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Des Teufels Steg: Seite 26
Das Gefälle setzte dem kleinen Fiesta aufs Übelste zu. Er wurde innerlich geschlaucht, die Tortur nahm ihm die letzte Kraft, die er noch besaß. Der Motor heulte wie ein Flugzeugtriebwerk, Wolfgang hatte in den zweiten Gang herunterschalten müssen, damit dem Kleinen nicht zufällig noch ganz der zündende Funke ausging, aber der Wagen bewegte sich kaum. Eine gelbe Warnleuchte ging an auf der Instrumententafel, bemerkte Wolfgang. Kühlmitteltemperatur, das war sein erster Gedanke und er erwies sich als richtig, nachdem Wolfgang genauer hingesehen hatte, der Zeiger befand sich gefährlich nahe an der kritischen Marke. Der gebeutelte Weinvertreter hoffte inständig, dass er bald bis zur Kuppe des Hügels kam und es flacher wurde, doch die Straße trieb ihn in den Wahnsinn: Sie wurde noch steiler! Er musste in den ersten Gang herunterschalten, Gelb wurde zu Rot, die Anzeige stand nunmehr jenseits der Gefahrenbereichsmarkierung. Wolfgang hielt nicht an, er dachte nicht einmal daran, vielmehr fuhr er im Schritttempo weiter und ließ den Fiesta mit dem Gefälle aus letzter Kraft kämpfen, um nicht auf diesem verdammten Abschnitt liegen zu bleiben – was hätte er dann eigentlich tun sollen? Nicht einmal den Wagen anzuschieben, wäre bei dieser Steigung möglich gewesen. Weiterfahren! Weiterfahren, flüsterte Wolfgang vor sich hin wie besessen, weiterfahren, sogar auf die Gefahr hin, dass der Kühler explodierte! Und das Schicksal zeigte sich gnädig. Das Gefälle nahm allmählig ab, er fuhr offenbar nun doch endlich auf die Kuppe hinaus, oder besser gesagt auf ein Plateau, denn er konnte den Straßenverlauf ungehindert kilometerweit sehen. Er schaltete in den dritten Gang, in der Hoffnung, dass sich die Warnleuchte bald abschaltete, aber sie ging nicht in Erfüllung, das Lämpchen leuchtete erst mal tiefrot weiter. Ein Ortsschild »Buntenbock« am Straßenrand begrüßte ihn, während er an einer Straße vorbeifuhr, die rechts in den Ort hineinführte. Er hatte, wie es ihm vorkam, Clausthal erreicht, denn Buntenbock war allem Anschein nach ein Stadtteil davon, das verkündete zumindest das Schild. Es dauerte allerdings noch gute fünf Minuten, bis vorne einige Wohnhäuser auftauchten, die schon zu Clausthal selbst gehörten. An dem Schild mit der entsprechenden Beschriftung fuhr Wolfgang bereits im vierten Gang vorbei, die Warnleuchte war erloschen. Trotzdem, er plante einen Stopp in Clausthal, zum einen, um dem Kleinen, der ihn nicht im Stich gelassen hatte, die nötige Zeit zum Abkühlen und zum Erholen zu geben – Autos waren letzten Endes so wie Menschen, sie brauchten Zuneigung –, und zum anderen hatte er immer noch Hunger. Die Gelegenheit dafür bot sich gleich, nachdem Wolfgang direkt an der ersten Kreuzung auf die Straße abgebogen war, die ihn auf seine ursprünglich geplante Route zurückbrachte, ohne dass er noch lange durch die Stadt fahren musste. Er sah das kleine Imbisslokal und hielt sofort an.
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»Mahlzeit!«, sagte Wolfgang freundlich, als er das Lokal betrat. »Mahlzeit«, brummte zur Antwort der urige Wirt hinter der Theke, ein eher kleiner, untersetzter Kerl in den Jahren mit zerzaustem Vollbart, langen ungekämmten Haaren, in einem hellen T-Shirt, das schon eine Wäsche hätte vertragen können. Der hungrige Weinhändler sah sich flüchtig um und fragte: »Was gibt es denn Leckeres zu Mittag?« Der Mann hinter der Theke zeigte schweigend mit dem Finger nach oben, ohne seinen Blick vom laufenden Fernseher abzuwenden, der rechts von ihm auf dem Tresen stand. »Steht alles da«, grunzte er schließlich kaum hörbar, während Wolfgang sich dem Studium des Aushangs für Speisen und Getränke widmete, der über der Theke angebracht war. Besonders gesprächig war der Wirt wohl nicht. Vielleicht war es auch der Grund, überlegte Wolfgang, dass um die Mittagzeit außer ihm selbst und dem Chef in dem Imbisslokal kein Mensch anwesend war. Man konnte nicht mit Gewissheit sagen, was es für eine Einrichtung war, die Wolfgang gerade besuchte – ob sie eine Art Schnellrestaurant darstellen sollte oder ob es mehr eine Bierstube war, in der abends die Bewohner der umliegenden Häuser auf ein Bierchen vorbeischauten, um den örtlichen Klatsch zu besprechen. Es war ein ziemlich kleiner, rustikal eingerichteter Raum, wo links in der Ecke die Theke ihren Platz hatte und im Übrigen noch zwei Stehtische direkt an der Tür aufgestellt waren und drei handelsübliche Kücheneckbänke mit Tisch und zwei Stühlen entlang der Wand standen. Doch etwas war überaus ungewöhnlich an diesem Lokal, das Wolfgang gleich ins Auge fiel: In jeder Ecke, auf jedem Tisch, auf der Theke neben dem Fernseher, über der Eingangstür – überall waren Hexenpuppen verschiedenster Art aufgestellt, hingesetzt oder einfach an der Wand festgemacht, sie hingen gar von der Decke herab, befestigt mit einem Seil an den Leuchten. Und es gab viele davon, sehr viele. Dies brachte Wolfgang auf den Gedanken, dass das Lokal durchaus ganz anderen Zwecken dienen konnte, als von ihm zunächst angenommen. Aber welchen? Das erschloss sich ihm nicht. »Könnte ich diese Erbsensuppe haben?«, fragte Breitscheid höflich. »Mit zwei Bockwürstchen bitte, wenn es geht.« Der schweigsame Wirt nickte zustimmend, während er sich nach wie vor eine Fernsehsendung ansah, es lief irgendeine Talkshow. »Wollen Sie auch ein Brötchen dazu?«, wollte er nach einer Weile wissen. Sein Blick war unverändert auf den Bildschirm gerichtet. »Ja, bitte.« »Dann nehmen Sie mal Platz«, gab er schließlich nach der nächsten Sprechpause von sich, sichtlich unzufrieden mit der Programmunterbrechung. »Ich bring gleich alles.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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