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Des Teufels Steg: Seite 38

Es herrschte Stille. Die Männer saßen nachdenklich auf ihren Stühlen und verloren kein einziges Wort. Ingrid sah irritiert mal auf ihren Mann, mal auf Knöpfle und konnte sich den Grund für die Friedhofsstimmung nicht erklären.

»Und du sagst noch, dass du keine Geschichten erzählen kannst?«, brach Rüdiger endlich das Schweigen. »Wo hast du so was überhaupt gelernt?«

»Ingrid!«, meldete sich alsbald auch Richard mit jubelnder Stimme zu Wort. »Ich könnte Sie jetzt küssen! Tut mir leid, Rüdiger. Das ist es. Das ist eine Geschichte für mein neues Buch. Es ist die Geschichte! Wo haben Sie sie her?«

»Na, man erzählt sie hier so in der Gegend, wir haben sie schon vor Jahren gehört. Sogar noch vor der Sage von der Roßtrappe. Stimmt, Rüdiger?«

»Ja, auf jeden Fall«, pflichtete Herr Zimmermann seiner Frau bei. »Allerdings habe ich den Felsen noch nie gesehen. Wo ist er eigentlich?«

Ingrid überlegte kurz. »Er muss irgendwo im Bereich sein, wo diese Jungendherberge ›Waldkater‹ steht. Dort, direkt unter dem Hexentanzplatz, soll laut der Sage das Ganze stattgefunden haben. Ich weiß es nicht genau.«

»Und Sie meinen, es ist ganz in der Nähe der Roßtrappe, wenn man schon den Tanzplatz von dort sehen kann?«, erkundigte sich der beeindruckte Autor nach der genauen Lage seines neuen Wanderziels. »Dann muss ich den Ort auch unbedingt besuchen, gell?«

»Na ja«, teilte ihm Rüdiger ernüchternd mit, »in der Nähe heißt auf der anderen Seite der Schlucht. Ich weiß nicht, wie konditionsstark Sie sind, um zwei beachtliche Aufstiege an einem Tag zu bewältigen. Bei mir wäre es nicht der Fall!«

»Dann muss ich mir einen anderen Tag aussuchen, entweder für die Roßtrappe oder für den Tanzplatz. Aber morgen vor der Wanderung muss ich noch alles zu Papier bringen, was ich gerade gehört habe. Ich habe da schon ein paar Ideen. Oder schon heute Abend, wenn ich noch nicht zu betrunken bin!« Richard schielte schmunzelnd auf die Weinflasche, die noch halbvoll neben ihm auf dem Tisch stand.

»Ja, stimmt«, ließ Ingrid plötzlich Aufbruchstimmung aufkommen, »es ist inzwischen ganz schön spät geworden. Wir sollten, glaube ich, aufs Zimmer gehen, Rüdiger.«

Man sah es Herrn Zimmermann an, dass er vielleicht noch gerne ein Weilchen geblieben wäre und noch ein Bierchen getrunken hätte, aber er fügte sich seinem Schicksal. Wenig später standen die beiden auf und gingen durch das Restaurant, wo sie sich noch von Katja bis morgen verabschiedeten, nach oben zu ihrem Zimmer.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Knöpfle blieb allein, nur noch die Weinflasche leistete ihm Gesellschaft. Er schenkte sich abermals Wein ein. Es war wirklich spät geworden. Die Kellnerin hatte schon längst die Beleuchtung im Restaurant eingeschaltet, damit durch die Fenster ein bisschen Licht auf die Terrasse fiel. Sie erschien auch bald in Person in der Tür zum Speisesaal, um das restliche Geschirr, das noch nach dem Abgang von Ingrid und Rüdiger auf dem Tisch stehen geblieben war, nach innen zu bringen.

»Herr Knöpfle«, sagte Katja, »Wir schließen gleich. Ich habe Feierabend. Es ist sonst keiner mehr da, nur Sie. Aber Sie können noch gerne ihren Wein zu Ende trinken, ich werde das Licht anlassen. Sie wissen doch, wo der Schalter fürs Restaurant ist, wenn Sie gehen?«

»Ja, sicher, du hast es mir doch gestern gezeigt.«

»Gut. Einen Schlüssel für die Eingangstür haben Sie auch? Ich schließe alles ab.«

»Ja, Liebchen!« Richard musterte das Mädchen wieder mit den Augen.

»Na dann, schönen Abend noch!« Katja ging mit dem leeren Bierglas und dem Eisbecher ins Restaurant, ohne sich auf ein Gespräch einzulassen, damit das Ganze nicht noch eine unerwartete Wendung nahm.

Fünf Minuten später hörte Richard in der Stille der Nacht, wie auf dem Parkplatz vor dem Eingang ein Auto anging und auf der Straße, die vom Hotel talaufwärts führte, wegfuhr. Katja war nach Hause gefahren.

Richard sah auf die Uhr. Es war Viertel nach zehn. Wirklich spät, überlegte er. Der Wein ging zu Ende, der Schriftsteller schenkte sich den Rest ein und stellte die leere Flasche wieder auf den Tisch neben das Glas, das noch fast voll geworden war. Er saß noch eine Zeit lang lässig am Tisch, nippte hin und wieder an dem Weinglas und qualmte mit der Pfeife. Er dachte über die Geschichte nach, die er von Ingrid gehört hatte. Es war in der Tat eine gute Legende, überlegte er, man hätte daraus fast schon einen ganzen Roman machen können. Das wollte er schon morgen in Angriff nehmen. Ein paar Zeilen konnten ihm vielleicht auch heute gelingen, denn besonders betrunken fühlte er sich nicht. Er sah zufällig in den Himmel und verstand, warum es ihm vorkam, dass die Nacht heute nicht so dunkel war wie zum Beispiel gestern, denn er konnte auf der Terrasse ganz deutlich jede Ecke erkennen, sogar die hintersten Winkel, die nicht vom Licht aus den Fenstern angestrahlt wurden.

Es war der Mond! Ein unglaublich heller Schein des Mondes, der sich nur zur Hälfte am Himmelsgewölbe zeigte. Richard konnte sich nicht erinnern, so einen hellen Mond schon je gesehen zu haben. Ihm wurde sogar ein wenig unheimlich zumute, ein leichtes Frösteln ging durch seinen Körper, aber womöglich lag es nur daran, dass die heutige Nacht nicht besonders warm war, um nicht zu sagen eher kühl, und er nur ein leichtes T-Shirt anhatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.906
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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