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Des Teufels Steg: Seite 25

Während der Zeit, die er im »Suff« verbracht hatte, war viel passiert, musste er feststellen, als er nach ein paar Tagen wieder einigermaßen klar denken konnte: Hildegard und er waren jetzt ein geschiedenes Paar, erfuhr er aus einem Gerichtsbeschluss, den er im Haufen ungeöffneter Briefe vor der Tür fand, sie lagen allem Anschein nach schon länger dort, denn manche trugen einen Stempel von vor einem Jahr. Wolfgang wurde auch kein Sorgerecht für Anna vom Gericht zugesprochen. Kein Wunder, der Richter hätte verrückt sein müssen, das Mädchen in die Hände eines heruntergekommenen Alkoholikers zu geben. Er war von der Staubsaugerfirma gefeuert worden, ein offizielles Kündigungsschreiben, das er laut Datum schon vor anderthalb Jahren bekommen haben musste, lag ebenfalls zwischen der ungelesenen Post – was hätte er sonst noch erwarten können? Er war aus der Dreizimmerwohnung geflogen, die sie mit Hildegard und Anna bewohnt hatten. Er war mit der Miete in Verzug geraten, zahlreiche Mahnungen, die ihm die Baugesellschaft an die neue Adresse schickte und nach wie vor Geld von ihm forderte, belegten es. Aber das war für ihn nichts Neues, es war ihm durchaus bewusst, dass er aktuell in einer Einzimmerwohnung untergebracht war, die eine kleine Kochnische hatte und in der außer dem Esstisch und seiner Matratze nichts mehr vorzufinden war. Was er allerdings nicht ganz nachvollziehen konnte, war die Frage, wie er zu dieser Wohnung gekommen war. Er konnte sich nur dunkel daran erinnern, dass der Vermieter ihn eines Tages aus der alten Wohnung im volltrunkenen Zustand unter Zuhilfenahme der Polizei geworfen hatte, mehr wusste er nicht. Aber die Antwort hätte sich höchstwahrscheinlich in dem Haufen Briefe finden können, vermutete er, möglicherweise war ihm eine Sozialwohnung von Amts wegen zur Verfügung gestellt worden. Kurz, er stand vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Wolfgang fragte sich, wie er nun eigentlich während der Zeit überhaupt überlebt hatte, ohne Arbeit, ohne Verdienst. Irgendetwas musste er doch gegessen haben und der Schnaps wurde auch nicht kostenlos auf der Straße verteilt. Bekam er irgendwie Sozialhilfe von der Stadt? Das musste er noch alles herausfinden.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Vertieft in seine Gedanken hatte Wolfgang gar nicht gemerkt, dass er an dem Abzweig ins Gebirge vorbeigeknattert war. »Vorbeigeknattert« war übrigens wörtlich zu verstehen, denn der kleine Fiesta erzeugte beim Ausstoß der Abgase laute knallende Geräusche eines getunten schweren Motorrads. Vermutlich lag der Grund darin, dass der Schalldämpfer am Auspuff entweder ganz abgefallen oder auf seiner durchgerosteten Oberfläche ein beachtliches Loch entstanden war, verursacht durch die »rasante« Fahrt mit hohen Umdrehungszahlen. Aufmerksam auf seinen Fehler wurde Wolfgang erst, als er das Ausfahrtschild »Osterode« vor sich sah und dadurch von seinen Erinnerungen abgelenkt wurde, denn soweit er sich noch entsinnen konnte, kam dieser Name auf der Route, die er festgelegt hatte, nicht vor. Er ärgerte sich über seine Unachtsamkeit, warf einen Blick auf die Karte, die er vorsorglich auf dem Beifahrersitz ausgebreitet hatte, und stellte fest, dass es zum Glück keine große Sache war. Er fuhr zwar einen kleinen Umweg, aber am Ende wäre er über Osterode, wenn er gleich im Ort nach links abbog, ebenfalls nach Clausthal gekommen, und das war ein Städtchen, an dem er in jedem Fall vorbeimusste.

Wolfgang hatte nicht lange nach der richtigen Abfahrt von der Bundesstraße suchen müssen, der Weg nach Clausthal war gut ausgeschildert. Er fuhr nun durch den Ort auf einer breiten Hauptstraße, die ziemlich gerade verlief und ihn voraussichtlich so bis zu seinem Ziel brachte, denn auf den Schildern war die Fahrtrichtung nach Clausthal immer als gerader Richtungspfeil mit der Spitze nach oben angegeben. Ihm fiel auf, dass die wenigen Passanten, die entlang der Straße auf dem Bürgersteig spazieren gingen, ein unverkennbares Interesse für sein Auto an den Tag legten, denn jedes Mal, wenn er jemanden überholte, drehte sich derjenige um und sah sich aufmerksam Wolfgangs Gefährt an, und jeder Fußgänger, der Wolfgang entgegenkam, hielt plötzlich inne in der Bewegung, fixierte mit dem Blick den Fiesta, der auf der Straße fuhr, und folgte dem Wagen noch eine Zeit lang mit den Augen, bis Wolfgang ihn nicht mehr im Rückspiegel sehen konnte. »Ihr könnt mich mal alle …«, murmelte Wolfgang halblaut, obwohl die gesetzestreuen Bürger ihn ohnehin nicht hätten hören können, auch wenn er die Fenster seines Autos komplett hinuntergekurbelt und seine Verwünschungen lautstark ausgestoßen hätte. Er fühlte zwar eine Art Mitschuld daran, dass die Stadtbewohner sich durch die lauten Fahrgeräusche seines Wagens nicht minder belästigt sahen, als wenn auf den Straßen ihres Ortes ein Formel-Eins-Rennen stattgefunden hätte, dennoch mussten sich die Leute seiner Meinung nach nicht unbedingt so dumm anstellen und ihn so vorwurfsvoll ansehen. Er konnte letztendlich auch nicht jedem in der Welt erklären, dass er nur ein armseliger Vertreter war, der sich kein neueres Auto leisten konnte.

Wolfgang überlegte noch, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, hier in Osterode anzuhalten und eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen, schließlich war es schon halb eins und er hatte seit gestern Abend nichts außer den wenigen Kartoffelchips im Mund gehabt, Kaffee zählte hier nicht. Er war unschlüssig, zögerte und als er sich endlich entschlossen hatte anzuhalten, war es auch schon wieder zu spät, denn vorne sah er die Einfahrt in einen Tunnel und es gab keine Möglichkeit mehr abzubiegen oder zu wenden. Es war ärgerlich, er hatte indes richtig Hunger bekommen. Am anderen Ende des Tunnels war auch nicht mehr daran zu denken, denn Leitplanken zogen sich durchgehend zu beiden Seiten der Fahrbahn und machten eine Abfahrt unmöglich – es war halt ebenfalls eine vielbefahrene Bundesstraße, die Wolfgang nunmehr entlangfuhr, und sie wurde mit jedem Meter immer steiler.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.875
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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