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Des Teufels Steg: Seite 85

Die junge Frau von der Brücke, die rätselhafte Erscheinung von gestern Abend, ging Richard nicht aus dem Sinn, sosehr er sich bemühte, sie zumindest vorübergehen zu vergessen. Und zu allem Überfluss, ärgerte sich der Schriftsteller, hatte Breitscheid ja noch unbedingt seinen Senf dazugeben müssen und seine Verschwörungstheorie erzählen! Seitdem beschäftigte das Thema Knöpfle wie eine fixe Idee einen Geisteskranken. Wer war diese Frau? Wieso hatte sie diesen nebeligen Schleier um sich gehabt? Wo war sie hergekommen und wohin war sie gegangen? Das waren Fragen, die sich der Legendensammler stellte, während sie mit Wolfgang zurück nach Treseburg durch das Luppbodetal fuhren. Und nicht zuletzt die Frage: Aus welchem Grund nahm dieser Breitscheid an, dass es sich bei der Frau von der Brücke und dem Mädchen, das ihm nach dem Unfall erschienen sein sollte, um dieselbe Person handelte?

Die Erfahrung sagte ihm, irgendwas war an dieser Frau, das nicht in diese Welt passte, hinter dem Ganzen steckte etwas ganz Großes und Unheimliches – vielleicht die Geschichte seines Lebens schlechthin! Es wäre womöglich gar nicht so falsch gewesen, überlegte Knöpfle, wenn er Wolfgang nach ein paar Einzelheiten seiner Visionen fragte, denn dieser war fest überzeug, die Frau ebenfalls gesehen zu haben, sonst hätte Richard es sich nie verzeihen können, wenn es sich eines Tages herausgestellt hätte, dass er nur eine einzige Frage von der größten Story seiner ganzen Schriftstellerkarriere entfernt gewesen war und sie letztendlich nicht gestellt hatte.

»Wolfgang!« Der Märchenschreiber sprach in einem Tonfall, der frei von jeder sarkastischen Färbung war. »Wollten Sie mir nicht mal über Ihre Begegnungen mit Hexen und dem blonden Mädchen berichten?«

»Sie sind also einverstanden, dass wir das Honorar halbe-halbe teilen?« Nun war es dem Weinvertreter plötzlich nach Scherzen zumute.

»Hören Sie doch auf mit dem Quatsch, ich meine es ernst«, versicherte ihm Richard. »Erzählen Sie mal, ich bin ganz Ohr, gell?«

»Schön«, stimmte Breitscheid zu. »Sie werden es mir sowieso nicht glauben, aber meinetwegen.«

»Versuchen Sie es doch mal!«, ermutigte Knöpfle den Handelsreisenden.

Wolfgang beschrieb dem Schriftsteller mit einfachen Worten seinen Besuch in der merkwürdigen Wirtschaft in Clausthal, wo Hexenfiguren als Trophäen aushingen, und die Leute, die die Kneipe besuchten, sich Hexenjäger nannten. Den unheimlichen Wirt erwähnte er ganz besonders: Er habe ihm eine Menge wirres Zeug über den Brocken gesagt, berichtete Wolfgang aufgeregt. Dort passieren seltsame Dinge und das Böse verbreite sich von dort ungehindert über den ganzen Harz, und er, Wolfgang, solle sich lieber vor dem Berg in Acht nehmen, sonst widerfahre ihm ebenfalls etwas Unheimliches.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Allerdings fingen die unheimlichen Dinge gleich dort in dem Lokal an«, fügte er seiner Beschreibung hinzu.

»Was ist denn passiert?«, fragte Richard neugierig.

»Die Hexenpuppen erwachten plötzlich alle zum Leben! Das ist passiert!« Der Vertreter überlegte eine Weile. »Und das blonde, blauäugige Mädchen war auch dabei«, beendete er den ersten Teil seiner Hexengeschichte.

»Das ist ja äußerst interessant, gell?« Man sah es dem »verrückten Schriftsteller« an, dass in seinem Kopf bereits viele »verrückte Dinge« herumschwirrten, die sich aber noch nicht zu einem Bild zusammengefügt hatten. »Und wie ging es weiter?«

Wolfgang fuhr fort mit seinem seltsamen Traum, den er in der Nähe des dämonischen Berges geträumt hatte, und legte sehr glaubhaft dar, dass keineswegs er selbst völlig unerwartet während einer Pause eingeschlafen sei, sondern vielmehr der verhexte Blocksberg ihn auf eine mysteriöse Weise in Trance versetz habe, um ihn mit der blonden Frau abermals zusammenzubringen. Und die Probleme mit dem Auto, berichtete er weiter, sie seien alle so offensichtlich systematisch und kurz hintereinander aufgetreten, dass er eine Verschwörung von dunklen Mächten gegen sich vermute, um ihn zu … Eine plausible Erklärung dafür, welches Ziel die unsichtbaren Kräfte mit ihren verschwörerischen Aktivitäten in Wirklichkeit verfolgten, hatte er noch nicht.

»Was gibt Ihnen denn die Sicherheit, dass die Blonde, von der Sie träumten und in der Wirtschaft sahen, dieselbe Frau ist, die ich auf der Brücke gesehen habe?«, gab Knöpfle zu bedenken.

»Das Beste kommt ja noch, Richard!«, antwortete der Weinvertreter und sprach unbeeindruckt weiter: »Nun stellen Sie sich vor: Nach all dem geht Ihnen mitten auf der Straße in der Dunkelheit einfach der Wagen aus, Sie rutschen in den Straßengraben und nachdem Sie mit Mühe und Not endlich aus dem Wrack herausgekrochen sind, wen sehen Sie da? Richtig! Die ganze Schar der Trophäenhexen aus dem Lokal in Clausthal sehen Sie da, getaucht in Nebelschwaden! Und plötzlich erscheint in einem der Nebelschleier das blonde Mädchen und fragt Sie, ob Sie der Wilde Mann wären! Sie hat mir eine Mordsangst eingejagt! Und gekleidet war Sie genau auf die Art und Weise, wie Sie es beim Frühstück beschrieben haben! So sieht es aus, Knöpfle!«

»Wilder Mann?«, fragte sich Richard nachdenklich. »›Wilder Mann‹ ist eine Figur, besser gesagt eine urmenschliche Gestalt, die im Volksglauben bis zum Beginn der Neuzeit verankert war.«

»Ich habe keine Ahnung, Herr Schriftsteller! Aber eins sage ich Ihnen: Es war dasselbe Mädchen, das auch Sie gesehen haben, glauben Sie mir!«

»Hm …«, gab Richard nachdenklich von sich, aber so abwegig kam ihm Wolfgangs Theorie nicht mehr vor. »Okay, ganz ohne ist ja Ihre Geschichte nicht …«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.957
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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