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Des Teufels Steg: Seite 52

Sie musste einen beachtlichen Felsen erklimmen, um zum Ziel ihres Ausfluges zu gelangen. Dort, auf dem Hexentanzplatz, lag nämlich die geheimnisvolle Wiese, auf der die wahrhaftig wundersame Pilze wuchsen, die Irmel Linderung an ihren Krankheitstagen brachten. Sie war eine überzeugte Katholikin, dennoch ging sie einmal im Jahr, wenn die Gräser Ende des Sommers reif waren, diese Heilpilze suchen, weil sie bei ihr, einer nicht mehr jungen Frau, die im Leben alleinstand, eine erstaunlich wohltuende, heilende Wirkung entfalteten, wenn sie daraus einen Trunk machte, und es sonst keinen gab, der ihr die Wunder wirkende Waldernte für ihre Arznei besorgen konnte, während sie von Zeit zu Zeit durch fürchterliche Bauchkrämpfe tagelang ans Bett gefesselt war.

Sie beging damit, dass sie auf diese Weise an sich selbst herumdokterte, eine Sünde ihrem Herrn und Heiland gegenüber, das wusste sie und betete in ihrer Hütte selbstlos Tag und Nacht zu Gott, zuweilen eine ganze Woche lang vor dem Pilzsammeln, damit er ihr aufgrund ihrer Gebrechen die Sünde, die sie vorhatte zu begehen, schon im Vorhinein gnädig erließ und ihre Wanderung zum Hexentanzplatz segnete.

»Herr unser Jesus im Himmel!«, jammerte sie unterwürfig vor ihrem Bette kniend im Angesicht des Kruzifixes an der Wand. »Du siehst alles, was wir tun, und hörst alles, was wir denken. Ich könnte vor dir keine Geheimnisse haben. Doch, o Herr, ich gestehe vor Gott, dass ich vorhabe zu sündigen. Vergib mir, mein Herr! Vergib mir nur noch dieses eine Mal! Vielleicht ist es der letzte Sommer, den ich erlebe, bevor du mich zu dir holst. Zu stark sind die Schmerzen, die ich leiden muss, und zu schwach ist mein sündiges Fleisch, um sie zu ertragen. Nur ein Gewächs, das Gott in seiner Gnade erschuf, ist imstande, mir zu helfen. So führe mich, mein Herr, zu dieser Wiese im Wald, auf dass ich dich auch weiter loben und preisen und Buße tun kann. Jesus, stehe mir bei! Amen.«

Irmel hörte auf zu beten, wenn sie ihrer Meinung nach mit Gott und ihrem Gewissen endlich im Reinen war, und ging ihren Geschäften als Schneiderin nach, die ihr ein kleines Auskommen gaben, doch nach einer Weile verspürte sie abermals, wie Schuldgefühle ihre Brust beklemmten, und alles wiederholte sich aufs Neue.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Und es half. Zumindest war Irmel in all den Jahren noch immer von ihren Ausflügen zu der Wiese auf dem Hexentanzplatz, um die Vorräte der rätselhaften Pilze aufzufüllen, wohlbehalten zurückgekehrt. Die Ursprünge der nächtlichen Streifzüge gingen in die Zeit zurück, als Irmel sich zum Christentum bekannt hatte, zu der verhängnisvollen Nacht, in der sie von den Hexenweibern unter Anführung der alten, abscheulichen Hexe Gerlinde zu Tode erschreckt und beinahe entführt worden wäre, wenn sie nicht Jesus um Beistand angefleht hätte. Und der Sohn Gottes hatte ihr damals geholfen, bedingungslos, als Ausdruck seiner unendlichen Barmherzigkeit und grenzenlosen Liebe – auch solchen unverbesserlichen Sünderinnen gegenüber, wie sie es war, denn ob bewusst oder unbewusst, aber zu der Zeit hatte kein anderer Wunsch ihre Gedanken mehr beschäftigt, als der, die höllischen Künste vollumfänglich zu beherrschen und unschuldige Menschen zu verhexen. Sie hatte sich dem Hexenzirkel angeschlossen, sie war mit anderen Wilden Frauen Kräuter bei Vollmond pflücken gegangen, sie hatte beschämende Tänze im Wald im Angesicht Gottes vollführt und sie hatte nach einem Zauberkraut gesucht, das ihrem Geliebten den Kopf verdreht hätte.

Es waren ohne jeden Zweifel wahre Schandtaten, ja schwere Sünden, die sie in ihrer Jugend begangen hatte, aber Irmel hatte sie schon längst alle Pfarrer Lukas gebeichtet, bereut und Buße für ihre Vergehen vor Gott getan, bis sie sich von der Sünde reingewaschen hatte. Die Frau erinnerte sich noch genau, was sie zu Pfarrer Lukas damals gesagt hatte: »Ja, Vater, ich bin jetzt geheilt und werde nie wieder ein Kräutlein anfassen!« Und das entsprach auch der Wahrheit, sie war aufrichtig gewesen und hatte es wirklich vorgehabt. Die Worte des Kirchenvorstehers, als er ihr seinen Segen gegeben hatte – »Mit Gottes Hilfe möge es dir gelingen« –, hatte sie damals für so eine Art katholische Floskel gehalten, die ein Pfarrer in solchen Fällen sagen musste, doch es stellte sich mit der Zeit heraus, dass Pfarrer Lukas ein sehr weiser Mann gewesen war und schon damals eine Vorahnung gehabt hatte. Denn Irmel konnte das Kräuterpflücken nicht lassen. Ob das Blut einer Wilden Frau, das in ihren Adern floss, sie dazu veranlasste oder andere Umstände eine Rolle spielten, vermochte sie sich selbst nicht zu beantworten, und sie rief jedes Mal händeringend Gott an, sich zu erbarmen und sie von diesem zwanghaften Laster zu befreien.

Doch Gott tat nichts dergleichen, und so war sie dazu verurteilt, heimlich Dinge zu tun, von denen keiner Kenntnis erlangen durfte. Es war eine Sache zwischen Gott, ihrem Vater im Himmel, und ihr selbst – und sonst ging es niemanden etwas an. Die Christen im Dorf hatten zum Glück schon längst vergessen, dass sie seinerzeit auch zu den Wilden gehört hatte, und die alte Frau musste dafür sorgen, dass es auch in Zukunft unverändert blieb.

Irmel zündete die Kerze ihrer Laterne von dem Stückchen glühender Holzkohle an, das sie von zu Hause mitgenommen hatte, als sie den Wald erreichte. Die Gefahr, dass sie hier jemand aus dem Dorf beobachtete, war gering und der Mondschein, wenngleich es ihr vorhin aufgefallen war, dass die nächtliche Lichtquelle heute außerordentlich hell schien, reichte nicht, um den engen, verwurzelten und zum Teil zugewachsenen Pfad im Schutze der dichten Baumkronen auszuleuchten. Bis hierhin, wie es ihr schien, war sie unbehelligt durch das Dorf gekommen, ohne jemandem aufzufallen, denn es blieb alles ruhig, nicht einmal die Hunde waren wach geworden. Nur ein einziges Mal war es ihr vorgekommen, dass sie ein seltsames Rasseln hinter sich gehört hatte, aber das Geräusch war ganz kurz und kaum vernehmbar gewesen, sodass Irmel sich nichts Schlimmes dabei gedacht hatte, als danach wieder Ruhe eingekehrt war. Sie war eher geneigt anzunehmen, dass ihre Sinne ihr einen Streich gespielt hatten.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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