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OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 37

»Hexentanzplatz?« Richard wurde hellhörig.

»Kennen Sie die Geschichte noch nicht?«, wunderte sich die Frau. »Von der Hexengroßmutter?«

»Nein …« Er schüttelte den Kopf und die Augen des »verrückten Schriftstellers« erleuchteten sich von innen und strahlten Neugier aus. Er schob den inzwischen leeren Teller beiseite, zog das Weinglas näher an sich heran und machte es bis zum Rand voll. Dann stand er kurz auf und holte vom Tisch, wo er zuvor gesessen hatte, sein Raucherzubehör. »Dann erzählen Sie doch mal!«, sagte er voller Vorfreude und fing an, seine Pfeife zu stopfen.

»Ähm …« Ingrid konnte ihre Verlegenheit nicht verbergen. »Ich bin keine besonders gute Geschichtenerzählerin, aber ich kann es versuchen. Rüdiger, kennst du die Geschichte noch gut?«

»Schwierig«, meinte ihr Mann. »Ich weiß nur, dass das Zauberweib, die Großmutter, Watelinde hieß. Wie der Name des Mädchens war, frag mich jetzt nicht.«

»Ich glaube, Itha«, versuchte sich Ingrid zu erinnern.

»War es nicht Hulda?«, kam auch Rüdiger der Vorname plötzlich wieder in den Sinn. »Ich bin mir jetzt fast sicher, dass sie Hulda hieß.«

»Egal, wie auch immer. Ich versuche es mal mit Itha.«

Richard schob seinen Stuhl ein Stückchen weiter weg vom Tisch, kreuzte bequem seine Beine und beugte den Oberkörper etwas vor. Er saß bewegungslos in Erwartung der Vorstellung, während er Ingrid konzentriert ansah, seine Pfeife qualmte wie der Schornstein eines Dampfers. Rüdiger machte sich ebenfalls eine Zigarette an und wartete gespannt.

Ingrid sammelte sich, und nach einer kurzen Pause sprach sie: »Einst, als die Menschen im Harz noch die alten Naturgötter verehrten und die Christen in der Minderheit waren, lebte auf dem großen Berg über dem ›Dorp to dem Dale‹ ein grausames Zauberweib Watelinde. Sie war eine mächtige Hexe, die Anführerin aller Hexen in der Gegend, und beherrschte allerhand Zauberkünste, sodass sogar der Leibhaftige ihr gegenüber Respekt zeigte. Man nannte sie Hexengroßmutter. Sie hielt Hexensabbate ab und leitete die wilden Orgien mit anzüglichen Tänzen rund ums Feuer auf dem Berg, der ihnen seinen Namen ›Hexentanzplatz‹ verdankte. Alle fürchteten sich vor dem hässlichen Weib, denn sie hatte es auf fromme Jungfrauen abgesehen, die sie mit falschen Versprechungen auf den Berg zu locken suchte, um sie vom Weg der Tugend abzubringen und sie selbst zu Hexen zu machen. Eines Abends ging eine holde Jungfrau aus dem Dorf, die Itha hieß und …«

»Hulda!«, platzte Rüdiger sehr unpassend mit seiner Korrektur dazwischen. Richard sah ihn mit einem verurteilenden Blick an, sagte aber kein Wort und richtete seine Augen stattdessen wieder auf Ingrid, die ihre Geschichte mit dem neuen Vornamen fortsetzte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»… die Hulda hieß und ein wunderschönes, langes blondes Haar und strahlend blaue Augen hatte, in den Wald, um Heilkräuter zu pflücken. Hulda ging immer tiefer in den Wald hinein auf der Suche nach den Kräutlein, die allmählich ihr Körbchen füllten, und merkte nicht, wie es dunkelte. Erst als sich ein silberner Lichtstreifen über den Weg legte, begriff sie, dass es langsam Nacht wurde und der Mond aufgegangen war. Doch statt zurück nach Hause zu gehen, beschloss sie, noch weiter Kräuter zu sammeln. Sie wusste um die Zauberkraft des Mondes, um die Wirkung des Mondscheins, wenn er mit seinem schimmernden Licht die Pflanzen berührt und ihnen eine ganz besondere Heilkraft verleiht. Wenngleich sie eine gottesfürchtige Christin war, kannte sie noch die heidnischen Zaubersprüche, die man dabei sagen musste, damit sich der Zauber vollzieht, und hielt es für kein großes Vergehen Gott gegenüber, wenn sie es tut, denn die Heilkräuter waren für einen guten Zweck bestimmt. So blieb sie noch im Wald und pflückte weiter, bis sie auf einmal zwei große gelbe Augen leuchten sah, die sie aus der Dunkelheit anstarrten. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder und sie lief so schnell sie konnte über Stock und Stein, nur einen Wunsch im Sinn, dem grausigen Blick zu entkommen. Sie kämpfte sich von der Angst getrieben durch das dichte Unterholz und kam nach einer Weile auf eine Lichtung hinaus, wo sie voller Entsetzen feststellte, dass sie von einer schwarzen Katze in Menschengröße verfolgt wird, der diese gelb leuchtenden Augen gehören. Die Katze kam immer näher, es schien keine Rettung mehr zu geben, als das Tier sie plötzlich von hinten mit menschlicher Stimme ansprach: ›O schöne Jungfrau, dir soll kein Leid widerfahren! So bleib doch stehen, ich verrate dir ein Kraut, mit dem du deinen Liebsten für immer an dich binden kannst.‹ Hulda hielt an, zu groß war die Verlockung, denn ihr Verlobter sah sich immer öfter andere Jungfrauen an, was Hulda sehr traurig machte. Einen Zaubertrank, der ihn von anderen Frauen ablenken konnte, hätte sie um ihr Leben gerne gehabt. Doch als die Katze an sie herantrat und sich langsam zu einer Menschengestalt zu verwandeln begann, bemerkte sie ihren Fehler und begriff, dass sie der boshaften Hexengroßmutter Watelinde in die Falle getappt war. Noch schneller als zuvor rannte Hulda durch den Wald und hörte die ganze Zeit, dass das Hexenweib ihr dicht auf den Fersen war. Nach einer Weile wusste sie nicht mehr, wo sie ist und wohin sie laufen muss, um Watelinde entfliehen zu können, und schlug die falsche Richtung ein, sodass sie immer tiefer in den dunklen Wald hineindrang. Erschöpft und voller Verzweiflung blieb sie stehen und bemerkte, dass sie am Fuße des Hexentanzplatzes angekommen war. Nun vernahm das Mädchen Watelindes heisere Stimme: ›Du, holde Jungfrau, du bist nun in meinen Zauberkreis geraten. Du wirst mir zum Tanzplatz auf den Berg folgen. Ich werde dich viele höllische Künste lehren und du wirst zu meiner Gefolgschaft gehören.‹ Die Hexe näherte sich ihr und ehe sie die Jungfrau an den Haaren fassen und zum Tanzplatz zerren konnte, schrie Hulda wie von Sinnen: ›Mein Herr Jesus, stehe mir bei!‹ Ein fürchterlicher Sturm brach aus, es blitzte und donnerte, die Bäume bogen sich wie Grashalme bis zum Boden im heftigen Wind. Und wie von einer unsichtbaren Hand wurde die entsetzliche Oberhexe in die Luft gehoben und mit aller Gewalt gegen einen Felsen geschleudert, sodass sie sich im Nu zu Stein verwandelte und mit dem Berg verschmolz. Hulda überlebte die unheilvolle Begegnung, benutzte keinerlei Zaubersprüche mehr und blieb für ihr Leben lang eine fromme Christin. Der Felsen, an dem die böse Hexe ihr Ende gefunden hat, heißt noch heute ›Hexengroßmutter‹ … Das ist die Geschichte«, beendete Ingrid ihren Vortrag.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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