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Des Teufels Steg: Seite 27

Er ließ endlich vom Fernseher ab und sah seinen Gast an, richtete dann seinen Blick auf einen der Tische, als ob er Wolfgang auf diese Weise einen festen Sitzplatz zuweisen wollte, und verschwand anschließend in die Küche durch die Tür hinter seinem Rücken.

Es war aber ein komischer Kauz, dachte sich Wolfgang seinen Teil, ging aber unerklärlicherweise genau zu dem Tisch hinüber, auf den ihm der Wirt mit den Augen gezeigt hatte, und gesellte sich zu den Hexen, die auf dem Tisch aufgestellt waren, sowie vor dem Fenster hingen, an dem der Tisch stand, und nach draußen schauten.

Die Puppen, die er nun etwas genauer in Augenschein nehmen konnte, waren wirklich gut und sehr kunstvoll gearbeitet. Es gab Figuren für jeden Geschmack, vom Holz über den Ton bis zum Porzellan war jedes erdenkliche Material zum Einsatz gekommen, es gab verlumpte Hexenweiber, die einem ihre hässlichsten Gesichter schnitten, es gab aber unter anderem auch verführerische, halbentkleidete junge Hexchen, die vermutlich mit Absicht vor der Fensterscheibe hingen und das gutgläubige Publikum mit ihren Rundungen ins Restaurant zu locken berufen waren – der Gedanke lag nahe, weil sogar der vom Hunger geplagte Weinhändler unerwarteterweise gewisse Regungen verspürte, während er die ihm zugewandten prallen Kehrseiten der reizenden Hexenfräulein am Fenster betrachtete.

»Da hätten wir es.« Der Wirt tauchte hinter der Theke auf und stellte darauf den appetitlich dampfenden Teller mit dem bestellten Erbseneintopf ab, in dem zwei knackige Bockwürste oben schwammen. »Das Brötchen kommt gleich. Bleiben Sie mal schön sitzen«, sagte er und ging wieder in die Küche, nachdem er erneut einen Blick auf den Bildschirm geworfen hatte, wo die Talkshow gerade offenbar ihren Höhepunkt erreichte, denn alle gestikulierten wild und schrien einander etwas zu.

Er hatte jetzt doch nicht wirklich gedacht, regte sich Wolfgang derweil auf, dass ich aufspringen und meinem Essen hinterherlaufen würde, oder? Es war ein komischer Kauz! Wolfgang fühlte sich in seiner ursprünglichen Annahme bestätigt.

»So«, sagte der Lokalbesitzer mürrisch, als er mit einem Brotkörbchen zurückkehrte, »hier wäre das Brötchen.« Er ging noch mal zur Theke zurück, nahm den Teller mit der Suppe in die Hand, während er das Geschehen auf der Mattscheibe verfolgte, und bewegte sich dann mit kleinen, vorsichtigen Schritten rückwärts zu Wolfgangs Tisch, ohne den Fernseher aus den Augen zu lassen. »Und das wäre die Suppe«, teilte der seltsame Mann mit, nachdem er am Tisch angekommen war und den Teller abgestellt hatte. »Wollen Sie noch irgendwas?«

Es wurde Wolfgang allmählig alles zu bunt. Er wollte nichts mehr und antwortete leicht gereizt: »Nein, danke.«

Der Wirt begab sich abermals hinter die Theke und Wolfgang konnte endlich allein seine langersehnte und hart verdiente Mahlzeit genießen. Der Eintopf machte im Gegensatz zum Inhaber des Imbisslokals einen sehr guten Eindruck. Er duftete unnachahmlich nach Räucherspeck, Erbsen und Bockwurst. Wolfgang biss genüsslich in das knackige Würstchen, noch bevor er die Suppe probierte.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Entschuldigung«, wandte er sich erneut an den Wirt. »Kann ich doch noch was haben? Etwas Senf wäre nicht schlecht.«

Statt eine Antwort auf seine Frage zu hören, sah Wolfgang nur einen ausgestreckten Zeigefinger, der auf den benachbarten Tisch deutete und anscheinend so zu verstehen war, dass Wolfgang sich von dort den Gewürzständer selbst holen sollte. Das Gesicht des Mannes hinter der Theke war nicht zu sehen und er hatte auch keinen Ton von sich gegeben, die Fernsehshow ging gerade in die letzte Runde!

Wohl oder übel, aber der gedemütigte Weinverkäufer kam nicht umhin, auch noch diese Kröte schlucken zu müssen, er hatte keine Wahl. Nein, selbstverständlich, er hätte einfach aufstehen und gehen können, ohne ein Wort zu sagen, aber er wollte jetzt endlich diese verdammte Suppe essen und die dazugehörige Bockwurst. Allerdings schwor sich Wolfgang hoch und heilig, hier auf keinen Fall noch Kaffee oder Nachtisch zu bestellen. Genug war genug.

Der nach dem deftigen Essen entkräftete Geschäftsreisende saß noch eine Weile mit ausgestreckten Beinen völlig mürbe am Tisch und betrachtete das merkwürdige Ambiente um sich herum, nachdem er das Besteck ordentlich auf den leeren Teller gelegt und ihn zur Tischmitte geschoben hatte. Er war nun fertig mit seiner Mahlzeit, aber der Wirt machte keine Anstalten zum Abräumen und wie es den Eindruck erweckte, hatte er nicht vor, Breitscheid noch etwas anzubieten. Obgleich die wilde Talkshow vorbei war – auf dem Bildschirm berichtete ein Reporter über die Gräueltaten des Bosnienkrieges –, nahm der Wirt von seinem Gast keine Notiz. Um sein Essen zu bezahlen, musste sich Wolfgang wohl aller Voraussicht nach selbst zur Theke bemühen. Er hatte es aber nicht eilig.

Je länger er sich die Hexenfiguren ansah, desto mehr Details kamen für ihn zum Vorschein, umso lebendiger wirkten auf ihn die Puppen, und er hätte schwören können, dass sein Blick sich bisweilen mit dem Blick der einen oder anderen Hexe kreuzte. Es mutete ihn seltsam an, er wusste nicht, was er davon halten sollte. Vor allem wunderte ihn aber der Umstand, dass er in den Augen einzelner Figuren völlig unterschiedliche Botschaften las: Manchmal war es der Blick einer hasserfüllten Frau, die auf Rache aus war und ihn mit üblen Worten beschimpfte, ein anderes Mal versuchte ihn eine Hexe hinterlistig mit süßen Worten zu verführen, um ihn dann ins Verderben zu stürzen, aber am meisten hatte es ihm ein junges Mädchen angetan, fast noch ein Kind, das gar nicht wie eine Hexe aussah, strahlend blaue Augen hatte und nicht so recht hierher passte. Sie flehte ihn mit ihren Augen um Hilfe an, und diese Bitte schien ihm aufrichtig zu sein. Es wurde unheimlich, einen Augenblick lang glaubte Wolfgang, dass jede einzelne Hexenfigur, die sich in der Wirtschaft befand, ihn anstarrte und ihm etwas mitteilen wollte, und er konnte sich vor den alles durchdringenden, nadelscharf stechenden Blicken nicht retten.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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