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Des Teufels Steg: Seite 53

Der Weg durch den Wald, den sie betrat, führte zum Hexenstieg, so nannte man im Dorfe den Trampelpfad, der sich an der Seite des Felsens zum Hexentanzplatz hinaufzog. Das Wort »Hexe«, das sowohl in der Bezeichnung des Tanzplatzes als auch des Steigs stimmten die fromme Christin einerseits trübsinnig, denn es kam ihr manchmal vor, dass der Name auch auf sie als diejenige, die sich des Weges bediente, abfärbte und sie der Hexerei mit schuldig machte. Das gefiel ihr ganz und gar nicht, sie war bei Gott mitnichten eine Hexe, die zum Tanzplatz über den Hexenstieg schlich, im Gegenteil: Sie war, darauf beharrte die Frau stets vehement, etwas, was einer Hexe genau entgegengesetzt war! Allerdings sah Irmel die »Hexen« innerhalb der Wörter gelegentlich auch von einer ganz anderen Seite, sodass sich ihre Lippen zu einem breiten Lächeln formten, wenn sie in der Geschichte eine gewisse Ironie des Schicksals erkannte: Wahrscheinlich hatte kein anderer mehr als sie selbst dazu beigetragen, dass die »hexenträchtigen« Lokalitäten die Namen bekommen hatten, über die sie sich gegenwärtig ärgerte. Außerdem war das ganze Hexengerede keinen Deut wert, um sich deswegen aufzuregen, das wusste sie am besten.

Die Geschichte von der Oberhexe auf dem Felsen hatte Irmel erfunden und das Gerücht in die Welt gesetzt. Es gab dort oben keine Hexengroßmutter namens Gerlinde, zu der verruchte Frauenzimmer und unvernünftige Jungfrauen auf dem Hexenpfad pilgerten, um sich das Wissen über höllische Künste anzueignen. Der Steig konnte mit den teuflischen Anhängerinnen überhaupt nichts zu tun haben, wenngleich er auch nach ihnen benannt war. Offen blieb allerdings, auch für Irmel, eine einzige Frage: Wer, wenn nicht die bösen Feen der Nacht, war dauernd auf dem Hexenstieg unterwegs, sodass der Weg nicht völlig zuwuchs und in dem Dickicht des Waldes spurlos verschwand, sondern Jahr für Jahr sogar immer breiter wurde, wie es Irmel bisweilen vorkam?

Die »Kräuter- und Pilzsammlerin wider Willen« erinnerte sich, während sie sich langsam dem Abzweig zum Tanzplatz mit der Laterne in der Hand näherte, was sie nicht schon alles in ihrem Leben unternommen hatte, um die Weiber und Jungfrauen im Dorf dem Teufel abschwören zu lassen und Jesus Christus als ihren wahren Gott anzunehmen. Es funktionierte, aber bei Weitem nicht so gut, wie Irmel es sich wünschte. Speziell dachte sie da an das Nähkränzchen, das sie schon seit Jahren bei sich in der Hütte wöchentlich veranstaltete, wo sich Dorfweiber, hauptsächlich christliche Frauen, versammelten und sie den Teilnehmerinnen nach und nach das Handwerk des Nähens und Schneiderns beibrachte, das sie selbst noch von ihrer Mutter gelernt hatte und ziemlich gut beherrschte. Die christliche »Nähgesellschaft« hatte sich Irmel als Aushängeschild ausgedacht, um auch die heidnischen Heilerinnen aus dem Kreise der Wilden Frauen, vor allem aber ihre Töchter, Jungfrauen, die das Teufelswerk der Zubereitung von Zaubertränken noch nicht in vollem Umfang beherrschten und somit dem Bösen noch nicht gänzlich verfallen waren, in ihre Mitte zu locken und ihnen den rechten Weg zu Gott aufzuzeigen. Insbesondere ein Kränzchen, das schon vor Jahren stattgefunden hatte, kam ihr immer in den Sinn, wenn Irmel darüber nachdachte, dass es kein leicht verdientes Brot war, wilden, ungläubigen Heidinnen das Evangelium zu verkünden und sie zum Christentum zu bekehren.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Eine Handvoll Frauen, erinnerte sie sich lebhaft, saßen in einer gemütlichen Runde um die Kochstelle in der Mitte der Hütte herum und jede beschäftigte sich mit der Arbeit, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, um unter der Obhut der näherfahreneren Irmel die Kleidungsstücke fachgerecht zu reparieren oder gar neue aus den zugeschnittenen Stoffstücken zusammenzunähen. Die eine stopfte die Löcher in der Cotte ihrer Tochter, die andere versuchte, die Beinlinge ihres Mannes wieder gut aussehen zu lassen, und eine dritte drehte in ihren Händen die Zuschnitte für ihre neue Sonntagshaube von einer Seite auf die andere und rätselte, wie sie die Stiche setzen sollte, damit die Naht nicht gleich ins Auge fiel. Es herrschte Harmonie in Irmels Stube, ein leiser Singsang begleitete die Frauenzusammenkunft.

Man versuchte sich im Gesang von religiösen Psalmen, weil sie alle Anwesenden von den kirchlichen Gottesdiensten her kannten und man einander nicht erst den Text und die Melodie erklären musste. Alle sangen gehorsam mit, bis auf eine Jungfrau, eine Neue im Nährkränzchen, die Irmel unter ihre Fittiche genommen hatte und der Novizin am Tisch abseits der Runde, auf dem ein Stück schmuckes Leinen lag, erklärte, wie man daraus eine den Körperbau zur Geltung bringende Cotte schneiderte, die sich das Mädchen, das von heidnischen Eltern stammte und sich von der christlichen Kirche fernhielt, über alles in der Welt wünschte. Eine der Frauen kannte die Familie und hatte die junge Frau zum Zirkel eingeladen, als sie gehört hatte, wie sich die Mutter Vorwürfe machte, dass sie ihrem Kind, nicht eine besondere Cotte, für einen sehr, sehr speziellen Anlass schneidern und nähen konnte und kein Geld dafür hatte, eine solche in Auftrag zu geben.

»So«, sagte Irmel scherzhaft zu der Neuen, »erzähl mir doch zunächst mal, holde Jungfrau Gerdrud: Wer soll deine neue Cotte schön finden?

Die Novizin lächelte verlegen. »Alle«, wich sie der Frage aus. Dass ihr bei dem Nähkränzchen jemand Löcher in den Bauch ihrer Absichten wegen fragen würde, damit hatte die junge Frau nicht gerechnet, obwohl ihre Mutter sie davor gewarnt hatte.

»Gut«, ließ sich Irmel die leichte Enttäuschung nicht anmerken, dass das Kind mit ihr nicht aufrichtig war. »Dann breite mal deine Schultern aus. Wir werden mal sehen, wie weit die Cotte werden soll!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.908
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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