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Des Teufels Steg: Seite 24
Seltsam erschien Wolfgang überdies die Tatsache, dass er sich eigentlich nur an die Reise in den Urlaub erinnerte und nicht an den Aufenthalt in Italien selbst. Was auch immer der Grund dafür sein mochte, aber er wusste noch genau, was es für einen Riesenärger gegeben hatte, als sie spätabends an der letzten Tankstelle vor der Grenze angekommen waren und dort erwartungsgemäß nicht die kleinste Spur von einem Motel vorgefunden hatten – der vernichtende Blick seiner Exfrau verfolgte ihn noch bis heute. Aber andererseits konnte er keine Bilder aus seinem Gedächtnis abrufen, die ihm etwas von der Ankunft in Misano an der Adriaküste erzählten, absolut keine! Er wusste unter anderem nicht das Geringste mehr darüber, was genau sie während des zweiwöchigen Urlaubs gemacht hatten. Das konnte er auch nicht mehr anhand von Fotos nachvollziehen, alle Alben hatte Hildegard heimlich mitgenommen und wie es aussah, war es nicht ihre Absicht, auch nur eins davon wieder herauszugeben. Dafür erinnerte er sich aber lückenlos daran, wie er am nächsten Tag vergeblich versucht hatte, die Alpen über das Ötztal zu überqueren, und kläglich daran gescheitert war, dass für die Durchfahrt über den Pass, als man die italienische Grenze schon beinahe hatte sehen können, für alle Fahrzeuge Schneeketten vorgeschrieben gewesen waren. Es schneite nämlich! Und wie! Alles, was im Flachland als Regen auf die Erde prasselte, und es regnete schon seit gestern Nachmittag die ganze Nacht und den halben Tag heute unaufhörlich, kam in den Bergen als Schnee herunter. »Papa, kommt jetzt der Winter?«, fragte Anna ihn immer wieder auf ihre naive kindische Art. Wahrlich, es war ein Wintereinbruch mitten im Sommer. Sogar eine Schneeballschlacht veranstalteten sie mit Anna auf einem kleinen Rastplatz, nachdem er von der österreichischen Polizei vom Pass gnadenlos zurückgeschickt worden war. Das Vergnügen war allerdings nur von kurzer Dauer, denn kalt war es genauso wie im Winter und warme Sachen nahm man in einen Sommerurlaub in Italien in aller Regel nicht mit. Sie mussten den ganzen langen Weg zurückfahren, um dann über Innsbruck auf die Brennerautobahn zu kommen und den mächtigen Bergrücken, hinter dem das sonnige Italien wie ein Traumland lag, mit Hilfe eines Tunnels zu überwinden – gebührenpflichtig, natürlich. Von diesem Zeitpunkt an, verblassten die Erinnerungen in seinem Kopf allmählig. Er wusste noch, dass sie an der ersten Ausfahrt nach dem Tunnel von der Autobahn wieder abgefahren waren, womit er erneut eine Welle äußerster Unzufriedenheit bei Hildegard ausgelöst hatte, dann sah er noch ein paar Bilder von verschlafenen italienischen Nestern in Südtirol, durch die sie gefahren waren, er fand es merkwürdig, dass eines davon ein Straßenabschnitt war mit bröseligem Belag, auf dem er fuhr, und konnte sich nicht erklären, was an der Erinnerung so wertvoll sein sollte, dass er sie behalten hatte, und als Letztes schwirrte in seinem Kopf noch eine Reihe von Namen italienischer Orte, durch die sie offenbar auf ihrem Weg in den Süden gefahren waren: Merano, Bolzano, Trento, Verona, Ferrara, Ravenna, Rimini – aber Wolfgang konnte damit nichts mehr anfangen.
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Umso mehr konnte er sich hingegen an Dinge erinnern, die ihrem letzten gemeinsamen Urlaub mit Hildegard und Anna gefolgt waren. Ein paar Monate später, es war noch vor Weihnachten im Dezember gewesen, kam Wolfgang eines Tages abends guter Laune von der Arbeit nach Hause und glaubte, ihn würde gleich der Schlag treffen. Die Wohnung stand leer, auf dem Tisch, dem einzigen Möbelstück im Wohnzimmer, lag der Abschiedsbrief von Hildegard: Sie sei ausgezogen, weil sie keinen Wert mehr auf ihre Beziehung lege. Und er, Wolfgang, solle keinen Versuch unternehmen, sie zu finden und ihr nachzustellen, sonst werde sie eine Anzeige bei der Polizei machen. Darüber hinaus informierte sie ihn, dass er Anna besser vergessen solle, sie werde ihm die Augen auskratzen, wenn sie ihn in der Nähe des Mädchens erwische. Der Brief trug kein Datum und beinhaltete keinen Abschiedsgruß. Wolfgang war wie vor den Kopf gestoßen. Ein heftiger Wutanfall ergriff Besitz von seinen Sinnen, er lief wie ein Löwe im Käfig aus einer Ecke der Wohnung in die andere und hämmerte aus aller Kraft mit geballten Fäusten gegen die Wände, bis er die Fingerknöchel blutig geschlagen hatte. Alsdann ließ er sich erschöpft auf der Bettmatratze nieder, die ihm seine Frau wohl »freundlicherweise« überlassen hatte, sie lag verwaist auf dem Boden im Schlafzimmer, und dachte nach: »Von wegen nicht nach dir suchen! Und wie ich nach dir suchen werde! Und vor allem nach meiner Tochter, da kannst du sicher sein. Das kannst du mit mir nicht machen, das wirst du noch sehen, warte ab, bis ich dich in die Finger kriege. Sie muss es ja alles schon von langer Hand geplant haben, diese … diese … diese …«, fand Wolfgang nicht das richtige Wort, das ihm verletzend genug vorkam, um den Frust über seine Frau auszudrücken, in Anbetracht dessen, was sie vollbracht hatte. »Man braucht mehrere Stunden, wenn nicht einen ganzen Tag, um alle Möbel wegzuschaffen. Der Umzugswagen muss heute Morgen schon um die Ecke bereitgestanden haben, als ich nichts ahnend zur Arbeit ging. Du … Du … Du …« Seinen Ärger in Alkohol zu ertränken, schien ihm nach einer Stunde wüster Beschimpfungen, die in gewissen Zeitabständen aus seinem Munde kamen und durch die leeren Räume hallten, eine bessere Alternative zu sein, als am sinnlosen Fluchen zugrunde zu gehen. Er zog sich wieder seinen Mantel an, ging zur Tür hinaus und zog sie mit einem lauten Knall hinter sich zu, damit die Nachbarn auch etwas von seinem ungeteilten Leid erfuhren. Die Frage, inwieweit es ihm in dem Augenblick bewusst gewesen war, dass sein Ausflug in Bacchus’ Reich sorgennehmender Weingeister länger dauern konnte, stellte er sich erst nach ungefähr zwei Jahren, als er eines Morgens völlig verkatert auf seiner verdreckten Matratze umgeben von leeren Schnapsflaschen, die überall in der Wohnung umherlagen, und Bierkisten mit Leergut, die sich übereinander stapelten, aufwachte, sich an der schon lange nicht mehr rasierten Wange kratzte, an der noch Essensreste klebten, und zu der Einsicht kam, dass es so nicht weiterging.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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