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Des Teufels Steg: Seite 231
Nachdem sich vor drei Jahren die Zeitpforte geschlossen hatte, verweilte der völlig verwirrte Schriftsteller noch eine Zeit lang auf der Teufelsbrücke und beobachtete mit seinem nach innen gekehrten Blick den Sonnenaufgang. Er überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Es dauerte lange, bis Richard wieder einigermaßen klar denken konnte. Erst nach Ablauf einer geraumen Zeit entschloss er sich, nach Thale zu wandern und bei Elke zu klingeln, den Weg entlang des Flusses kannte er bereits. Knöpfle hoffte, dass seine neue Freundin, und mittlerweile stand für ihn fest, dass er mit der Frau den Rest seines Lebens verbringen wollte, zu Hause in ihrem Bett schlief. Er konnte nicht beurteilen, was sich zugetragen hatte, nachdem sie die Waldlichtung verlassen und sich auf den Weg zur Seilbahnstation gemacht hatte, aber möglich wäre es seiner Meinung nach gewesen. Richard hatte sonst keine Anhaltspunkte, wo er mit seiner Suche beginnen sollte. Schon als der Märchenautor aus dem Tal im Scheine der kürzlich aufgegangenen Sonne die Seile der Kabinenbahn erblickte, die nach oben zum Hexentanzplatz führten, hatte er den Eindruck, dass es sich nicht um dieselbe Konstruktion handelte, die er vor einigen Tagen gesehen hatte. Der Anschein verfestigte sich sogar noch, als der Schriftsteller die Talstation erreichte und Fahrkabinen zu Gesicht bekam, die in keiner Weise derjenigen entsprachen, mit der er mal zur Bergstation gefahren war. Doch Knöpfle war viel zu müde, um der Sache auf den Grund zu gehen. Es war wesentlich einfacher, wenn man es ignorierte. Er schritt sichtlich angeschlagen von den nächtlichen Abenteuern durch die menschenleeren Straßen der Stadt, was für ihn nicht weiter verwunderlich war, so entvölkert kannte er den Ort, und dachte darüber nach, welche Möglichkeiten es sonst noch gab, wenn er Elke nicht zu Hause antraf. Es blieb ja wohl nur eins übrig, kam er endlich zum Schluss, sich auf den Hexentanzplatz zu begeben und jeden Meter des Pfades abzusuchen, der die Waldlichtung mit der Bergstation verband. Bei der Gelegenheit konnte man auch das ehemalige Schlachtfeld auf Überlebende durchsuchen. Und um irgendwelche Spuren von Breitscheid zu finden, kam Richard wohl nicht umhin, noch einmal zur Roßtrappe hinaufzuklettern. Ach ja, fiel es Knöpfle noch siedeheiß ein! Es wäre vielleicht nicht verkehrt gewesen, die örtliche Polizeiwache aufzusuchen, um sich nach Elke zu erkundigen. Möglicherweise hatte das Sondereinsatzkommando, das gestern auf die entscheidende Art in das Geschehen eingegriffen hatte, sie irgendwo gefunden. Oder die Polizisten – auch ein blindes Huhn fand mal ein Korn – konnten unter Umständen im Besitz von irgendwelchen Informationen bezüglich der spurlos Verschollenen sein. Nach nicht allzu langer Zeit kam der Legendensammler todmüde zu dem Hochhaus hinaus, in dem er erst vor zwei Tagen übernachtet und mit Abstand die beste Liebesnacht seines Leben verbracht hatte, zu Elkes Haus. Er stand vor dem Eingang und suchte voller Hoffnung nach der Klingel mit der Aufschrift »Käßler«, als er sich mit einem weiteren Problem konfrontiert sah: Einen Knopf mit diesem Namen gab es nicht. Überrascht trat der Schriftsteller ein paar Schritte zurück und blickte nach oben, zu den Fenstern der Wohnung, in der er seiner Erinnerung nach bei Elke zu Besuch war. Hinter den Scheiben hingen ganz andere Gardinen als die, die er beim Fensteröffnen beiseitegeschoben hatte.
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»Suchen Sie jemand?«, fragte eine leicht unsympathisch wirkende Frau mittleren Alters misstrauisch, die gerade aus der Haustür herauskam, während sie Knöpfle in seiner verdreckten Kleidung maß. »Ja«, bestätigte Richard. »Kennen Sie eine Elke Käßler, die hier wohnt?« Die Frau grübelte eine Weile nach. »Nein, eine Käßler gibt’s hier nicht«, sagte sie. »Aber erst vor zwei Tagen«, fuhr Knöpfle beharrlich fort, »habe ich sie in dieser Wohnung im ersten Stock besucht!« »Nein, da wohnt keine Käßler!«, versicherte ihm die Frau. »Wer dann?« »Wollen Sie mich jetzt etwa ausfragen, wie die Leute heißen und wann sie zu Hause sind?«, fragte die Frau misstrauisch. »Nein, nein!«, beeilte sich der Schriftsteller mit seiner Richtigstellung, denn offenbar hielt ihn die ahnungslose Mieterin für einen gemeinen Einbrecher, den sie bei der Planung seines nächsten Coups erwischt hatte. »Wenn Sie glauben, dass ich …« »Dann sollten Sie hier lieber verschwinden!«, fuhr ihn die Frau unhöflich an. »Sonst rufe ich gleich die Polizei.« Die unangenehme Frau drehte sich um und ging ihrer Wege, vermutlich zur Arbeit. Das Letzte, was Knöpfle noch aus ihrer Richtung gehört hatte, war: »Die ganzen Penner, die hier Tag und Nacht rumlungern …« Richard stand ratlos da. Und nun? Okay, fiel es ihm wieder ein, die gute Frau hatte ja schon mal in die richtige Richtung gedacht: Polizei! Er sollte jetzt als Erstes dort einen Besuch abstatten, beschloss Richard, und wenn es nichts brachte, zur Waldlichtung wandern. Auch nach dem zweiten ziemlich deutlichen Hinweis, dass mit seiner Umwelt etwas nicht in Ordnung war, kam dem Märchenautor nicht in den Sinn, einen Passanten nach dem aktuellen Datum zu fragen. Der Besuch bei der örtlichen Polizei brachte keine Klarheit in die Angelegenheit, vielmehr verursachte das Gespräch mit den lokalen Gesetzeshütern noch eine größere Verwirrung in Richards ohnehin schon vor Aufregung qualmendem Kopf. Denn hier hatte noch nie jemand irgendwas von einer Zusammenkunft von Rechtsradikalen auf dem Tanzplatz gehört, geschweige denn von einem SEK-Hubschraubereinsatz.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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