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Des Teufels Steg: Seite 90
»Ich kann mich nicht erinnern, ich war besoffen. Ich habe so ein Gefühl gehabt.« »Gefühl …«, äffte Jürgen seinen Kontrahenten nach. »Blödsinn!« »Jungs«, redete Tobias dazwischen, »irgendwas verstehe ich nicht. Ihr habt ja gesagt, wir gehen ’ne Hexe jagen. Und wenn ich jetzt höre, was …« »Tobs!«, versetzte Jürgen. »Geh doch jetzt schon mal den Strohballen vom Feld holen! Nimm noch eine Flasche Bier mit und geh.« »Aber …«, versuchte Tobias seine Einwände vorzubringen. »Nix aber!«, blieb Jürgen hart. »Zisch ab!« Tobias beherzigte den weisen Rat, die Bierflasche für unterwegs betreffend, und entfernte sich durch den Wald wieder in die Richtung, aus der er vor Kurzem den Kasten gebracht hatte. »Wo hast du den überhaupt gefunden?«, fragte Schorsch verärgert, nachdem Tobias zwischen den Bäumen verschwunden war. »Der ist ja hohl wie ein … keine Ahnung! Der wird uns noch alle eines Tages ans Messer liefern!« »Lass den«, entgegnete Johannes. »Er ist nützlich. Wir werden ihn noch brauchen. Oder seinen Vater, er sitzt im Stadtrat. Er wird uns wegen seinem Sohn vielleicht noch einen Gefallen schulden, kommt mir so vor. Man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln.« »Ist gut, von deinem politischen Kram will ich nix wissen. Aber der Junge ist einfach blöd!« »Du sollst in seinem Beisein auch nicht zu viel quatschen«, riet Johannes, während er die leere Flasche zurück in den Kasten stellte und eine neue in die Hand nahm. »Komm, trinken wir noch paar Bier, bevor wir nach dem Baum gucken gehen. Holger hat mir ’ne Überraschung versprochen! ›Das Kreuz soll dick sein‹, hat er gesagt. Ja, und es wäre vielleicht ’ne gute Überraschung für ihn, wenn wir heute zur Eröffnung tatsächlich alle miteinander zu diesem Scheißstollen fahren und dort Radau machen. Du hast recht, irgendwas ist an der Geschichte komisch. Wir werden sehen.«
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Die Sonne hatte den Punkt ihres Höchststandes an diesem sommerlichen Augusttag bereits vor einiger Zeit überschritten und glitt langsam aber sicher über die Himmelsbühne unbeirrt ihrem eigenen Untergang entgegen. Doch die Burschen auf der Lichtung nahmen keine Notiz von den Vorgängen am Firmament und tranken eine Flasche Bier nach der anderen, während sie sich schon leicht lallend miteinander über die bevorstehende Woche der Festivitäten bei ausgelassener Stimmung und in guter Gesellschaft unterhielten. Tobias mühte sich indessen allein mit dem riesigen, menschengroßen Strohballen ab, den er unter größter körperlicher Anstrengung bislang an den Waldrand geschafft hatte.
Die Ausflugsgesellschaft startete pünktlich um ein Uhr, nachdem Wolfgangs Sachen sicher auf seinem Zimmer mit einer Dachschräge über dem Bett untergebracht worden waren und er endlich in Unterwäsche hatte schlüpfen können, die vertraut und heimisch roch, und sich Kleider aussuchen, die er vom Schnitt und von der Größe her gewohnt war. Die vier Teilnehmer wanderten fröhlich miteinander plappernd am Hotel los, überquerten die Bodebrücke, bogen nach links ab, um abermals eine viel kleinere Brücke zu passieren, diesmal über die Luppbode nicht weit von ihrer Mündung, und fanden sich wenige Minuten später auf einem breiten Pfad wieder, eher schon einem mittelbreiten Weg, an der Stelle, die als Eingang zum bezaubernden Bodetal galt. Die Zimmermanns gingen als Ortskundige vor und Wolfgang mit Richard wanderten hinterher, der Pfad war doch zu eng, um mit vier Mann nebeneinanderher zu laufen, und hinten allein bleiben wollte keiner. »Da bin ich mal gespannt, meine Liebsten!«, sagte Richard feierlich. »Nach all dem, was ich nun gehört habe, will ich es auch mit meinen eigenen Augen sehen.« »Wie weit sind Sie denn gekommen?«, fragte Ingrid. »Sie haben doch gesagt, sie sind mal ein Stückchen hineingewandert.« »Leider nicht allzu weit, meine Liebste! Da stand etwas von einer Sonnenklippe.« Rüdiger ergriff nunmehr das Wort: »Dann haben Sie ja wirklich noch nichts gesehen! Machen Sie sich auf etwas gefasst, mein Liebster! So was haben Sie in ihrem Leben noch nicht gesehen.« Wolfgang schwieg. Er hatte von dem Tal nicht die leiseste Ahnung und des Weiteren hatte er bis heute Morgen gar nicht gewusst, dass es existierte, dass es irgendwo auf dieser Welt ein Flüsschen namens Bode gab, an dem allem Anschein nach die Stadt Thale lag, von der er auch erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal in seinem Leben etwas gehört hatte. Für ihn waren es alles böhmische Dörfer, aber die Gegend gefiel ihm, wenigstens konnte er das von den Naturbildern behaupten, die er heute Vormittag während der Fahrt mit Richard gesehen hatte, und der Handelsreisende nahm an, dass auch das Bodetal, von dem alle voller Begeisterung in höchsten Tönen sprachen, gefallen würde. Er wollte aber in seinen Schlussfolgerungen nicht voreilig sein, sondern den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen und sich die Umgebung unvoreingenommen genauer ansehen, bis er ein aussagefähiges Urteil bilden konnte. Wolfgang ließ sich gerne überraschen. Zu seiner Linken rauschte gleichmäßig der Fluss und trug gemächlich sein Wasser zum Rand des Gebirges, um sich dort auf die Tiefebene des Harzvorlandes zu ergießen und die Mühen des weiten Weges bis zur Saale auf sich zu nehmen. Man konnte es nicht direkt als Fluten bezeichnen, was die Bode an Wassermengen mit sich führte, aber es war genug vom flüssigen Element vorhanden, um die scharfkantigen Steine im Flussbett weitgehend zu bedecken, sodass nur stellenweise wirbelnde Stromschnellen entstanden, wenn die Felsbrocken übermäßig groß waren oder das Gefälle auf dem sonst flachen Abschnitt des Flussverlaufs sich schlagartig, wenngleich auch für menschliche Sinne kaum wahrnehmbar, änderte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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