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Des Teufels Steg: Seite 75

»Es wäre mir eine Ehre, Meister«, blieb er seinem Lehrer treu. »Wann findet die Befragung statt?«

»Jetzt gleich, mein Sohn!« Der Inquisitor rieb sich erwartungsvoll die Hände. »Meine Beisitzer müssten jeden Augenblick eintreffen. Der Gerichtsschreiber ist benachrichtigt und die Wachen sind unterwegs, um die Verdächtige aus dem Verlies zu holen. Die Sache ist dringlich und verlangt nach einem schnellen Urteil.«

Die Tür ging auf und die Gerichtsstube betraten zwei Herrschaften, in deren Gesichtern sich die hohen kirchlichen Ämter spiegelten, die sie allem Anschein nach innehatten. Begleitet von zwei Leibwächtern, gekleidet in feierliches, rotes Gewand und eine merkwürdige Kopfbedeckung gleicher Farbe tragend, wirkten sie auf Hannes in jeder Hinsicht respekteinflößend. So, dachte er sich im Stillen, konnten nur Bischöfe und Kardinäle aussehen.

»Ah, wie schön, dass Eure Eminenzen so schnell Zeit gefunden haben!«, sagte der Untersuchungsrichter.

»Ja, Bruder Nicklas, die Angelegenheit duldet keine Verzögerung«, erwiderte einer der katholischen Würdenträger.

»Das ist Hannes, der Tischler aus dem Dorf, ein beflissener Schüler und ein selbstloser Verfechter unserer Lehre«, stellte der Inquisitor den kirchlichen Hoheiten seinen Lehrling vor, der völlig verloren in einiger Entfernung stand und wandte sich alsdann an Hannes: »Das sind die hohen Kardinäle aus Rom, die Gesandten des Papstes, Seine Eminenz Bruder Giulio und Seine Eminenz Bruder Ruggiero. Sie werden mir bei der Verurteilung der Hexen durch dieses Gericht und der Bekämpfung von Ketzern in der Gegend beistehen.«

Hannes verneigte sich ehrfürchtig vor den beiden.

»Wollen meine Herren, Eure hohen Eminenzen, nicht Platz nehmen?«, lud Vater Nicklas die Würdenträger der Kirche ein, es sich auf den Stühlen am richterlichen Tische kommod zu machen.

Die Tür öffnete sich abermals und ein hagerer Mann in weltlicher Kleidung, der einen dicken Foliant unter dem linken Arm trug und in der anderen Hand diverse Schreibutensilien hielt, trat in das Zimmer ein und machte sich an dem kleinen Tisch neben dem Richterpodium mit seinen Sachen breit, nachdem er die Eminenzen in rotem Gewand und den Untersuchungsrichter gebührend begrüßt hatte. Das musste der von Vater Nicklas erwähnte Schreiber sein, mutmaßte Hannes, während er hinter der Tür auf dem Gang unverwechselbar klirrende Geräusche vernahm, die von den Ketten an Irmels Fuß- und Handgelenken stammten. Die Gefangene war also auch da.

Die alte Frau sah sehr ermattet aus, stellte Hannes mit Bedauern fest, als zwei Wachen die Schneiderin, die kaum noch ihre Beine bewegen konnte, in die Mitte der Gerichtsstube führten und sie vor den Richtertisch stellten. Wäre er dieser Frau im Wald begegnet, hätte er sie ebenfalls für eine Hexe gehalten. Sie war barfuß, ihre Kleider waren zerlumpt und verdreckt und das struppige Haar hing ihr wild übers Gesicht, das die Schmerzen, die sie litt, zum Ausdruck brachte. Der Beschuldigten folgte die ehrwürdige Äbtissin mit drei Kanonissen, die auf der Zuschauer- und Zeugenbank neben Hannes Platz nahmen, nachdem die Klostervorsteherin an den Franziskaner herangetreten war und mit ihm halblaut einige Worte gewechselt hatte. Der Prozess konnte nunmehr beginnen.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
»Jetzt lesen

»Im Namen des Herrn, Amen«, sagte der Inquisitor den einleitenden Satz, nachdem er sich vom Stuhl erhoben hatte, und machte eine kurze Pause, ehe er weitersprach: »Am fünfzehnten Tage des Augustmonats im Jahre des Herrn vierzehnhundertfünfundneunzig wird unter meinem, eines Bruders des Franziskanerordens und eines vom Heiligen Vater Papst Alexander VI. bestellten Inquisitors Nicklas von Quedlinburg Vorsitz und dem Beisitz der ehrwürdigen Kardinäle der Heiligen Kirche Jesu Christi, der Gesandten Seiner Heiligkeit in Rom, Seiner Eminenz, Bruder Giulio, und Seiner Eminenz, Bruder Ruggiero, Folgendes verhandelt: Der Verdacht des ketzerischen Hexentreibens seitens der Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale in der vergangenen Nacht, von dem ich, der Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition, am Morgen des heutigen Tages Kenntnis erlangt habe.«

Der Franziskanermönch hielt erneut inne in seiner Rede, damit der Schriftführer genug Zeit hatte, um seine Worte im Sitzungsprotokoll säuberlich zu notieren.

»Die Angeklagte hat nun im Beisein von Zeugen, welche namentlich sind: die ehrenwerte Äbtissin des Klosters zu Wendhusen Kunigundt mit drei Kanonissen des Stiftes – Barbara, Dorothea und Agnes – und der Tischler Hannes aus dem Dorf zum Tale, diesem Gerichte Rede und Antwort zu stehen, ob sie der Taten gegen den Glauben und den gemeinen Nutzen des Staatswesens schuldig sei. Im Einzelnen wird ihr zur Last gelegt: Das Sammeln von teuflischen Kräutern und Gewächsen, die dem Zwecke der Aufnahme einer Verbindung zu dämonischen Kräften dienen, das Anbeten des Teufels mit der Absicht, mit ihm widernatürliche Unzucht zu treiben, und eine mögliche Verstrickung in die Gründung eines Hexenzirkels. So antworte, Schneiderin Irmel! Bekennst du dich dieser Verbrechen vor Gott schuldig?«

Die Schneiderin fiel mit den Ketten rasselnd auf die Knie, faltete wie bei einem Gebet ihre Hände und flehte den Inquisitor an: »Erbarmet Euch, Vater Nicklas, ich habe nichts Unrechtes getan! Ich höre immer Eure Predigten, Ihr seid ein kluger Mann und könnt verstehen, dass ich nur Jesus, unseren Herrn und Heiland, angerufen habe, damit er mich von meiner Krankheit erlöst. Ich bin eine alte Frau …«

»Marten«, wandte sich der Untersuchungsrichter an den Gerichtsschreiber, »es ist Folgendes in der Schrift festzuhalten: Die Angeklagte leugnet die ihr vorgeworfenen Taten.«

Es brodelte heftig in Hannes’ aufgewühltem Inneren. Nein, protestierte er gedanklich gegen die Art und Weise, wie Vater Nicklas diese Gerichtsverhandlung führte. Wenn man die Beschuldigte doch gar nicht ausreden ließ, konnte auch keine Wahrheit ans Licht kommen! Er hatte zwar noch nie in seinem Leben an einem Prozess teilgenommen, aber vorgestellt hatte er sich das Ganze etwas anders. Doch andererseits: Was wusste Hannes schon über die Beweggründe des Vorsitzenden? Sein Mentor war ein kluger, gelehrter Mann, vielleicht hatte alles seinen verborgenen Sinn, der sich einem Tischlergesellen noch nicht erschließen wollte. Letztlich saßen noch zwei große kirchliche Autoritäten am Richtertisch, die augenscheinlich nichts Abwegiges an dem Verhalten des Untersuchungsrichters fanden, und es war aus seiner Sicht sehr unwahrscheinlich, dass sich so viele in Glaubensfragen erprobte Männer auf einmal irrten und ausgerechnet er, jemand, der erst am Anfang seines Weges zu dem großen Wissen stand, recht hatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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