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Des Teufels Steg: Seite 84

Der Schriftsteller nahm aus dem zweiten Weinkoffer ein paar zufällige Flaschen nacheinander heraus und sah sich das Etikett an. »Es sind schon einige edle Tröpfchen dabei, Breitscheid!«, sagte er voller Anerkennung. »Alle Achtung, mein liebster Freund Weinvertreter.«

»Dann sollten wir vielleicht gleich ’ne Weinprobe machen?«, versetzte Wolfgang. »Bestellen Sie einfach von jeder Sorte eine Vierundzwanziger-Einheit, dann habe ich mich fürs Erste saniert!«

»Warum so ungehalten?«

»Ach, wissen Sie, Knöpfle? Von edlen Tröpfchen erzählt mir jeder ›Weinkenner‹, der unheimlich gerne und viel probiert und anschließend nichts bestellt!«

»Okay, Wolfgang«, sagte Richard beschwichtigend, »aber es war eine Bemerkung von mir, die nicht direkt aufs Geschäftliche abzielte!«

»Wie auch immer«, beendete Breitscheid die Diskussion. »Egal. Kommen Sie, bringen wir das Zeug in Ihr Auto!«

Er nahm die beiden Weinkoffer und überließ seinem Begleiter den Trolley, der einfacher zu handhaben war. Die Männer gingen zu Richards Auto und verstauten die Sachen im Kofferraum, den der Schriftsteller zuvor mit einer Schutzfolie ausgelegt hatte, um die hochwertige Verkleidung nicht zu beschmutzen.

»Verdammter Mist!«, fluchte Wolfgang, als sie mit der Aufgabe fertig waren und zurück zum Autowrack gehen wollten. »Ich wollte ja noch dran gedacht haben!«

»Was meinen Sie, Breitscheid?«

»Ich wollte im Hotel nach ein paar Plastiksäcken fragen«, ärgerte sich der Weinvertreter über seine Vergesslichkeit. »Wie sollen wir jetzt den ganzen Kleinkram von hinten in Ihr Auto kriegen? Verdammt!«

»Dem kann abgeholfen werden, Herr Weinvertreter! Ich bin auf Reisen und habe vorher so an einiges gedacht.« Richard ging zur Beifahrertür, öffnete sie und kramte eine Weile im Handschuhfach. »Wäre das nicht passend?«, fragte er und hielt triumphierend eine absolut neue Rolle blauer Plastikmüllsäcke in die Höhe.

»Sie haben eine sehr nützliche Eigenschaft, Knöpfle«, lobte Wolfgang seinen beinahe schon Weggenossen, so verbunden fühlte er sich ihm gegenüber. »Sie denken aber auch an alles!«

Der Handelsreisende kroch in den Kofferraum seines demolierten Wagens und stand geduckt auf den Knien, während er mit beiden Händen wie mit einer Baggerschaufel Zeug von der hinteren Sitzbank über die Rückenlehne beförderte und in den blauen Plastiksack schüttete, den Richard draußen für ihn aufhielt. Mit großem Unbehagen stellte Wolfgang fest, dass seine Berufskleidung, die Jacketts auf den Kleiderbügeln, kräftig in Mitleidenschaft gezogen worden waren und nun irgendwo zuerst gebügelt werden mussten. Nach zehn Minuten standen vor der geöffneten Heckklappe drei volle Säcke, am oberen Ende zu einem lockeren Knoten gebunden, und die Sitzbank war frei, den Fußraum vor ihr eingeschlossen. Wolfgang krabbelte wieder aus dem Kofferraum und schloss die Klappe.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Uff …«, atmete er erleichtert auf. »Das hätten wir dann hinter uns.«

Richard schaute sich das Unfallauto noch mal kritisch an. »Sagen Sie, Breitscheid: Wie wollen Sie den Wagen hier überhaupt wegbekommen?«

»Das weiß ich auch noch nicht«, gab Wolfgang zu. »Der muss irgendwie abgeschleppt werden. Aber nicht heute. Ich lass ihn hier mal eine Weile stehen. Wenn die Polizei vorbeifährt, denken sie vielleicht, es hat jemand geparkt und ist wandern gegangen. Der steht ja jetzt auf den Rädern und die Seite, die man von der Straße sieht, ist ja so weit nicht beschädigt.«

»Mmh«, gab Knöpfle skeptisch von sich. »Es wird sich dann zeigen.«

Die beiden machten sich auf den Rückweg, sobald sie die Plastiksäcke verladen hatten und in den Mercedes eingestiegen waren. Wolfgang blickte noch zum letzten Mal betrübt auf den zurückgelassenen Fiesta, während Richard seinen Wagen auf der Straße wendete, und verabschiedete sich von ihm gedanklich: Leb wohl, alter Freund. Und für einen winzigen Augenblick kam es ihm vor, dass bei seinem »Kumpel« zwischen den Rissen im Glas des rechten Scheinwerfers so etwas wie ein Tränchen in der Sonne glitzerte, aber vielleicht war es auch ein Sandkorn in seinem eigenen Auge, er war sich nicht sicher.

Richard gab Gas. Er wollte schon zeitig genug im Hotel zurück sein, um seine Wanderung mit den Zimmermanns durch das Bodetal zur Roßtrappe wie geplant am Mittag zu starten, denn er musste davor noch die eine oder andere Vorbereitung treffen. Dass Ingrid und Rüdiger sich beim Frühstück als Führer angeboten hatten, war aus seiner Sicht einfach perfekt! Sie kannten sich hier wohl aus und Richard musste sich insofern keine Sorgen machen, dass er sich unverhofft verlaufen und auf den falschen Berg klettern würde. Und überdies machte eine Wanderung zu dritt doch viel mehr Spaß, als allein schweigsam durch die Gegend zu marschieren. Man konnte mit jemandem seine Eindrücke teilen, man konnte sich fremde Meinungen anhören, man konnte diskutieren und sonst noch was tun, damit der Weg einem nicht so lang vorkam. Die Zimmermanns waren freundliche, liebenswerte Menschen, Knöpfle empfand eine Art Empathie dem Paar gegenüber, trotz des seiner Meinung nach leicht verzerrten Bildes, das die beiden wahrscheinlich aufgrund der vierzigjährigen kommunistischen Diktatur von der Welt hatten. Mit der Zeit würde es sich wieder einrenken, nahm er an, und augenblicklich war es ihm auch völlig egal, wer welche Ansichten vertrat, er freute sich einfach auf die gemeinsame Wanderung. Zum Aufstieg über den steilen Pfad bis zum Hufabdruck selbst hatten sich Ingrid und Rüdiger allerdings nicht durchringen können. Man würde auf ihn, Richard, in einer nicht weit entfernten Wirtschaft mit dem Namen »Hirschgrund« warten, hatte es geheißen. Das Pärchen war sich nicht sicher, ob die Gaststätte geöffnet war, doch wenn, dann wäre auch Knöpfle nach seinem Aufstieg zu den beiden gestoßen und sie hätten alle miteinander noch gemeinsam einen Imbiss einnehmen können, ehe sie sich auf den Rückweg machten. Das war der Plan.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.955
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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