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Des Teufels Steg: Seite 74

Das war ein Thema, das Hannes brennend interessierte, aber er zog es vor, so zu tun, als hätte er noch nie etwas davon gehört. Er hielt es für besser.

»Wo?«, fragte er überrascht.

»Na, was denkst du denn?« Der Meister lächelte süffisant. »Auf dem Hexentanzplatz! Ich habe schon immer vermutet, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass in der Gegend so viel Unheilvolles darüber berichtet wird. Und siehe da! Kaum hatte sich die Schutzgarde hinter dem Dorf auf die Lauer gelegt, da kam schon ein altes Weib des Weges! Die Männer sind ihr gefolgt und sie auf dem Tanzplatz auf frischer Tat ertappt! Sie ist so gut wie der Hexerei überführt, nämlich durch Zeugen und die Evidenz der Tat! Sie kostete von den verhexten Gewächsen, die sie auf der Wiese fand, und verfiel in den dämonischen Rausch. Sie rief den Teufel in der Dunkelheit an und hatte gar ihren Unterleib entblößt, um sich mit ihm zu vereinigen. Als Beweis liegt dem Gericht eine Handvoll seltsamer Pilze vor, die sie bei sich hatte und die noch näher untersucht werden, und das Zeugnis der Wachen. Doch gibt es für mich jetzt schon keinen Zweifel: Es ist eine Hexe, wie sie im Buche steht. Man sagt, es ist die Schneiderin aus dem Dorf, die sich der Hexerei schuldig gemacht hat!«

»Irmel?«, spielte Hannes weiterhin den Ahnungslosen.

»Du kennst sie, mein Sohn?«, fragte der Inquisitor neugierig.

»Alle im Dorf kennen sie. Und ich kenne sie als fromme Christin, die sonntags zur Kirche geht. Ich kann es nicht verstehen …

Vater Nicklas unterbrach Hannes: »Das beweist ein weiteres Mal, wie einfallsreich das Böse vorgeht, wie abgefeimt der Teufel ist, der seine Anhängerschaft auf diese Weise tarnt. Ich kann mich auch entsinnen, dass ich die Frau bei meiner Predigt gestern in der Kirche gesehen habe, doch bedeutet es rein gar nichts! Wie Satan vor Gott treten kann, ohne dabei Schaden zu nehmen, so kann auch ein ketzerisches Weib dem Gottesdienst beiwohnen, ohne dass sie im Angesichte des Kreuzes gleich in Flammen aufgeht. Jede Frau, die dort saß, hätte mit dem Teufel im Bunde sein können, und freilich mit der alten Hexe. Mehr noch, ich bin überzeugt, dass genau das der Fall ist, und wir müssen das Hexenweib bei der Befragung dazu bringen, die Namen der Jüngerinnen preiszugeben. Es scheint hier ein ganzes Hexennest zu geben, mein Sohn. Ich weiß es aus Erfahrung: Wenn ein altes Weib sich der Hexerei verdächtig macht, soll man nach weiteren Hexen suchen, denn in aller Regel ist sie gleichsam die Hexenmutter anderer, ihrem Zauber verfallener Weiber, die an ihre Stelle treten, sobald der Alten das Handwerk gelegt wird. Wir werden diese Schneiderin mit dir gemeinsam verhören. Es trifft sich gut, dass du sie kennst und sie dich auch, so könntest du sie vielleicht zu einem Geständnis bewegen.«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Hannes gefiel das, was der Franziskanerbruder mit ihm vorhatte, überhaupt nicht. Er wusste, wie sich eine Hexenbefragung abspielte, er hatte darüber Vieles im dritten Teil des »Hexenhammers« entdeckt, dem Buch von Henricus Institoris und Jacobus Sprenger, welches ihm Vater Nicklas zum Durcharbeiten mitgegeben hatte. Zugegeben, er hatte aufgrund seines verbesserungsfähigen Lateins, womit er öfter am Ende war, das jedoch zum Lesen von theologischer Literatur unabdinglich schien, nicht jedes Wort verstanden, aber ihm war im Großen und Ganzen klar, was Schneiderin Irmel erwartete, wenn sie nicht die üblen Taten einer Hexe zugab, die sie gar nicht begangen haben konnte, denn in seinen Augen war sie eine rechtschaffene Frau, die den Aberglauben im Ort mit einer Überzeugung und Unnachgiebigkeit bekämpfte, wie er sie sich auch von anderen Mitgliedern der Dorfgemeinde gewünscht hätte. Er dachte an all die seelischen und körperlichen Qualen, die der alten Frau laut dem Verfasser Heinrich Kramer zugefügt werden mussten, um sicher zu sein, dass sie keine Hexe war, und ihm wurde dabei nicht wohl zumute – sie gleich dem reinigenden Feuer zu übergeben, schien dagegen eine Wohltat zu sein.

Auf jeden Fall stand Hannes mit seiner ganzen Seele auf der Seite der Beschuldigten und überlegte verbissen, wie er der alten Frau aus ihrer misslichen Lage helfen konnte. Was konnte er tun? Nun, dachte er nach, die Auswahl war nicht so groß. Er konnte dem Gerichte höchstens den tadellosen Leumund der Beschuldigten bescheinigen und zusätzlich Zeugen aus dem Dorf herschaffen, die das Gleiche tun würden – an das Verfahren der Zeugenzulassung im »Hexenhammer« konnte er sich noch erinnern. Hannes beabsichtigte freilich nicht als Advokat in einem Hexenprozess zu agieren, es gebührte ihm schon aufgrund seines mangelnden Bildungstandes nicht, aber andere Dörfler zugunsten der treuen Anhängerin des christlichen Glaubens aussagen zu lassen, war das Mindeste, was er tun musste, obgleich schon allein das als heikel genug zu betrachten war: Hätte die angeklagte Frau am Ende doch noch ihr Hexenwerk gestanden, hätte sich dem Untersuchungsgericht unumgänglich die Frage gestellt, ob er und seine Unterstützer nicht ein falsches Zeugnis vor der Heiligen Inquisition abgelegt oder einen Versuch unternommen hatten, eine Hexe ungeschoren davonkommen zu lassen. Darauf stand als mindeste Strafe die Exkommunikation und öffentliche Ächtung und als höchste … Hannes graute sich vor diesem Gedanken. Dennoch: Wäre es aktuell um die Frau gegangen, die Hannes über die Schlucht hatte wandern sehen, hätte er Bruder Heinrich, wie sein Mentor den Autor des Buches nannte, bedingungslos zugestimmt, was die Folter anging, um die Wahrheit herauszufinden, denn sie war eine wahrhafte Hexe, aber Schneiderin Irmel war es seiner Überzeugung nach nicht, obwohl immer noch die von Vater Nicklas erwähnten Beweise existierten, die unwiderlegt blieben, für die sich aber eine ganz einfache Erklärung hätte finden können, wenn man die alte Frau richtig danach fragte. Dafür hätte er, Hannes, aber wiederum beim Verhör anwesend sein müssen, weshalb er auch beschloss, seiner Teilnahme zuzustimmen, vorerst hatte er allerdings nur die Absicht, bei der vorläufigen Befragung zugegen zu sein, die allem Anschein nach nicht peinlich abzulaufen hatte, was seines Wissens auch in lateinischer Schrift sinngemäß übereinstimmend im »Malleus Maleficarum« geschrieben stand. Es würde vielleicht noch alles gutgehen, verlor Hannes nicht die Hoffnung.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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