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Des Teufels Steg: Seite 61

Anders als sonst war es auch heute nicht. Knöpfle lag mit geschlossenen Augen im Bett, obwohl er schon mit den ersten Sonnenstrahlen aufgewacht war, die indessen sein Doppelzimmer regelrecht mit Licht fluteten, und traute sich nicht, die Welt mit ihren vielen kleinen, gemeinen Scherereien anzusehen, die sie für ihn bereithielt. Er mühte sich, seine To-do-Liste einigermaßen im Kopf zu sortieren, um zumindest einen Überblick zu bekommen. Heute wollte er zur Roßtrappe wandern, das stand schon seit vorgestern fest. Gott sei Dank hatte er die Geschichte schon in eine literarisch verwertbare Form gebracht und musste sich nur von der Richtigkeit seiner Annahmen überzeugen sowie anschließend ein paar Änderungen in den Text einfügen, falls das eine oder andere in Wirklichkeit nicht mit dem übereinstimmte, was er sich vorgestellt hatte. Dann wäre das Gerüst für eine Kurzgeschichte schon fertig gewesen und die beschriebenen Blätter hätte er getrost in seinem Aktenkoffer unter »Fertiges« deponieren können. Seine Endversion der Geschichte und den stilistischen Feinschliff hätte er dann schon zu Hause an seinem Schreibtisch gemacht. Bei diesem Punkt seiner Liste fügte sich alles, wie man es sich nicht besser hätte wünschen können, und er wäre jetzt gleich nach dem Frühstück durch das Bodetal zur Roßtrappe losgewandert, um am frühen Nachmittag zurück zu sein. Aber! Und jetzt kam es: Inzwischen war ein riesiger, undurchsichtiger Block von noch festzulegenden Aufgaben aufgetaucht, bei denen Richard nicht den blassesten Schimmer hatte, wie er sie angehen sollte. Das formlose Gebilde hing über seinem Haupt wie das Damoklesschwert und hinderte ihn an der Durchführung seines ursprünglichen Plans. Die Zimmermanns hatten ihm gestern eine Legende erzählt, die nach seiner vorläufigen Schätzung die von der schönen Prinzessin Brunhilde und dem Ritter Bodo noch bei Weitem hätte übertreffen können, wenn man da ein wenig Hand anlegte und sie buchtauglich machte. Er hatte gestern unter Bacchus’ inspirierendem Einfluss auch schon eine Reihe von Ideen gehabt, erinnerte sich Knöpfle, aber im Augenblick waren sie alle weg, sein Kopf war leer. Daher musste er dringend die Sage niederschreiben, solange sie noch frisch in seinem Gedächtnis war, dann wären ihm – das kannte er von sich schon von früher – wieder die Bilder eingefallen, die schon einmal in seinem Kopf umhergegeistert waren. Es war für ihn eine rein berufliche Erfahrung, wie er bei sich einen Geistesblitz hervorrufen konnte. Doch dafür brauchte es Zeit und man musste damit ohne jede Verzögerung beginnen – jetzt, just in diesem Moment. Und das ließ sich unglücklicherweise kaum mit einer Wanderung durch das Bodetal vereinbaren. Aber er musste sie machen, heute noch, denn er hatte außer der Talerkundung einiges im Harz vor und die Zeit, die der Verlag für die Kreativreise bemessen hatte, war knapp – zwei Wochen, von denen die erste schon übermorgen um sein würde.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Als hätte dieser Umstand, zwischen zwei möglichen Entscheidungen hin- und hergerissen zu werden, dem Geisterjäger nicht schon genug seelischen Schmerz bereitet, drängten sich in seinem Kopf zu allem Überfluss Bilder der rätselhaften Ereignisse von gestern Abend, die er nun gar nicht zuzuordnen wusste. Nichtsdestotrotz spürte er intuitiv, dass sie außerordentlich wichtig waren, dass sie noch eine Rolle spielen würden. Wobei? Das wusste er noch nicht. Aber es machte die Frau mit der Laterne im altertümlichen, kuttenähnlichen Gewand, die er spätabends auf der Brücke gesehen hatte, nicht weniger bedeutsam. Und es war seiner Meinung nach zweifelsohne eine Frau gewesen, so etwas entging seinem erfahrenen Blick nicht, denn mit weiblichen Formen kannte er sich bestens aus, auch wenn man sie unter einem Umhang zu verstecken versuchte. Diesbezüglich gab es bei Richard Knöpfle kein Vertun.

Noch merkwürdiger fand er die drei rüpelhaften Typen, die ihr über die Brücke gefolgt waren. Er konnte sich noch in allen Einzelheiten an die Szenen erinnern, die sich vor seinen Augen abgespielt hatten.

»Da!«, sagte einer von ihnen, als die Gruppe an Richard vorbeimarschierte, »Johannes, siehst du die Hex’? Sie geht nach links!«

»Ja, ich sehe, ich bin nicht blind!«, antwortete ein anderer, der die Verfolger anführte, in einem rauen Ton. »Gleich haben wir die Schlampe!«

Was geschah hier gerade, in diesem friedlichen Dorf, fragte sich Knöpfle, während er sich auf der Terrasse unauffällig verhielt und sich nicht von der Stelle rührte, denn die Jungs, allem Anschein nach kräftig alkoholisiert, kamen ihm äußerst aggressiv vor und heute noch eins auf die Schnauze zu bekommen, war nicht das, was er sich unter einem harmonisch ausklingenden Abend vorstellte.

Zum Glück merkten die Rüpel nichts von seiner Anwesenheit und liefen vorbei. Richard sah, wie sie bis zur Kreuzung auf dem Dorfplatz kamen, wo sich zuvor die Frau in der Kutte kurz umgesehen hatte, für einen Augenblick anhielten und nach links abbogen, nachdem ihr Anführer mit der Hand die Richtung vorgegeben und etwas gesagt hatte, was Knöpfle wegen der Entfernung nicht mehr hören konnte. Er setzte sich ebenfalls langsam in Bewegung und ging zur Kreuzung, um nach dem Rechten zu sehen und notfalls die Polizei zu rufen – die Kerle waren gemeingefährlich.

Es war keiner mehr in Sicht, als der Schriftsteller die Kreuzung erreichte, weder die Frau noch die jungen Männer, die sie verfolgt hatten. Knöpfle blieb stehen und überlegte, was er nun machen sollte: Zurück ins Hotel laufen und den Polizeinotruf wählen? Und was sollte er ihnen erzählen? Dass in der Gegend drei angetrunkene Jugendliche herumliefen und etwas Übles vorhatten? Und dass er nicht wisse, wo sie abgeblieben seien? Und dass er sich ihre Gesichter nicht gemerkt habe? Das war alles zu dünn, um eine Polizeistreife kommen zu lassen, zögerte er noch, sie würden ihn selbst womöglich noch wegen Trunkenheit in eine Ausnüchterungszelle stecken, damit er gesetzestreue Bürger auf der Straße nicht mit seinen Märchen belästigte. Knöpfle beschloss, stattdessen noch ein Stückchen die Straße hochzulaufen, wenigstens bis zu Biegung, um nachzuschauen, ob dort alles ruhig war. Mittlerweile kam ihm die Geschichte mit der geheimnisvollen Frau dergestalt grotesk vor, dass er bereits die ersten Zweifel bekommen hatte, das Ganze überhaupt gesehen zu haben.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.908
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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