen Ansiedlung »Hirschgrund«, wo den historischen Überlieferungen zufolge schon im Jahre achtzehnhundertzwanzig ein geschäftstüchtiger Thalenser direkt vor der neuen Brücke über die Bode die erste Hütte erbaut und die Wanderer nicht uneigennützig mit leichten Speisen und Getränken versorgt hatte, tauchten recht unerwartet auf, wenngleich man schon die ganze Zeit darauf gespannt war, wann endlich der letzte, der sagenträchtigste Talabschnitt begann. Und die erste unglaubliche Geschichte wartete auf einen gleich hier am Gasthof: Die Brücke, die praktisch schon in den Eingangsbereich der Gaststätte mündete, hieß Jungfernbrücke, und obwohl sie einem erschöpften Wanderer sehr dienlich hätte sein können, falls er beabsichtigte, sich direkt von den Stufen, die von dem steinernen Überweg hinunterführten, auf einen der Stühle an den Tischen neben dem Eingang kraftlos fallen zu lassen, durften diesen imposanten Bogensteg, der märchenhaft anmutete, nur Jungfrauen betreten, wie der Name schon sagte. Damit sie, die Brücke, nicht einstürzte, lautete die Begründung. Ob auf dem kunstvoll aus Steinen gemauerten Flussübergang bis heute irgendein Fluch lastete oder die heranwachsende Generation zur Enthaltsamkeit erzogen werden sollte, war nicht bekannt, dennoch kursierte in der Gegend ein hartnäckiges Gerücht, dass man sich noch lange Zeit nach dem Bau des Werks an diese Regel gehalten hatte, mehr noch: An der Wirtschaft war ein Glöckchen angebracht worden, das der Wirt jedes Mal läutete, sobald eine Jungfer die Brücke betrat. Die Frage, wie der gute Mann das Wort »Jungfrau« ausgelegt hatte – ob es unverheiratete junge Mädchen waren oder junge Leute, die noch keine Erfahrung mit dem anderen Geschlecht gemacht hatten, oder gar Menschen, die im Zeichen Jungfrau geboren wurden –, konnte keiner beantworten, doch es waren sich alle in dem Punkt einig, dass der Wirt kraft mangelnder Zustände in der zeitgenössischen Wissenschaft nicht gründlich genug vorgegangen war. Es musste sich ohne jeden Zweifel mindestens eine Nichtjungfrau über die Brücke in die Gaststätte geschlichen haben, ohne dass der Gastwirt es bemerkte, denn die erste hölzerne Überführung war in der Tat während eines Hochwassers im Jahre neunzehnhundertfünfundzwanzig zerstört worden! »Vielleicht«, fragte man sich von gewissen Zweifeln geplagt, »vielleicht ist doch etwas Wahres an der Geschichte dran?«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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