Logo Leseecke
OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 65

»Wer zum Teufel ist Katja?«, erkundigte sich der schlecht gelaunte Vertreter lustlos.

»Mmm …«, gab Knöpfle einen animalischen Laut von sich. »Breitscheid! Katja? Katja ist das Mädchen im Hotel! Das Mädchen, das ich gerne vernaschen würde! Aber meine Bemühungen sind bis jetzt auf wenig Gegenliebe gestoßen, gell?«

»Knöpfle, Sie sind ein alter Schürzenjäger!«, stellte Wolfgang fest.

»Und? Was ist denn schon dabei? Man lebt nur einmal! Aber die Frau müssen Sie auf jeden Fall kennenlernen, dann können Sie mir Ihre Meinung sagen. Kommen Sie! Gehen wir!«

»Außerdem«, brachte Wolfgang sein letztes Argument gegen einen Restaurantbesuch vor, »außerdem bin ich gar kein Gast in diesem Hotel, demnach würde mir kaum ein Inklusiv-Frühstück zustehen.«

»Was nicht ist, das kann noch werden!«, verkündete Knöpfle mit einer optimistischen Note in der Stimme. »Sie haben doch eher vor, hier ein Zimmer zu nehmen, oder? Ich meine: Wozu sollen wir denn sonst ihre Sachen aus dem Auto holen? Damit wäre das Problem gelöst! Auch wenn Katja sich querstellt, kann man das Frühstück immer noch bezahlen. Kommen Sie, ich lade Sie ein!«

Wolfgang folgte dem »verrückten Schriftsteller« nach unten, bevor sich dieser noch zu allem Überfluss den Ausflug zu seinem Auto anders überlegte, in dem nun seine sämtlichen Habseligkeiten unbeaufsichtigt auf der Straße lagerten, oder, wenn man sich der metaphorischen Ausdrucksweise bediente, die letzten Reste seines bisherigen Lebens. Dieser Richard Knöpfle, musste sich Wolfgang eingestehen, hatte letztendlich recht. Darauf, dass er sich in diesem Hotel einmietete, würde es aller Voraussicht nach eh hinauslaufen, denn: Wo sollte er sonst noch hin mit seinem Krempel und ohne Auto? Dann hätte man auch das Frühstück genießen können, sagte sich Wolfgang, und falls jemand mit seinem Gesicht Probleme hatte, konnte derjenige doch ruhig wegschauen!

»Hallo, Liebchen!«, fing Knöpfle schon von der Türschwelle des Frühstücksraumes an, die bezaubernde Katja zu bezirzen. »Weißt du, ich bin heute nicht allein. Ich habe jemanden mitgebracht, der bei mir auf dem Zimmer geschlafen hat.«

Die Bedienung sah Knöpfle mit einem seltsamen Blick an, während Wolfgang danebenstand und verlegen grinste.

»Nein, nein«, beeilte sich der Schriftsteller, sie zu beruhigen, »es ist nicht so, wie du dir vielleicht gedacht hast. Ist eine lange Geschichte. Auf jeden Fall: Das ist Wolfgang Breitscheid. Er hat vor, gegen Mittag hier einzuchecken. Aber frühstücken würde er gerne schon mal vorab. Geht das? Mach bitte eine Ausnahme!«

Der unselige Weinvertreter nickte höflich, als die Hotelangestellte ihn misstrauisch ansah. Besonders lange blieb ihr Blick auf Wolfgangs verunstalteter Gesichtshälfte stehen und er sah ein, dass es keine schlechte Idee war, mit Richard zum Frühstück zu gehen, um von ihm einigermaßen schonend dem Personal vorgestellt zu werden. Er stellte sich mit Entsetzen vor, was gewesen wäre, wenn er mit seinem Gesicht ohne Vorwarnung vor der Rezeption aufgetaucht wäre und nach einem Zimmer gefragt hätte. Sie hätten ihn garantiert hinausgeworfen.

(?)
Leseecke Schließen
Lesezeichen setzen
 
Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
»Jetzt lesen

»Meinetwegen«, sagte Katja, nachdem sie sich überzeugt hatte, dass von Breitscheid keine Gefahr für die Allgemeinheit ausging. »Nehmen Sie doch Platz, ich bringe für Sie gleich noch ein Gedeck. Aber das mit dem Einchecken müssen Sie schon an der Rezeption machen, wenn die Chefin kommt.«

»Ja, natürlich. Danke Ihnen aber auch!« Wolfgang begab sich an einen der Tische.

»Ach, Katja!«, sagte Knöpfle noch zum Schluss. »Kannst du vielleicht noch ein Pflaster besorgen? Der Mann hat so eine hässliche Platzwunde, gell? Und wir haben kein Pflaster gefunden.«

»Ich muss nachsehen«, antwortete sie und verschwand hinter der Tür zur Küche.

Der Speiseraum war noch menschenleer, wenngleich es schon nach acht Uhr war. Ob es allen Hotelgästen am Montagmorgen so erging wie ihm, Richard Knöpfle, und sie noch im Bett voller Entsetzen darüber nachdenkend lagen, welche grauenhaften Dinge der erste Tag der Woche für sie bereithielt, konnte der Märchenautor nicht beurteilen, aber ihre Abwesenheit deutete zumindest indirekt darauf hin.

»Na, Breitscheid?«, flüsterte der Legendenschreiber temperamentvoll Wolfgang zu, nachdem er sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte. »Haben Sie sie gesehen? Ist Sie nicht scharf?«

»Sie sind ein alter geiler Bock«, entgegnete der Weinvertreter. »Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, mein Liebster!«

»Mmm …«, wiederholte Knöpfle sein animalisches Stöhnen, ohne von Wolfgangs Bemerkung Notiz zu nehmen. »Stellen Sie sich mal vor, wie sie ohne ihren dämlichen Kittel und alles, was noch darunter ist, aussieht! Was das für ein prächtiges Gemälde sein muss, das da zum Vorschein kommt, gell?«

»Richard!«, intervenierte Breitscheid entschlossen. »Sie sollten vielleicht dringend einen Puff hier in der Gegend aufsuchen, ehe ihnen ihr Testosteron durch die Ohren tropft wie bei einem Elefantenbullen!«

»Ach, Blödsinn, Breitscheid! Sie verstehen nichts von Frauen. Tut mir leid, gell?«

»Was hält denn Ihre Frau von Ihrem ›Frauenverstehen‹?«

»Ich bin nicht verheiratet«, versetzte der Geschichtensammler.

»Dann ist es noch ein weiterer Grund, über einen Bordellbesuch nachzudenken, anstatt das arme Kind zu belästigen. Gell?« Wolfgang ereiferte sich, denn eigentlich konnte er solche Casanovas, die vor Dritten mit ihren Liebesabenteuern prahlten und in seiner Gegenwart sexistische Äußerungen machten, nicht ausstehen. Und er hätte diesem Knöpfle auch noch gerne ein paar Strophen moralischer Weisheiten vorgesungen, wäre er im Augenblick von ihm und seinen Launen nicht so abhängig gewesen. Vom Altersunterschied her wäre es seiner Meinung nach durchaus angebracht, wenn er Knöpfle die Leviten gelesen hätte und nebenbei gezeigt, dass auch er austeilen konnte und keineswegs vorhatte, Knöpfle immer die erste Geige spielen zu lassen, aber er zog es vor, die Angelegenheit nicht auf die Spitze zu treiben.

| Seite 65 von 233 |

Günstige Downloads für Ihr Gerät

Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF Dokument: Format A5, 518 Seiten, Dateigröße 217.705 KB, Ausgeführte Dowloads 0, PDF-Reader zum Lesen erforderlich! Auch zum Lesen im Ebook-Reader geeignet
12,99 € N/A
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
EPUB
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
E-Book im ePub-Format: Anzahl Seiten deviceabhängig, Dateigröße 917 KB, deviceübergreifend optimiert, Ausgeführte Dowloads 0, e-Book Reader zum Lesen erforderlich!
12,99 € »Epubli Verlag
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
Jetzt eine Printausgabe bestellen! Sie werden gleich auf die Seite des Verlages weitergeleitet, wo Sie Ihr Exemplar bequem erwerben können.
26,99 € »Epubli Verlag

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.909
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

Ihre Spende ist willkommen!

Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.
Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank!

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Kreisende Punkte
Leseecke Schließen