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Des Teufels Steg: Seite 60
»Und wo wachsen sie?«, fragte Ursel interessiert. »Auf dem Hexentanzplatz!« Ursel sah Cecilia überrascht an und wartete auf weitere Erläuterungen. »Ja«, fuhr das Mädchen fort, »Großmutter sagt, dass es unseren Hexentanzplatz auch in ihrer Welt gibt. Mutter, hat diese Irmel vielleicht doch recht? Ist die Großmutter vielleicht eine Hexe, wenn sie diesen Tanzplatz besucht?« »Das ist nur dummes Gerede«, versetzte Ursel. »Gut«, ließ Cecilia vom Thema ab. »Lass mich auch mal einen Schluck machen.« Die Hexenpilze schmeckten in der Tat etwas merkwürdig, musste Cecilia ihrer Mutter recht geben, zumindest hatte sie noch nie so einen Geschmack erlebt. »So«, sagte sie zu der kranken Frau, nachdem sie den Becher abgesetzt und sich die feuchten Lippen mit der Hand abgewischt hatte, »mach jetzt noch einen großen Schluck und dann können wir noch ein bisschen schlafen, bis die Sonne aufgegangen ist.« Ursel trank noch ein wenig und Cecilia zog ihr die Decke bis ans Kinn. »Mach nun deine Augen zu«, forderte sie ihre Mutter auf und die Letztere folgte der Anweisung. Wenige Minuten später hörte man schon ein leises Schnarchen aus ihrer Richtung. Cecilia pustete die Kerze aus und legte sich ebenfalls hin. Draußen dämmerte es schon, sie konnte die hellen Umrisse des Fensters ganz deutlich erkennen. Sie lag noch eine Weile mit geöffneten Augen, während sich ein überaus behagliches Wärmegefühl in ihrem Körper ausbreitete und ihre Sinne langsam benebelte, und dachte darüber nach, was ihr heute alles widerfahren war und welchen Pfad sie morgen lieber nehmen sollte, um den unliebsamen Begegnungen aus dem Weg zu gehen. Und vor allem machte sie sich Gedanken darüber, wo sich ein neuer Unterschlupf für die Großmutter finden ließ. Konnte man die Ahne vielleicht wieder zurück ins Dorf bringen und in der Hütte irgendwie verstecken? Nein, es war zu gefährlich. Diese Irmel hätte sofort davon Wind bekommen und das Ganze an die große Glocke gehängt. Oder, suchte sie weiter nach einer Lösung, konnte man sie nicht irgendwo bei den Wilden Männern in einer Höhle unterbringen, zumindest vorübergehend? Ihr waren auch noch ein paar andere Dinge eingefallen, aber sie alle kamen ihr eine Spur zu abenteuerlich vor und am Ende verwarf sie sämtliche Ideen restlos. Eine konkrete Antwort auf die lebenswichtige Frage hatte sie nach wie vor nicht gefunden, als sich ihre Augen wie von selbst schlossen und sich der süße, nebelige Schleier des Pilzzaubers ihrer bemächtigte. Cecilia schlief ein. Beide Frauen schlummerten friedlich in ihren Betten, während es in der Stube allmählig heller wurde, und merkten nicht, wie die Geharnischten, auf die Cecilia zuvor unverhofft im Wald gestoßen war, durch das Dorf mit ihren Rüstungen im Gleichschritt rasselnd zurück zum Kloster zogen und eine gefesselte ältere Frau vor sich hertrieben. Ihr Gewand war dreckverschmiert, ihr Haar war zerzaust und hing struppig über ihr Gesicht, doch man konnte in ihr gerade noch eine im Dorf nicht ganz fremde Person erkennen. Die Gefangene war keine andere als Schneiderin Irmel.
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6. Kapitel: KATERSTIMMUNG AM MONTAGMORGENRichard Knöpfle fand jeden Montag grundsätzlich grausam. Insbesondere aber verabscheute er an diesem Wochentag den Morgen, nämlich den schauderhaften Augenblick des Wachwerdens, dagegen empfand er eine ganz spezielle Abneigung. Nun, einerseits, so lautete seine These, schlief man am Vorabend sorgenlos ein, nachdem man am Sonntagnachmittag einen ruhigen Spaziergang durch den Wald gemacht, dann in guter Gesellschaft oder auch allein angenehm diniert und zum Schluss vielleicht noch unbeschwert irgendeine Late-Night-Show im Fernsehen verfolgt hatte, in der sich die Leute um die Wette zum Affen machten, während man sich das eine oder das andere Gläschen Wein gönnte, oft auch eins über den Durst, und andererseits pochten am nächsten Morgen die Sorgen des Alltags, die gestern ganz den Anschein gehabt hatten, von alleine verschwunden zu sein, wie ein Hammer gegen seinen Schädel, kaum dass er noch halb im Schlaf die ersten Lebenszeichen von sich gab, und bäumten sich schon frühzeitig in voller Größe vor seinem Bett auf, damit er sie bloß nicht übersah, sobald er die Augen geöffnet hatte. Er wusste in aller Regel nicht, welcher Aufgabe er sich als Erstes widmen sollte, denn alle schrien gleich laut nach ihrer Erledigung, und er griff wahllos nach der ersten, nach der zweiten, nach der dritten und versuchte, für alle gleichzeitig eine Lösung zu finden. Bei dieser Vorgehensweise konnte, und es war Richard bewusst, alles nur noch schiefgehen. Er ärgerte sich, machte aber gleichwohl weiter und erlebte jedes Mal unausweichlich ein schmähliches Fiasko, was ihn wiederum in eine depressive Stimmung versetzte, mit der Folge, dass er schon bald aufgab, die ganze Welt zum Teufel schickte und den Kopf noch tiefer in das Kissen vergrub. So erging es dem Geschichtensammler an beinahe jedem Montagmorgen, obgleich es auf den ersten Blick keinen ersichtlichen Grund dafür gab. Schließlich konnte er als Freiberufler schalten und walten, wie ihm beliebt war: Ungeachtet des Wochentages so lange schlafen, wie er wollte, und arbeiten, wann immer er es für richtig hielt. Mit seinem Verstand begriff er sehr wohl die absolute Unsinnigkeit seines Verhaltens, doch er konnte es nicht ändern – jeden Montag ging das Spiel von vorne los. Vielleicht, kam es dem »verrückten Schriftsteller« mitunter in den Sinn, war irgendwo sehr tief in seinem Unterbewusstsein der latente Wunsch vergraben, dass der Sonntag ewig währte und nimmer endete, der sich auf diese Weise manifestierte?
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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